Im April 2021 beschreibt Peter Turi, damals 60, seinen "Blick auf den Journalismus“ in einem Aufsatz für das Branchenblatt "Journalist". Er plädiert darin für einen "Mitmach-Journalismus, bei dem Fragen wichtiger sind als Antworten und Zuhören wichtiger als Reden". Da Turis Ideen die Basis von Turi.One bilden, dokumentieren wir hier die zentralen Gedanken von 2021.

Foto: Johannes Arlt; Lesezeit: 5 Minuten

Niemand will von mir die Welt erklärt bekommen. Noch nicht mal meine Frau. Als ich ihr kürzlich ein allzu ausführliches Feedback zu einem Interview gab, fiel sogar das böse Wort „Mansplaining“ – ein alter, weißer Mann erklärt einer Frau ungefragt die Welt. In meiner Jugend üblich, heutzutage eine Todsünde. Lassen wir es lieber. Oder tun wir es nur auf Anforderung.

Ich bin überzeugt: Es gibt eine großartige Zukunft für uns, für etablierte und für neue, junge Medienmacherinnen und Journalisten – wenn wir die Art ändern, wie wir die Welt betrachten, beschreiben und bearbeiten. Nach dem Boulevard-, dem Katastrophen-, dem Haltungs-, und Meinungs-Journalismus sollte eine neue Form von Journalismus erblühen: der Community-Journalismus. Der Journalismus auf Augenhöhe, die Kommunikation mit und für die Zielgruppe.

Was ist Community-Journalismus, und wie unterscheidet er sich vom traditionellen Journalismus? Ziel des Community-Journalismus ist es, eine klar definierten Zielgruppe dauerhaft mit nachhaltigen Angeboten zu informieren, zu inspirieren und zur Kommunikation zu verleiten. Im Community-Journalismus, wie ich ihn verstehe, sind alle nicht nachhaltigen und exkludierenden Methoden verboten – vor allem Clickbaiting und Paid-Content-Teasing. Das heißt: Wir locken niemanden mit übergeigten Überschriften, wir lehnen jede Form von Clickbaiting ab, wir emotionalisieren nicht, wir erklären niemandem, wie er die Welt zu sehen hat, wir legen keine Inhalte hinter Bezahlschranken, wir drängen niemanden, Abos abzuschließen, uns Geld oder Daten zu spenden.

»Wir emotionalisieren nicht, wir erklären niemandem, wie er die Welt zu sehen hat, wir legen keine Inhalte hinter Bezahlschranken«

So leid es mir tut: Der gute, alte Journalismus, wie ich ihn in den 80ern gelernt und in den 90ern praktiziert habe und der zum Anfang des 21. Jahrhunderts noch leidlich funktioniert hat, ist mit Blick aufs Jahr 2030 kein Zukunftsmodell. Die Zeiten, in denen Informationen so knapp waren, dass man sie auf Papier drucken und gewinnbringend mit Anzeigen garniert verkaufen konnte, sind leider vorbei. Auch der Versuch, das alte Paid-Modell ins Digitale hinüberzuretten, wird meines Erachtens nur bei wenigen Medien gelingen.

Die digitale Disruption durch Handy, Facebook, YouTube, Twitter, Tiktok, Podcast und all das, was noch kommen wird, geht stets in eine Richtung: Der Raum für umfassende, digitale, kostenlose Kommunikation wird größer. Der Raum für bezahlte Belehrung kleiner. Ganz einfach aus Budgetgründen – und damit meine ich nicht das Geld. Ich meine die knappste aller Ressourcen: die Zeit, die wir für Medienkonsum oder -teilhabe zur Verfügung haben.

Das alte Paid-Modell funktioniert nicht mehr. Selbst die härtesten Verfechter von Paid Content verzichten bei Zukunftsthemen wie YouTube- und TikTok-Videos oder Podcasts auf die Bezahlschranke. Weil sie genau wissen, dass sie mit Paid kein nennenswertes Publikum aufbauen können. Umso absurder, wenn ausgerechnet auf Artikeln mit den guten alten Buchstaben ein Preisschild klebt. Als wäre die junge Generation versessen darauf, für Buchstaben-Beiträge Geld zu bezahlen.

