Beim Scheiße-Schippen im Stall kommen ihr die besten Geschäftsideen, sagt Sarah Kübler, Westernreiterin und Chefin der von ihr gegründeten Social-Media-Agentur HitchOn. Eine davon beschreibt sie in der Turi.Edition #23.

Wenn ich ins Träumen komme, dann oft, während ich Scheiße schippe. Ich stehe in Gummistiefeln bei meinen Pferden im Stall. Es ist nach 23 Uhr, es regnet, es ist kalt. Unter der Jacke habe ich noch meinen schicken Blazer an. Vom Business-Dinner in den Pferdestall, das kommt bei mir häufig vor.

Joker, mein Turnierpferd, und Freddy, unser Fohlen, interessieren sich nicht für Kostendruck, Margen und Gehaltsgespräche. Sie möchten jetzt einen sauberen Stall und Futter. Also ran an den Mist. Ich setze mir die Kopfhörer auf und höre „Equity by Techcrunch“, einen meiner Lieblingspodcasts, während ich Mistgabel um Mistgabel in die Schubkarre wuchte.

„Wer einmal versucht hat, gemeinsam mit einem Lebewesen mit eigenen Ideen und Vorstellungen sportlich erfolgreich zu sein, weiß: Dafür muss man zu hundert Prozent im Hier und Jetzt sein“

Mit wehendem Haar im Kleidchen in den Sonnenuntergang zu galoppieren, ist Pferderomantik. Die harte Arbeit dahinter, die Tierarzttermine, die langen Fahrten zu Turnieren, sind vielen erstmal nicht bewusst. Gleichzeitig liebe ich diesen Sport. Ich reite Reining, eine Western-Disziplin. Für Laien: Dressur in Hochgeschwindigkeit. Wer einmal versucht hat, gemeinsam mit einem Lebewesen mit eigenen Ideen und Vorstellungen sportlich erfolgreich zu sein, weiß: Dafür muss man zu hundert Prozent im Hier und Jetzt sein.

Das ist mir in der letzten Turnier-Saison nicht immer gelungen. Nicht nur das Pferdejahr war anstrengend. Auch das Agenturjahr hat mich gefordert. Als ich vor zehn Jahren mit meiner Social-Media-Agentur HitchOn angefangen habe, herrschte Aufbruchstimmung in der Branche. Da war alles neu, es wurde viel ausprobiert. Alle hatten richtig Bock, Marketing mit Creatoren neu zu denken. 

Jetzt, zehn Jahre später sind wir weit gekommen, professioneller geworden. Budgets sind gewachsen, aber auch Kostendruck. Harter Wettbewerb regiert den Alltag.  Ich habe Verständnis für Unternehmen, die sparen wollen. Ich sehe die Creators, die nicht wie Litfaßsäulen behandelt werden, sondern für ihre Arbeit Wertschätzung und natürlich auch entsprechende Vergütung wollen. Fairer Umgang ist die Voraussetzung. Aber wie schaffen wir es, dass alle wirklich an einem Strang ziehen?

„Wir müssen es schaffen, gemeinsam für ein Ziel zu arbeiten, statt in entgegengesetzte Richtungen zu galoppieren“

Joker knabbert an meiner Mütze und weckt meine Aufmerksamkeit. Vielleicht spürt er, dass ich mit meinen Gedanken schon wieder woanders bin. Ich schalte den Podcast ab. Fast fertig mit dem Ausmisten. Ich bin k.o., spüre meinen Rücken, bin verschwitzt. Gleichzeitig fühle ich mich besser. Mein Kopf ist klarer geworden. Ich weiß jetzt, was ich ändern möchte, wie meine Vision für die Zukunft aussieht.

Am erfolgreichsten sind Pferd und Reiterin, wenn beide das Gleiche wollen. Und genau das müssen wir in der Creator-Marketing-Branche schaffen: gemeinsam für ein Ziel arbeiten, statt in entgegengesetzte Richtungen zu galoppieren.

So, wie ich es gerade im Podcast gehört habe: Das Modell, dass Creator nicht mehr als „Lohnarbeiter“ gebucht, sondern mit virtuellen Anteilen wie die besten Mitarbeiter:innen im Silicon Valley beteiligt werden, ist in den USA gang und gäbe. Media for Equity ist dort das Schlagwort. Statt mit Geld investieren Creators mit ihrer Reichweite in Companies und werden am langfristigen Erfolg beteiligt. So sind plötzlich alle Interessen gleichgerichtet. In dem Moment bin ich sicher: Aus diesem Traum im Pferdestall wird meine nächste Geschäftsidee werden!