Wer ist der neue Mann hinter der neuen Frau an der Spitze der Deutchen Bahn? Peter Turi hat Jens-Oliver Voß im 22. Stock des Bahn-Towers am Potsdamer Platz besucht und schärft das Bild vom neuen Kommunikations- und Marketingchef der Bahn: JOV setzt auf Neustart und neue Glaubwürdigkeit.
Interview: Peter Turi, Fotos: Heye Jensen, Peter Turi; Lesezeit: 7 Minuten
Jens-Oliver, wir kennen uns viele Jahre, lange hast du bei der Deutschen Bahn für Oliver Schumacher gearbeitet. Jetzt bist du selbst Kommunikationschef der DB. Bitte erlaube mir die Sportreporterfrage: Wie fühlt sich der Aufstieg an?
Um einen bekannten Fußballer zu zitieren: Vom Feeling her habe ich ein gutes Gefühl. Aber im Ernst: sehr gut selbstverständlich. Aus meiner Sicht ist der Kommunikationschef der Bahn der interessanteste Job in der Kommunikation in Deutschland überhaupt.
Nach Papst, würde Franz Müntefering sagen.
Richtig! Es ist der Job, der mich schon immer gereizt hat. Ich freue mich, dass ich jetzt die Chance habe, hier zusammen mit Evelyn Palla als Bahnchefin für einen Neustart zu sorgen – in Kommunikation und Marketing, aber auch in der Entwicklung des Konzerns.
Deine Chefin Evelyn Palla hat 2024 einen Triebfahrzeugführerschein erworben, ich oute mich hier als Enkel des Bahnhofvorstehers von Kleinheubach. Was bringst du mit an Bahnblut?
Ich arbeite seit 20 Jahren in der Kommunikation der Bahn an verschiedenen Stellen, mein halbes Berufsleben. Ich glaube, ich habe verstanden, wie einerseits die Bahn tickt und andererseits die Politik hier in Berlin. In der ersten Hälfte meines Berufslebens habe ich im Radio beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk und bei Privatradios das journalistische Handwerkszeug gelernt.
Ein Mann der Praxis.
Ja. Ich kenne die unterschiedlichen Perspektiven auf die Medien und auf den Journalismus. Ich halte übrigens das Thema Handwerkszeug in der Kommunikation zunehmend für unterschätzt. Die Frage, wie gut du dein Handwerk beherrschst, gerät ein bisschen aus dem Fokus, zugunsten rein theoretischer Steuerungsmodelle von Unternehmenskommunikation.
Wie war dein Einstieg bei der Bahn?
Vor 20 Jahren wurde ich als jemand geholt, der die Bahn mit neuen Ideen stärker in den Publikumsmedien platzieren soll. Bis dahin war die Kommunikation stark auf Wirtschaftstitel ausgerichtet. Und mein Job war es, zu überlegen, wie kommt man in die Bild, wie kommt man in die Bunte, wie schafft man es, die Bahn auch in Richtung Boulevard zu öffnen.
Wie viel Bahn fährst du selbst?
Ich fahre nahezu jeden Tag Bahn, innerhalb Deutschlands eigentlich nur. Werktags mit der S-Bahn von Zehlendorf ins Büro zum Potsdamer Platz. Ich käme nicht auf die Idee, mit dem Auto vom Stadtrand ins Zentrum Berlins zu fahren. Ich genieße es, in der S-Bahn zu sitzen, morgens schon den Pressespiegel zu lesen, die ersten E-Mails zu beantworten und nach 20 Minuten gut vorbereitet auszusteigen.
Wann fährst du mit dem Auto?
Eigentlich nur am Wochenende zum Einkaufen. Der Rindenmulch aus dem Baumarkt passt besser in den Kofferraum meines Kombi. Oder am Wochenende mal ein Ausflug oder ein Restaurantbesuch dort, wo man mit der Bahn nicht so gut hinkäme.
Wie ist deine User-Experience als Nutzer der Bahn?
Die Bahn ist für mich das perfekte Reisemittel: Während der Fahrt kann ich entspannen, denn ein anderer lenkt. Oder ich kann arbeiten. Viele Menschen nutzen die Bahn als rollendes Büro, machen sogar Konferenzen an Bord.
Pünktlich würden sie trotzdem gern ankommen.
Beim Thema Pünktlichkeit stehen wir wirklich nicht gut da. Ich kann den Frust der Reisenden verstehen.
