Für Kommunikations-Profi Tijen Onaran ist Reden Gold. In der Turi.Edition.23 erzählt sie, welche ihrer Sätze ein Leben verändert haben.

Seit einem Dienstag im November träume ich von Worten mit Wirkung. Die Menschen verbinden, Mut machen, Halt geben. Die herausstechen aus dem Grundrauschen der Kommunikationsgesellschaft und die Kraft haben, ein Leben zu verändern.

Dienstag, 19. November 2024. Obwohl die Woche noch nicht alt ist, bin ich völlig abgehetzt und abgenervt. Von mir selbst und von der Gesamtsituation. Die Ampelkoalition gibt Neuwahlen bekannt, die Wirtschaft kämpft an allen Ecken und Enden. Ich merke, wie ich kurz davor bin, mich in Selbstmitleid und „Alles ist doof“-Arien zu verlieren.

Da spricht mich eine junge Frau an: „Entschuldigung, bist du nicht Tijen?“ Ich nicke. Und sie beginnt, ihre Geschichte zu erzählen. Wie sie den Mut entwickelt hat, eine Ausbildung zur technischen Assistenz zu machen. Alle hätten ihr abgeraten. Sie hätte selbst den Ausbildungsplatz fast abgesagt, weil niemand in ihrem Umfeld so recht an sie glauben wollte. Ihre Familie hätte sich von ihr abgewandt, weil sie ja alles anders machen wollte als sie.

Dann ist sie über mich gestolpert, in einem Podcast. Seitdem folgt sie mir, sagt sie. Uns würde auch der Aspekt verbinden, dass sie ebenfalls türkische Migrationsgeschichte hat. Ich merke, wie ich mit den Tränen kämpfe.

Denn da steht eine junge Frau vor mir, die erzählt, dass ein bloßes Podcast-Interview, ihr den Mut gegeben hat, ihre Ziele zu verfolgen. Alles andere – meine eigenen Herausforderungen, meine Genervtheit, mein hoher Anspruch an mich selbst – erscheint mir dagegen auf einmal so klein. Die junge Frau öffnet ihr Notizbuch und zeigt mir zwei Sätze, die ich gesagt habe und die sie sich aufgeschrieben hat: „Was du nicht veränderst, wählst du“ und „Hab den Mut, du selbst zu sein!“ Ich sehe ihr Strahlen, ihre Lebensenergie, ihre Motivation.

Da spüre ich es wieder: Worte zeigen Wirkung. Sie schaffen Hoffnung und geben Halt in unsicheren Zeiten. Wir in der Kommunikationsbranche, die wir den Einfluss und die Möglichkeiten haben, Menschen zu erreichen mit jedem Wort, das wir schreiben oder sagen, können anderen Mut machen. Für 2025 wünsche ich mir von uns allen, dass wir uns der Macht des Wortes wieder bewusst werden: ob in schnellen Social Media Posts, längeren Streitgesprächen, Präsentationen oder am Familientisch. Vor dem Hintergrund einer neuen politischen Weltordnung, Neuwahlen in Deutschland, einem Diskurs, den es auch auszuhalten gilt in unserer Gesellschaft, appelliere ich an die Diskursfähigkeit von uns allen. Jeder und jede von uns kann sich fragen: Welcher Satz hat mein Leben verändert und mit welchem Satz werde ich das Leben von anderen verändern?