Utopie oder Dystopie, Hoffnung oder Angst – wofür entscheiden wir uns? Paul Remitz, Deutschland-Chef der Omnicom Media Group, entwirft in der Turi.Edition.23 zwei Varianten der Zukunft.
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Der Gedanke an die Zukunft erfüllt mich mit Angst und Hoffnung. Es gibt nicht nur eine Zukunft, es gibt viele Varianten von ihr. Ich denke oft an die Szene in „Matrix“, in der Neo vor der Wahl steht, die rote oder die blaue Pille zu nehmen. Mit der blauen Pille verändert sich nichts. Nimmt Neo jedoch die rote Pille, erwacht er aus dem Matrix-Schlaf und kann die echte Welt mit eigenen Augen sehen. Daher habe ich eine blaue Utopie und eine rote Dystopie von Zukunft.
Variante blau: Es entsteht eine Vision vernetzter Intelligenz, die das Potenzial hat, Organisationen in vollständig agile Strukturen zu transformieren. In dieser Zukunft setzen Unternehmen auf Technologien, die ein menschenähnliches Verständnis und Bewusstsein für ihre Umwelt entwickeln können. Das klassische Modell aus Anweisungen, Kontrolle und Bürokratie wird durch neuronale Netzwerke ersetzt, die gemeinschaftlichen Wert für alle Beteiligten schaffen.
»In dieser utopischen Gesellschaft dienen Algorithmen nicht der Kontrolle, sondern der Selbstreflexion und Anregung zur persönlichen Entwicklung«Der Mensch gewinnt die Freiheit, Strategien und Prozesse dynamisch anzupassen. In dieser utopischen Gesellschaft dienen Algorithmen nicht der Kontrolle, sondern der Selbstreflexion und Anregung zur persönlichen Entwicklung. Technologie wird zu einem Mittel zur Selbstentfaltung. Die Frage „Bin ich noch ich?“ verliert an Bedeutung, da Technologie Raum für authentische Selbstverwirklichung schafft. Die Endvision: Eine privilegierte Klasse transformiert ihr „Ich“ und ihr Bewusstsein in die Matrix des Cyberspace – und kann dort unabhängig von ihrem physischen Körper weiter existieren.
Variante rot: Großkonzerne übernehmen die Gestaltung unserer Realität und schaffen parallele, manipulierte Welten. Staaten existieren nur noch als geografische Rauminformationen, ohne legislative, exekutive oder judikative Gewalt. Unser politisches und gesellschaftliches Leben wird durch Firmen geprägt, die technologische und biochemische Transformationen vorantreiben. Hochentwickelte KI entwickelt menschenähnliches Bewusstsein und Wissen, das von Organisationen genutzt wird, um kontrollierte und konkurrierende Realitäten zu erschaffen. Gewaltenteilung und objektive Realität gehören der Vergangenheit an; nur die Schöpfer der neuen Wirklichkeiten können noch zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Durch neuronale Biochips, die nur der Elite vorbehalten sind, erreichen wenige Menschen ein höheres Bewusstsein und Intelligenz. Der Rest der Menschheit wird über künstliche Realitäten und Manipulation gelenkt. Die menschliche Identität ist nicht mehr individuell, sondern basiert auf der lebenslangen Zugehörigkeit zu einem Konzern. Ich befürchte, wir sind dieser dystopischen Vision näher, als wir uns eingestehen möchten.