Darf ich anekdotische Evidenz einbringen: Bei der Jurysitzung zum CMO Mobility of the Year kamen alle Jurymitglieder mit dem ÖPNV pünktlich, nur der Kollege aus Rüsselsheim kam zu spät, weil er im Stau stand.
Würden Autofahrer die errechnete Ankunftszeit auf ihrem Navi mit der tatsächlichen Fahrzeit vergleichen, wäre sicher manche Fahrt mehr als sechs Minuten verspätet. Aber die Rechnung möchte ich gar nicht erst aufmachen.
60 Prozent Pünktlichkeit im Fernverkehr und gut 90 Prozent im Nahverkehr sind keine Glanzleistung der Bahn. Was muss sich ändern?
Wir brauchen einen Neustart in zwei Richtungen: Einerseits brauchen wir das klare Bekenntnis des Bundes, die Infrastruktur zu sanieren und dafür hohe Investitionsmittel einzusetzen, um die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte aufzuholen. Es gibt zu viele veraltete Stellwerke, Schienen und Signalanlagen. Wir haben Stellwerke, die auf eine Lebensdauer von 40 Jahren ausgelegt sind, jedoch schon 60 Jahre Dienst tun müssen. Der Bund investiert 2026 eine Rekordsumme und dafür sind wir sehr dankbar.
Und das andere?
Wir brauchen einen echten Neustart in der Art und Weise, wie die DB geführt wird. Die DB wurde in der Vergangenheit aus der Zentrale heraus geführt. Wir sind aber überzeugt, dass der richtige Weg ist, die Entscheidungen stärker dezentral vor Ort zu fällen. Dort, wo der Kunde ist, wo Bahn-Mitarbeiter jeden Tag an der Front sind. Die Beschäftigten der Bahn müssen Verantwortung übernehmen dürfen.
Das ist das Programm der neuen Bahnchefin, Evelyn Palla?
Ja. Evelyn Palla steht für einen Paradigmenwechsel, wie wir Bahn betreiben: dezentral, mit klarem Fokus auf Leistung und Performance. Zusammen mit der Unterstützung des Bundes für die Ertüchtigung der Infrastruktur sind die Chance derzeit besser denn je.
Gibt es auch in Sachen Kommunikation und Marketing einen Neustart?
Ja, da geht es für mich im Kern um Glaubwürdigkeit. Wir dürfen künftig nur noch das versprechen, was wir wirklich einhalten können. Diese neue Ehrlichkeit siehst du schon daran, dass Evelyn Palla von Anfang an gesagt hat: Bis es mit der Pünktlichkeit wirklich vorangeht, wird es noch viele Jahre dauern, weil die Infrastruktur nicht im Handumdrehen zu erneuern ist. Wir haben deshalb deutlich gemacht, dass es in diesem Jahr die Pünktlichkeit erst mal zu stabilisieren gilt. Wir sind nicht in die Falle getappt, blumige Ankündigungen zu machen, die am Ende nicht einzuhalten sind.
Habt ihr in der Vergangenheit gesündigt?
Von einer Trendwende bei der Infrastruktur zu sprechen, war 2025 sicherlich verfrüht. Dieser neue Realismus ist das klare Programm der neuen CEO und auch meines: Was wir sagen, das halten wir auch ein. Nimm das Beispiel Stuttgart 21: Wir sind mit der unangenehmen Erkenntnis, dass wir die Eröffnung nicht pünktlich hinbekommen, sofort an die Öffentlichkeit gegangen, als sie uns vorlag.
Viele sehen den Zustand der Bahn als Metapher, als Menetekel für den Zustand Deutschlands und sagen: We are fucked. Haben die recht?
Es muss sich etwas verändern. Und das gilt für die Bundesrepublik wie für die Bahn. Bei der Bahn legen wir jetzt los. Es geht ein Ruck durchs Unternehmen und wir spüren eine Aufbruchstimmung. Ich glaube, wir brauchen diesen Ruck gesamtgesellschaftlich.
Haben wir zu viel konsumiert und zu wenig investiert? Das sagen viele Ökonomen, auch Gabor Steingart.
Das ist ein Thema für die gesamte Infrastruktur in Deutschland: Schulen, Krankenhäuser, Brücken, Wasser, Gas. Wir sehen überall großen Aufholbedarf. Auch bei der Bahn.
