Torsten Albig war schleswig-holsteinischer Ministerpräsident für die SPD und ist heute deutscher Chef-Lobbyist für den Tabak-Konzern Philip Morris. In der Turi.Edition.23 erklärt er, warum er Streit als Chance sieht und wieso er für das Ende der Zigarette arbeitet.
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Mein Traum ist so schlicht, dass ich mich fast schäme, ihn als visionär zu bezeichnen. Ich träume von einer Gesellschaft, die Streit als Chance sieht, dem besseren Argument zum Durchbruch zu verhelfen, statt nur die eigene Position zu verteidigen. Wir reden heute nur noch – aber wir hören nicht mehr zu. Wir werden lauter, um das Gegenüber zu übertönen, nicht damit alle uns hören können.
Daten werden nicht mehr als Grundlage für Debatten genutzt – jedenfalls nicht, wenn sie unserer Position widersprechen könnten. Schon Klügere als ich (Ferdinand Lasalle) haben beschrieben, dass jede große politische Aktion im Aussprechen dessen besteht, was ist – und nicht nur dessen, was wir gerne hätten.
Ich habe meine jetzige Aufgabe mit dem Bild eines geliebten Menschen im Gedächtnis übernommen, der in seinen letzten Jahren schwer unter der Geißel Krebs leiden musste: meiner Mutter. Sie hat ihr Leben lang stark geraucht, obwohl ich und viele andere versucht haben, sie davon abzubringen. Sie hörte zwar immer wieder kurz auf, fing aber auch immer wieder an – wissend, was es mit ihr machen würde.
»Ich wollte nicht nur Papier beschreiben oder schlaue politische Sätze sagen, sondern die Realität verändern«In meinen letzten Berufsjahren wollte ich an einer Stelle wirksam sein, an der man wirklich etwas im Kampf gegen Krebs erreichen kann. Ich wollte nicht nur Papier beschreiben oder schlaue politische Sätze sagen, sondern die Realität verändern. Das beginnt mit der Tatsache, dass Menschen sich gegen alle Vernunft Zigaretten anzünden – egal, was Politik, Söhne oder kluge Oberlehrer sich wünschen.
Deshalb bin ich zu einem Unternehmen gegangen, das Zigaretten verkauft. In eine Industrie, die vor Jahrzehnten noch über die Schädlichkeit von Zigaretten gelogen und Fakten verdreht hat. Aber zu einem Unternehmen, das zugehört hat, sich ändert und sich im letzten Jahrzehnt komplett neu erfunden hat. In dem eine neue Generation von Menschen Antworten neu denkt.
Antworten, die die Zigarette ins Museum bringen werden. Und durch die der Nikotinkonsum auf eine deutlich ungefährlichere Art erfolgen kann. Lernen am Beispiel Schweden: Nur noch knapp fünf Prozent der Schweden rauchen – während es fast 20 Prozent der Deutschen tun. Aber die Schweden haben nicht aufgehört, Nikotin zu konsumieren. Sie nutzen mindestens so viel davon wie wir, nur über ein anderes Produkt: vor allem schwedische Männer nutzen Tabak- und Nikotinbeutel, die oral konsumiert – aber eben nicht mehr angezündet – werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass schwedische Männer an Lungenkrebs erkranken, liegt um 40 Prozent niedriger als im europäischen Durchschnitt.
40 Prozent Realität. Echte Menschen, deren Leben nicht mehr so enden muss wie das meiner Mutter. Krebs ist besiegbar, ohne Menschen umzuerziehen. Keine ideale Welt – aber eine viel bessere!
Vielleicht reicht die Kraft der Argumente nicht, Menschen wie meine Mutter vom Nikotinkonsum abzubringen. Aber wenn wir erreichen, dass sie trotz Konsum von Nikotin nicht an Krebs erkranken, weil sie eben keine Zigaretten mehr rauchen, wäre das ein unfassbarer Gewinn gegenüber dem Status quo – der jede Anstrengung rechtfertigt.
Sie beginnt damit, dass wir Realitäten akzeptieren, miteinander darüber reden, streiten und echte, pragmatische Lösungen dafür suchen. Ein Traum, für den ich arbeite.