Social Media zersetzt unsere Kommunikation, sagt Neurowissenschaftler, Autor und Science Slammer Henning Beck. In seinem Gastbeitrag in der Turi.Edition.23 fordert er deshalb: Keine Likes und Shares mehr für politische Postings.

Ich steige in mein Auto und schalte das Radio ein. Es sind diese kleinen Momente, in denen mir auffällt, was das größte Problem unserer Kommunikationswelt geworden ist: Wir zerteilen den Kulturraum in unendlich viele Einzelteile.

Achten Sie darauf, was Sie im Radio erwartet: die „größten Hits der 70er, 80er, 90er“ und „das Beste von heute“. Erstaunlich, dass wir praktisch jedes Jahrzehnt an seinem typischen Sound erkennen, doch ab den 2000ern Musik zu einem phonetischen Brei verschwimmt. Oder kennen Sie den Klang der 2010er? Ende der 2000er kam das Streaming auf. Plötzlich hatte jeder Mensch seinen eigenen Sound auf den Ohren, eine generationenprägende Musikidentität konnte sich nicht mehr ausbilden. Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Klimabewegung die erste Protestbewegung in Deutschland war, die praktisch ohne Protestlieder auskam.

Jetzt bitte ich Sie: Übertragen Sie dieses „Verspotifyisieren“ auf alles andere. Auf Nachrichten, auf Politik, auf Kultur. Sie sehen das größte Dilemma unserer Zeit: Es gibt nicht „das Internet“. Es gibt „dein Internet“, „dein Netflix“, „dein Google“, „dein Instagram“. Und wer sich immer gefragt hat, warum Donald Trump so erratisch auftritt, findet hier die Antwort: Es gibt nicht „Donald Trump“. Es gibt „deinen Donald Trump“. Je kaleidoskopartiger er erscheint, desto größer seine digitale Anschlussfähigkeit.

Was haben wir über Angela Merkels „Neuland“-Metapher über das Internet gelacht. Heute lacht niemand mehr, weil wir langsam verstehen, dass Soziale Medien tatsächlich unsere Kommunikation zersetzen: Wir zerteilen den wichtigen Meinungsraum, bis man sich unversöhnlich gegenübersteht. Ein globaler Trend, der messbar ist: So ist in westlichen Demokratien Social Media ursächlich für die Schwächung demokratischer Strukturen.

Wir müssen diesen Informationsraum zurückgewinnen – und politische Viralität minimieren. Gleichzeitig darf man die Kommunikation von politischen Inhalten nicht gängeln. Darauf zu hoffen, dass Menschen diese Kompetenz selbst entwickeln, erscheint mir zunehmend naiv. Denn gerade gut gebildete Menschen sind die politisch intolerantesten und starrköpfigsten.

„Mit drei Klicks könnte man die Zerteilung des demokratischen Meinungsraums verhindern“

Vielleicht ist die Lösung eine technische. Als erstes muss der Like-Button für politische Postings weg. Wenn Facebook jede halbnackte weibliche Brustwarze zensieren kann, sollte es problemlos machbar sein, auch politische Inhalte so einzustellen, dass man sie nicht mehr liken kann.

Zweitens: Politische Posts sollten nicht mehr geteilt werden können. So vermeidet man, dass sich die Anhänger von politischen Meinungen fortwährend gegenseitig bestätigen. Und drittens: Politische Posts könnten digital gleichförmig verbreitet werden. Wenn man etwas auf TikTok postet, würde dieser Inhalt nicht konkret an passende Zielgruppen gesendet werden, sondern „gleichmäßig“ an zufällige Nutzer. So wie ein Radiosender auch gleichmäßig in alle Richtungen funkt.

Wohlgemerkt: Es wären nur politische Inhalte betroffen. Mit Schminkvideos, lustigen Choreografien oder Computerspiel-Tricks könnten die Digitalkonzerne weiter gutes Geld verdienen. Doch mit drei Klicks in den Kontrollzimmern der Digitalkonzerne könnte man die Zerteilung des demokratischen Meinungsraums verhindern.