Was muss denn passieren in diesem Land und bei der Bahn?
Ich glaube, jeder Einzelne von uns muss mehr Verantwortung übernehmen. Für sich, für die Projekte, die er vorantreibt, für die Ergebnisse. Wir haben zu stark Verantwortung sozialisiert. Zu viele Menschen am Tisch reden über ein Thema, am Ende kommt man wegen zu vieler Kompromisse zu keinem Ergebnis. Das muss sich ändern: Wir müssen schneller klarere Entscheidungen treffen.
Braucht es dafür die Krise? Ging es uns einfach zu lange zu gut?
Die Frage ist doch, befinden wir uns in einer gesellschaftlichen Krise? Natürlich muss die Wirtschaft angekurbelt werden und natürlich gibt es noch andere Hausaufgaben zu erledigen, aber wir sind aus meiner Sicht weit von einer Krise entfernt.
Vielleicht ist unsere Anspruchshaltung auch zu hoch: Ich bin heute morgen trotz Schneesturm mit der Bahn sicher, warm und pünktlich in sechs Stunden von Wiesbaden nach Berlin gekommen. Dass die Kaffeemaschine im Bordbistro ausfallen ist – so what?
Ich sehe das etwas anders. Wer für ein Bahnticket Geld zahlt, sollte erwarten können, dass es im Zug auch einen heißen Kaffee gibt. Eines der Sofortprogramme Evelyn Pallas sieht übrigens genau das vor. Wenn dann mal ein Zug unpünktlich ist, sind unsere Fahrgäste zukünftige besser versorgt.
Was muss passieren, damit du am Ende deines Arbeitstages sagst, das war ein guter Tag?
Ich muss mit Menschen zusammengearbeitet haben, deren Energie und Lust auf Veränderung ich spüren konnte. Und ich muss mir auch sagen können, ich habe an einer winzigen Stelle etwas verändert, etwas vorangebracht. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen.
Was muss passieren, damit du sagst, das war ein Scheiß-Tag?
Wenn du mich in endlose Sitzungen einsperrst, in denen nichts entschieden wird, verfinstert mir das den Tag.
Was tust du, damit das nicht passiert?
Ich setze auf Ergebnisse. Ich gebe Verantwortung an die Kolleginnen und Kollegen. Das Thema dezentrale Entscheidungen gilt für alle Geschäftsfelder der Bahn, aber auch für Kommunikation und Marketing. Wir haben den Bereich schlanker gemacht, Entscheidungsprozesse verkürzt.
Was heißt das konkret?
Ich setze mein Vertrauen ganz auf die Kolleginnen und Kollegen, die wir an den entscheidenden Stellen haben. Ich vertraue darauf, dass sie einen richtig guten Job machen, weil ich weiß, dass wir ein extrem gutes Team zusammengestellt haben. Allein durch dieses Vertrauen werden wir schlagkräftiger, schlanker und schneller. Das bedeutet: mehr Output, weniger Abstimmungsschleifen, weniger Meetings. Es macht mich wirklich froh und zufrieden, wenn ich sehe, wie unser Laden wieder läuft und funktioniert.
Deine Chefin Evelyn Palla hat angekündigt, bis zur Hälfte aller Führungskräfte einzusparen und für funktionierende, saubere Toiletten zu sorgen. Wie hängen die Dinge zusammen, die Toiletten mit den Vorständen?
Es ist ganz einfach: Bei einem zentral gesteuerten Unternehmen wie der Deutschen Bahn ist die Konzernzentrale ein immenser Kostenblock. Das Geld dafür muss verdient werden: vom Fernverkehr, vom Regionalverkehr, vom Güterverkehr. Und je mehr Menschen in der Zentrale sitzen, desto weniger Geld ist vor Ort für die Kunden da. Wenn wir in der Konzernleitung schlanker werden, haben wir mehr Mittel, um bei den Kunden für funktionierende Kaffeemaschinen, für saubere Bahnhöfe und Toiletten und für vieles mehr zu sorgen.
Wie verzahnt sind PR und Marketing bei euch? Du bist ja Leiter Kommunikation & Marketing.
