Wie geht’s, Hans-Gerd Bode? Bode, 64, war der Kommunikations-Kopf des VW-Konzerns, sprach für Porsche, Opel und Mitsubishi. Im Gespräch mit Harald Hamprecht zieht Mr. Zuverlässig die Bilanz seines Sprecher-Lebens.

Fotos: Imago, privat; Lesezeit: 5 Minuten

Wie geht’s, Hans-Gerd Bode?
Besser als der Konjunktur.

Das ist nicht schwer. Was machst du gerade?
Ich erlebe Familienleben aus der Nähe – und das ist für alle Beteiligten eine neue Erfahrung. Plötzlich bin ich da, wo ich sonst selten war. Ich habe ein paar ehrenamtliche Aufgaben übernommen, vor allem im sozialen Bereich, und unterstütze hier und da mit Wissen und Erfahrung.

»Mich beschäftigt der weit verbreitete Pessimismus in unserem Land«

Was bewegt dich?
Mich beschäftigt der weit verbreitete Pessimismus in unserem Land. Wir haben allen Grund, mit mehr positiver Energie und Mut nach vorne zu gehen. Es gibt so viele großartige Dinge, doch viele ziehen sich zurück oder verstecken sich hinter Vorschriften. Aber: Nur wer macht, bewegt auch etwas.

Was bewegst du?
Ich versuche, Menschen zu helfen – das war schon immer mein Antrieb. Früher hieß das: Mitarbeiter fördern, Perspektiven schaffen, Erfolge gemeinsam feiern. Heute geht es mehr darum, Menschen in schwierigen wirtschaftlichen oder sozialen Lagen zu unterstützen. Ich bewege mich also selbst in eine neue Lebensphase – von der aktiven zur genießenden. Und das fühlt sich richtig an.

Wie sieht deine persönliche Mobilität aktuell aus, was bewegt dich im wörtlichen Sinne?
Ich fahre viel Fahrrad, hin und wieder Golfcart – und ja, ich freue mich auch über einige Fahrzeuge aus früheren beruflichen Stationen.

Welche?
Zum Beispiel ein Mercedes SL und ein Porsche 964 Cabrio. Der Rest bleibt Privatsache. Nur so viel: Mobilität ist für mich inzwischen weniger PS-Frage als Haltungssache.

Wo trifft man dich zurzeit?
In meiner Garage – nach Meinung meiner Frau eindeutig zu oft (lacht). Außerdem beim Radeln im Oberbergischen, auf dem Golfplatz oder irgendwo zwischen Bonn, Köln und Düsseldorf. Und manchmal zieht es mich nach Stuttgart. Die vielen Jahre dort bedeuten viele Freundschaften, die gepflegt werden wollen.

Was hat sich zuletzt für dich verändert?
Mein Kalender. Der gehört jetzt mir. Und trotzdem scheint er sich schneller zu füllen, als mir lieb ist.

»Bleibt mutig, fragt nach, sucht eure Chancen – und traut euch. Mut ist selten bequem, aber immer lohnend«

Gab es Momente, die dich besonders geprägt haben?
Oh, das wäre ein abendfüllendes Thema! Es gab viele Momente, in denen ich dachte: Schlimmer geht’s nicht mehr. Ob brennende Motoren, der Elchtest bei der A-Klasse, das Diesel-Thema bei Volkswagen – jedes dieser Kapitel war für sich genommen sehr heftig, hatte seine eigene Dynamik. Aber wir haben das als Team verarbeitet.

Was war dein bester Chef?
Mit Matthias Müller habe ich die intensivsten Erlebnisse gehabt, das war eine sehr spannende und respektvolle Zusammenarbeit.

Was war der schlimmste Chef?
In den vielen Jahren erlebt man unterschiedliche Charaktere, das Rollenverständnis hat sich geändert. Ich könnte jedem mit guten Gewissen heute noch gegenübertreten und das gilt für beide Seiten.

Wer waren deine wichtigsten Mentoren?
Helmut Bauer bei Mitsubishi, Karl Mauer bei Opel, Wolfgang Inhester bei Mercedes. Später bei Volkswagen Klaus Kocks, Dirk Große-Leege und Dr. Pischetsrieder. Bei Porsche waren es Anton Hunger und Wendelin Wiedeking. Die spannendste Zeit hatte ich beruflich sicher mit Matthias Müller.

Was treibt dich heute noch an – oder hast du schon genug erreicht?
Ich bin sehr zufrieden. Meine Familie ist gesund, unsere beiden Kinder stehen kurz vor ihren Studienabschlüssen. Das ist ein schönes Gefühl.

»Mit Matthias Müller habe ich die intensivsten Erlebnisse gehabt, das war eine sehr spannende und respektvolle Zusammenarbeit«

Planst du ein Comeback in der Autoindustrie?
Im Handel mit alten Autos vielleicht?! (lacht) Nein, ich schaue lieber von außen zu. Ich durfte mitgestalten, jetzt dürfen das Jüngere tun – und sicher mit neuen Ideen.

Was würdest du heute anders machen, wenn du noch einmal anfangen könntest?
Ich würde unbedingt im Ausland arbeiten. Andere Kulturen wirklich zu erleben, erweitert den Horizont.

Welchen Rat gibst du jungen Menschen?
Bleibt mutig, fragt nach, sucht eure Chancen – und traut euch. Mut ist selten bequem, aber immer lohnend.

Welches Buch liegt gerade auf deinem Nachttisch?
Barbarentage von William Finnegan – wunderbar ehrlich – und Macht im Umbruch von Herfried Münkler. Zwei Bücher, die sehr unterschiedliche, aber kluge Perspektiven eröffnen.

