Einmal kräftig durchlüften für mehr Demokratie: Alev Doğan, Vize-Chefredakteurin bei „The Pioneer“ und Host des Podcasts „Der 8. Tag“, will sehen und verstehen, wie sich andere in ihren Gedankenwelten einrichten. In ihrem Gastbeitrag für die Turi.Edition.23 prophezeit sie ein zweites Zeitalter der Aufklärung.
Foto: Markus C. Hurek; Lesezeit: 3 Minuten
Es ist ein kühner Traum – und einer, an dessen Realisierung ich selbst immer wieder scheitere. Aus Zeitnot, Gedankenlosigkeit, manchmal aus Arroganz. Seit ziemlich genau zehn Jahren suche ich nach Fenstern. Fenstern, durch die ich hineinblicke. Fenstern, die mir mein Gegenüber – manchmal unbeabsichtigt – anbietet. Durch diese Fenster will ich steigen. Sehen, wie sich andere eingerichtet haben in ihrer Gedankenwelt. Welche Stühle als Hoffnungen fußen auf welchem Erfahrungsteppich? Wie sind Angst und Trauer arrangiert? Welche Sehnsucht thront über dem Witz? Welche dunklen Ecken sehen wir erst, wenn wir durch das Fenster gestiegen sind?
Ich suche auch Fenster, durch die ich hinausblicke. Wenn mich das Gefühl beschleicht, dass wir es uns im Inneren unserer Annahmen allzu gemütlich gemacht haben, bemerke ich ein Drängen. Die Sehnsucht nach einer Aussicht. Ist es überall so warm wie hier drin? Ans Fenster treten, öffnen, Luft holen, rausschauen.
Seit ziemlich genau zehn Jahren bin ich hauptberuflich Journalistin. Ich weiß nicht einmal mehr, wie der Mann hieß, der uns Volontären an der Akademie für Publizistik in Hamburg sagte: Verpasst nicht die Fenster, die euch der Gesprächspartner anbietet und tretet durch sie hinein.
»Erkenntnisgewinn bedeutet auch, dass wir uns rauswagen müssen. Wer in Leitartikeln und auf Social Media über Elfenbeintürme schimpft, muss eben jene auch verlassen«Das klingt nach einer allgemein gültigen Formel für gute Interviews. Aber erschreckend häufig sehen wir die Fenster nicht. Wie oft führen Journalisten Gespräche auf der Jagd nach Agenturmeldungen? Wie häufig geht es uns nicht um den anderen, sondern um uns? Darum, besonders schlau zu wirken oder unsere Sicht auf die Dinge bestätigt zu bekommen. Wir stecken so tief in unseren Gedankenräumen, dass wir weder Ausschau halten noch Einblick suchen.
Ich träume davon, dass Journalismus und Gesellschaft wieder nach Fenstern suchen. Der Journalismus, weil es unsere Aufgabe ist, zu verstehen und Verstandenes zu transportieren. Weil kein Gespräch, das einem starren Fragenkatalog folgt, gut sein kann. Ja, es braucht Mut, sich von den ach so brillant vorbereiteten Fragen zu trennen und durch das Fenster zu treten. Ein simples „Warum eigentlich?“ kann ein dröges Gespräch auf einen Weg katapultieren, dessen Ende sich nicht erahnen lässt. Auf diesem Weg entsteht Näherung, Erkenntnisgewinn, manchmal Wahrhaftigkeit. Das ist der Unterschied zwischen dem eingeübten Pingpong an Schlagzeilen-tauglichen Statements und politischen Phrasen – und einem echten Gespräch.
»Allein wir Journalisten werden die Demokratie nicht retten«Erkenntnisgewinn bedeutet auch, dass wir uns rauswagen müssen. Es gilt nicht nur die Fenster Berlin-Mittes zu entdecken, sondern so viele wie möglich. Wer in Leitartikeln und auf Social Media über Elfenbeintürme schimpft, muss eben jene auch verlassen. Im kommenden Jahr plant unsere Redaktion erneut eine Bustour quer durchs Land, auf der wir in zehn Städte reisen. Mehr als 20.000 Menschen wollen wir vor Ort erreichen, unser Motto: Celebrating Democracy. Wenn wir sie nicht feiern, begraben sie die anderen. Ich will das Bild nicht schönreden: Allein wir Journalisten werden die Demokratie nicht retten. Wir alle müssen nach Fenstern suchen. Wir wären Narren, wenn wir uns der Schönheit, der Komplexität und den heillosen Widersprüchen verschließen, die da draußen sprießen. Die aufregendste Epoche des Westens war das Zeitalter der Aufklärung. Vielleicht ist es Zeit für eine zweite Aufklärung. Dieses Mal strahlt sie ein Licht der zwischenmenschlichen Erkenntnis aus – als Antwort auf Vereinzelung und Einsamkeit. Dem Siècle des Lumières könnte ein Siècle des Fenêtres folgen. Ohne Fenster kein Enlightment.