News, Meinung, Einordnung – wer glaubt, dass der Nachwuchs dringend darauf wartet, das von uns Journalisten geliefert zu bekommen, der macht sich etwas vor. Für kluge Meinungsbeiträge von alten, weißen Männern Geld zu bezahlen, ist eine absurde Vorstellung für viele Junge. Wenn in Zukunft die Nutzerschaft für etwas zahlt, dann für die Teilhabe an einer Community, für das Einbezogensein in ein Gespräch. Deshalb steht die "Zeit", die das Gespräch sucht und Debatten organisiert, in der Auflagenentwicklung deutlich besser da als der "Spiegel", deren Redakteure sich erkennbar schwer damit tut, von der Vorstellung runterzukommen, viel klüger zu sein als die eigene Leserschaft.

»Das größte kommunikative Bedürfnis von uns Menschen ist ja nicht, belehrt zu werden, sondern Teil einer Community zu sein«

Wie können wir die Community trotzdem erreichen? Was braucht der überinformierte Mensch eigentlich? Gar nicht so leicht zu sagen. Ich versuche es mal mit folgender These: Wir alle brauchen Ordnung im Informations-Overload, wir schätzen perfekten Service, und wir lieben es, eine Bühne für uns selbst zu finden. Das größte kommunikative Bedürfnis von uns Menschen ist ja nicht, belehrt zu werden, sondern gehört zu werden, Teil einer Community zu sein. Die größte Wertschätzung lassen wir einem Menschen zukommen, wenn wir ihn nach seiner Meinung fragen, ihn in ein spannendes Gespräch einbinden, ja ihm eine Bühne bauen. Und ihn Teil eines Programms werden lassen, das er selbst gern konsumiert.

Guter Community-Journalismus konzentriert sich darauf, der Zielgruppe kostenlos und barrierefrei einen perfekten, auf sie zugeschnittenen Nutzen zu bieten und ihr eine Kommunikations-Bühne zu bauen. Die so gewonnene Community zahlt mit ihrer Aufmerksamkeit, wir vermarkten die Zielgruppe bei unseren Partnern und Anzeigenkunden. Und können somit auf Clickbaiting und Paid-Teasing verzichten – eine Wohltat für alle Beteiligten.

Community-Journalismus heißt am Ende: Weg vom Alarmismus, weg von Übertreibungen, weg vom Negativismus, weg von Clickbaiting und Hinter-die-Bezahlschranke-locken. Community-Journalismus heißt keinesfalls, unkritisch zu sein. Im Gegenteil: Er bittet Kritiker, Zweifler, Abweichler auf die Bühne, bietet Whistleblowern Raum. Wir stellen die drängenden Fragen, sprechen die Probleme an – und sind leidenschaftlich interessiert an Antworten und Lösungen. Community-Journalismus heißt, einen spürbaren, wertvollen Beitrag zum kommunikativen Leben der Community zu leisten, auch durch Kritik. Community-Journalismus heißt auch, darauf zu vertrauen, dass ein wirklich nützlicher Beitrag seine Finanzierung finden wird.

»Community-Journalismus heißt am Ende: Weg vom Alarmismus, weg von Übertreibungen, weg vom Negativismus, weg von Clickbaiting und Hinter-die-Bezahlschranke-locken«

Eine verwegene These, die nur für die elitären Blase der Top-Meinungsmacherinnen funktioniert? Vielleicht. Aber ist es wirklich undenkbar, dass eine Tageszeitung ihren kompletten Inhalt digital für jedermann öffnet, dadurch junge und einkommensschwächere Gruppen mit einbezieht und einen Dialog im Kommunalen organisiert? Warum verfahren Regionalzeitungen, die vom Professor bis zur Marktfrau alle Menschen ihrer Stadt erreichen wollen, nicht nach dem Motto: Wir bringen Geld und Geist unter dem Banner des Geistes zusammen, bitten Jung und Alt, Arm und Reich, Links und Rechts zum Dialog über die Zukunft unserer Stadt und bauen ihnen eine Bühne. Ich bin sicher: Für spannende Projekte findet sich immer ein Finanzier – ob’s die örtliche Sparkasse oder der Autohändler ist. Im richtigen Umfeld, in der passenden Community wollen viele gesehen sein. Zumal wenn man ihnen gelegentlich, an der passenden Stelle, einen Platz auf der Bühne anbietet.

Im Community-Journalismus, im Agieren des Journalismus auf Augenhöhe mit der Zielgruppe, im freien Fluss von Information ohne Bezahlschranke und im organisierten Austausch von Ideen wäre vieles möglich, was unter den Bedingungen von Clickbaiting und Mansplaining vor die Hunde geht.

Dies ist eine gekürzte Version, hinterm Link gibt's den Originalartikel auf Journalist.de.