Weniger senden, mehr zuhören: Das fordert die Journalistin und Kommunikationsberaterin Carline Mohr von Medien, Politik und Journalismus. In der Turi.Edition.23 verrät sie außerdem, was Gratiskaffee im Flugzeug damit zu tun hat.
Foto: Anne Hufnagl, Lesezeit: 3 Minuten
Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde so viel kommuniziert wie heute. Und bei jedem Blick aufs Smartphone werden wir konfrontiert mit Hass und Hetze. Das ist anstrengend, manchmal auch frustrierend. Es gibt Leute, die fordern als Konsequenz, man solle beispielsweise TikTok verbieten. Das halte ich für Unsinn. Es ist der sinnlose Kampf gegen ein Symptom.
Die Princeton University hat 2016 in einer Studie untersucht, was den sogenannten Flugkoller auslöst, auch „Air rage“ genannt. Das Ergebnis: Weder die Enge des Raumes noch das schlechte Essen oder unfreundliches Flugpersonal sind entscheidend für die gereizte Stimmung an Bord. Stattdessen fanden die Forscher und Forscherinnen heraus, dass aggressive Ausbrüche wahrscheinlicher sind, wenn es für alle sichtbar eine erste und zweite Klasse gibt.
»Alle Menschen möchten wie Sender, also wie Redakteure, behandelt werden. Auf Augenhöhe. Mit dem nötigen Respekt vor ihren Themen«Das Wissenschaftsteam konnte außerdem nachweisen, dass es die Stimmung um das Zwölffache verschlechtert, wenn die Passagiere der zweiten Klasse auf dem Weg zu ihren Plätzen durch die erste Klasse gehen. Und dort mit eigenen Augen sehen, wie entspannt ihre Reise sein könnte. Der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen schlägt vor, diese Studie als Parabel für die vernetzte Welt zu begreifen.
Wir sind permanent online und vergleichen uns mit anderen, sobald wir Instagram, Facebook oder LinkedIn öffnen. Wir vergleichen unser Aussehen, unseren Status, unser Glück. Und wir vergleichen uns nicht nur mit den Nachbarn, sondern mit der ganzen Welt. Das muss schlechte Laune auslösen. An die Stelle des „Air Rage“ tritt die „Information Rage“. So nennt Pörksen die permanente Gereiztheit und Aggression, ausgelöst durch Überinformation und unmittelbare Vergleichbarkeit.
Das Problem sind also nicht (nur) die Plattformen. Um die Rolle der Kommunikationsgesellschaft in dieser Parabel zu verstehen, müssen wir den Blick auf die gewaltigste Veränderung richten, die die vernetzte Kommunikation mit sich gebracht hat: die redaktionelle Gesellschaft, in der jeder nicht nur Empfänger, sondern auch Sender ist. Und alle Menschen möchten auch wie Sender, also wie Redakteure, behandelt werden. Auf Augenhöhe. Mit dem nötigen Respekt vor ihren Themen.
»Echtes Interesse an anderen Meinungen, mit der Bereitschaft zum Dialog auf Augenhöhe, mit der Offenheit, auch mal die Perspektive zu wechseln«Politikerinnen können nicht mehr einfach ihre Botschaften über die Bürgerinnen und Bürger ergießen, ohne zuzuhören oder Entscheidungen transparent zu erklären. Journalistinnen können nicht mehr einfach ihre Inhalte nach draußen senden, ohne die Leser in ihre Berichterstattung miteinzubeziehen. Und Unternehmen müssen ihre Kommunikation entlang einer gesellschaftspolitischen Haltung entwickeln, die ernst nimmt, was potenzielle Kunden gerade umtreibt.
Die redaktionelle Gesellschaft hat Auswirkungen darauf, wie Menschen im echten Leben behandelt werden möchten. Unser Alltag ist ein einziges großes Gespräch geworden.Und genau so müssen wir miteinander umgehen. Mit echtem Interesse an anderen Meinungen, mit der Bereitschaft zum Dialog auf Augenhöhe, mit der Offenheit, auch mal die Perspektive zu wechseln.
Genau an dieser Stelle landen wir wieder im Flugzeug. Das grundlegende Problem löst sich nicht, indem man der Economy einen Gratiskaffee spendiert. Es löst sich nicht, wenn man Plattformen einfach verbietet. Vermutlich löst nicht einmal die beste No-Hate-Kampagne aller Zeiten das Problem.
Von einer künftigen Kommunikationsgesellschaft wünsche ich mir, dass sie dazu beiträgt, große Wahrheiten offenzulegen. Ich wünsche mir den Mut, weniger zu senden und mehr zuzuhören. Ich wünsche mir den radikalen Willen zum Dialog. Nur so bekommen wir die Chance, echte Probleme zu lösen – und nicht nur deren Symptome.
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