Wie möchtest du, dass man sich an dich erinnert? Als Macher, Visionär, Stratege?
Nein, das klingt zu groß. Ein Denkmal braucht es sicher nicht. Ich wünsche mir, dass die Menschen, die mit mir gearbeitet haben, ein positives Bild behalten. Das reicht völlig.

Wie siehst du die aktuelle Lage der Automobil-Industrie ?
Sie ist herausfordernd. Die Unsicherheit zwischen konventionellem Antrieb und E-Mobilität ist groß. Ich bin ein Fan von Elektroautos – hatte schon einige – aber die Entwicklung ging rasant. Heute passt die Technik, doch die Industrie braucht wieder mehr Mut. Innovation entsteht nicht aus Angst.

Und Deutschlands Rolle dabei?
Deutschland wird nicht mehr die dominante Rolle haben wie früher, aber eine starke. Vielleicht eher als Know-how-Lieferant, vielleicht als Spezialist. Wichtig ist, dass wir wieder auf die Kunden hören: Was brauchen sie wirklich? Nicht alles muss digital sein. Europa könnte insgesamt etwas weniger regeln – wir verlieren uns zu oft in Paragrafen statt in Ideen.

»Nicht alles im Auto muss digitalisiert sein. Ein Drehknopf kann durchaus glücklich machen«

Wohin entwickelt sich Design?
Es kehrt zurück! Design ist wieder wichtiger als reine Funktion. Die Front- und Heckleuchten sind schön, aber entscheidend ist das Gesamtbild – Form und Funktion müssen wieder zusammenfinden.

Und die chinesischen Hersteller?
Die machen einen hervorragenden Job. Viele von ihnen haben wir ausgebildet, sie nutzen ihre Freiheit, weniger Restriktionen, mehr Tempo. Wir sollten daraus lernen – wie damals, als wir das SUV-Segment verschlafen haben. Ich durfte mal bei Mitsubishi Motors arbeiten, der Pajero war damals Marktführer in einem Segment, das deutsche Anbieter gar nicht auf dem Radar hatten. Heute sind wir dort führend. Das zeigt: Wir können das und wir packen das auch.

Was hältst du vom Software-Fokus?
Software ist entscheidend, aber wir neigen dazu, die 130-Prozent-Lösung zu suchen. Manchmal reicht auch 80 Prozent, um loszulegen. Ich mag digitale Produkte, aber: Nicht alles im Auto muss digitalisiert sein. Ein Drehknopf kann durchaus glücklich machen.

Welchen Rat würdest du heutigen CEOs geben?
Sie wissen, wo sie hinwollen – sie müssen sich nur wieder trauen. Mut zur Idee, Mut zur Entscheidung, Mut zum Risiko. Mut war immer die wichtigste Währung dieser Branche.

Was waren die schlimmsten Erfahrungen deiner Sprecher-Zeit?
Die komplexen Anfragen mit umfangreichem Fragenkatalog, die immer am späten Abend kurz vor dem Wochenende aufschlugen. Da war es schon sehr herausfordernd im zeitlichen Rahmen des nahenden Redaktionsschlusses noch alle Antworten mit entsprechender Expertise zu bekommen.

Was war die wichtigste Wahrheit, die niemand hören wollte?
Da gehen die Vorstellungen sicher weit auseinander. Wenn die Recherche schon fertig und die Anfrage im Unternehmen nur ein Placebo ist, dann braucht es schon große Überzeugungskraft.

»Peter Slotherdijk durfte ich verschiedentlich live erleben. Ich gebe aber zu, ich konnte nicht immer bis zur letzten Sequenz folgen«

Was waren die positivsten Begegnungen mit Journalisten?
In den vielen Jahren zahllos. Es ist wie im richtigen Leben, manche Menschen finden zueinander, andere fremdeln. Das ist völlig normal und daher ist jedes Aufeinandertreffen spannend. Logisch ist, positive Dinge lassen sich ansprechender verpacken. Bei negativen Themen erfordert es eben intensiverer Gespräche.

Welche Journalisten bewunderst du?
Bewundern, das ist ein großes Wort. Jeder versucht seine Aufgabe so perfekt wie möglich zu machen. In früheren Jahren gab es viel mehr Zeit für Recherche, daraus entstanden dann umfangreiche Veröffentlichungen, je nach Titel auch mit herausragenden stilistischen Stilmitteln. Ich glaube es ist nicht fair, diese Zeiten und damit Namen miteinander zu vergleichen.

Welchen Schriftsteller schätzt du?
Schon im Studium hat mich Hermann Hesse begeistert, sein Umgang mit der Sprache, seine psychologischen Ansätze und der Umgang mit Authentizität und Selbsterkenntnis.

Welchen Philosophen?
Peter Slotherdijk durfte ich verschiedentlich live erleben. Ein Faszinosum seinen Gedanken zuzuhören, ich gebe aber ehrlich zu, ich konnte nicht immer bis zur letzten Sequenz folgen.

Wenn andere laut wurden, blieb er gelassen: Hans-Gerd Bode war der Mann für die richtigen Worte zur richtigen Zeit. Bode verstand Kommunikation immer als Haltung, nicht als Show. Authentizität, Verlässlichkeit und Timing waren seine Markenzeichen. Dabei blieb er immer nahbar. Kollegen beschreiben ihn als strategischen Kopf mit Bodenhaftung. Viele seiner ehemaligen Weggefährten führen heute selbst große Kommunikationsteams. Und zitieren noch immer Sätze, die typisch Bode sind: „Man muss nicht jeden Sturm kommentieren – wichtiger ist, zu wissen, in welche Richtung der Wind wirklich weht.“