Ich finde, es ist ein großer Mythos, dass Kommunikation und Marketing sich extrem eng verzahnen können. Natürlich gibt es Schnittmengen und natürlich brauchen beide ein gemeinsames Ziel. Die Wahrheit ist jedoch, dass Kommunikation und Marketing unterschiedliche Disziplinen darstellen. Gerade ein so öffentliches Unternehmen wie die Bahn hat in der Kommunikation einen ganz anderen Rhythmus als im Marketing. Marketing hat meistens lange Vorläufe, Kampagnen werden nach Plan ausgespielt. Die Kommunikation muss tagesaktuell auf Lagen und Fragen reagieren. Das kriegt man nie eins zu eins übereinander.
Trotzdem gehört es bei euch in der Abteilung zusammen.
Ja. Es ist sinnvoll an einer Stelle verzahnt, wo es sich gegenseitig verstärkt und dadurch mehr Power entwickelt. Aber es sind doch sehr unterschiedliche Aufgabenbereiche, und die muss man auch unterschiedlich betrachten. Martell Beck ist der Mann, der für mich das Marketing macht.
Er sitzt nur zwei Büros weiter.
Aus gutem Grund. Damit wir schnell und unkompliziert miteinander reden können. Es gibt auch tagesaktuelle Themen, wie letzte Woche Freitag das Sturmtief Elli, wo wir sagen: Da gibt es eine Krise im Betrieb, dann müssen wir auch die Werbung ändern und Online-Anzeigen runternehmen. Es hat ja keinen Sinn, schöne bunte Kampagnen zu zeigen, wenn in Norddeutschland viele Züge nicht fahren.
Wo sind die Synergien zwischen PR und Marketing?
Wenn wir das Produkterleben in den Fernverkehrszügen in den Mittelpunkt stellen wollen, dann wird man das im Marketing wie in der Kommunikation sehen. Es gibt dazu Anzeigen und wir reden mit den Medien. Das läuft dann Hand in Hand. Aber insgesamt ist zumindest bei einem Unternehmen wie der DB eine volle Verzahnung von Kommunikation und Marketing weder möglich noch sinnvoll.
Spielen klassische Journalisten noch eine große Rolle in eurer Kommunikation?
Ja, Journalisten sind vielleicht sogar wichtiger denn je. Nicht nur für uns, sondern auch für das Funktionieren unserer Demokratie. Wir sehen zum Beispiel, dass der Neustart von Evelyn Palla eine mediale Reichweite von über 700 Millionen Kontakten hatte – nur in den klassischen Medien.
Medienkontakte, nicht Social Media?
Genau. Das sind Werte, die man sonst nur in der Spitzenpolitik kennt. Und erstaunlicherweise sind die Medien deutlich interessierter an diesem sehr ernsthaften Thema, als die Akteure auf Social Media.
Wird Social Media überschätzt?
Social Media ist auch für uns ein wichtiger Teil der Zukunft, aber nur ein Teil. Vor etlichen Jahren hieß es, der Journalismus ist tot. Glücklicherweise ist dies nicht eingetreten. Wir brauchen als DB beides. Zumal die Medien über Social Media mit Bahnthemen extrem große Reichweiten erzielen. Und natürlich ist es für uns eine Aufgabe, wie wir die Botschaft eines Aufbruchs bei der Bahn auch in die Kanäle von Social Media bekommen. Das ist alles anders als trivial, und unsere Fachleute arbeiten daran.
Aber?
Eine Welt, in der nur noch Social Media und KI bestimmen, was wir wissen und glauben, mag ich mir nicht vorstellen. Eine Welt ohne klassische Medien wäre für Deutschland ein großer Verlust.
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Jens-Oliver Voß, Leiter Kommunikation und Marketing der Deutschen Bahn, überzeugt Gesprächspartner schon mit dem angenehmen Timbre seiner ausgebildeten Radiostimme. JOV, wie er bahnintern genannt wird, lernt das Handwerk von der Pike auf: u.a. fünf Jahre Redaktionsleiter beim RBB, Moderator und Werbespotsprecher beim Boulevardradio von RTL in Berlin. 2005 wechselt er zur Deutschen Bahn, zunächst in die Verbraucherkommunikation. 2019 übernimmt er den neu geschaffenen Bereich „Eisenbahn in Deutschland“, dann Kommunikationschef der DB-Infrastrukturgesellschaft InfraGo. Mit dem Amtsantritt der neuen Bahnchefin Evelyn Palla im Oktober 2025 wird Voß zum Kommunikations- und Marketingchef der DB mit einem klaren Auftrag: Change!
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