Carsten Knop, Herausgeber Rhein-Main und Digital der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, schreibt in seinem Gastbeitrag für die Turi.Edition.23 vom christlichen Glauben – und warum der auch Kirchen-Kritikern helfen kann.

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Die Stärke des Vertrauens liegt in der Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen. Doch wie können wir in einer digitalisierten Welt, die Misstrauen fördert, wieder echtes Vertrauen aufbauen?

Manchmal frage ich mich: Ob die Menschen wissen, wie unchristlich Protagonisten der AfD auftreten und handeln, wenn sie angeblich die Werte des Landes verteidigen? Ob man nicht doch kommunikativ entlarven könnte, wie wenig Interesse am allgemeinen Wohlergehen und wie viel am eigenen persönlichen Vorteil dort wirklich herrscht? Ohne dass wir selbst wieder stärker christliche Werte in unserem Leben und in unserer Arbeit in den Vordergrund stellen, wird das wohl nicht gelingen: Wollen wir es also wagen, einander zu vertrauen und Glauben zu schenken – um uns nicht von egoistischen Demagogen gegeneinander aufhetzen zu lassen, sondern im christlichen Streit und Miteinander Lösungen zu finden?

 „Man schweigt, hält aus, duckt sich weg, lässt andere reden. Es erfordert Mut, daran etwas zu ändern, sich verletzlich zu zeigen und die Kontrolle abzugeben“

Wollen wir damit beginnen, etwas im öffentlichen Raum leider zunehmend Ungewöhnliches zu tun: nämlich vom christlichen Glauben zu sprechen? Neulich habe ich es einmal getan, die Resonanz war erstaunlich – positiv. Denn es steht etwas über allem: Es ist Gott, der uns als Erster und Letzter Vertrauen einräumt, „von allen Seiten umgibt er dich und hält die Hand über dich“ (Psalm 139,5). Um (berechtigte) Gegenargumente gleich vorwegzunehmen: Man muss nicht Frömmigkeit heucheln. Man kann (und muss) der Kirche in vielen Belangen selbst maximal kritisch gegenüberstehen. Man muss sich aber auch bei alldem nicht ängstlich vergewissern, ob man Gott noch genehm ist: Wir schwimmen in seinem Vertrauen. Und weil das so ist, kann jeder, der sich dieses Vertrauens gewahr ist, es auch anderen schenken. Am Ende ist es sogar Glaube, den man schenkt. Worauf warten wir also?

Wenn ich dem Begriff „Vertrauen“ noch etwas länger folge, Schritt für Schritt, stellt sich heraus: Vertrauen zu schenken bedeutet, ein Risiko einzugehen, wozu immer weniger Menschen bereit zu sein scheinen. Man schweigt, hält aus, duckt sich weg, lässt andere reden. Vor allem aber hören wir einander nicht mehr zu. Es erfordert Mut, daran etwas zu ändern, sich verletzlich zu zeigen und die Kontrolle abzugeben. Doch genau in dieser Verletzlichkeit liegt die Stärke des Vertrauens. Und schon immer sind Menschen an dieser Aufgabe gescheitert.

Und nun revolutionieren obendrein technologische Fortschritte unsere Kommunikation – und haben neue Herausforderungen für das Vertrauen geschaffen: Soziale Medien und digitale Plattformen ermöglichen es, uns zu vernetzen, aber sie fördern in erheblichem Maße auch Misstrauen und Unsicherheit. Das Gegenmittel findet sich auch hier im Kleinen, in den täglichen Interaktionen mit den Menschen um uns herum. Konkret: Dafür muss ich nicht auf Insta „geliked“ oder auf Facebook (wer noch weiß, was das ist) zum „Freund“ werden. Ein Anruf genügt. Ein Telefon zum Telefonieren nutzen, nicht zum Tippen: Probieren wir es aus. Auch auf diesem Weg entsteht tieferes Vertrauen.

Eine Gesellschaft, die auf Vertrauen basiert, ist widerstandsfähiger gegenüber Krisen und Herausforderungen. Sie ist in der Lage, Konflikte konstruktiv zu lösen und gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten, ganz bestimmt. Ein Traum am Strand des Olympic National Park in Washington State muss das nicht bleiben.