In zehn Jahren hat die Demokratie über die Desinformation gesiegt, glaubt Damla Hekimoğlu, Moderatorin bei tagesschau24 – dank Faktencheck per Avatar. Wie der aussehen könnte, beschreibt sie in der Turi.Edition.23.
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Es ist 19 Uhr, es regnet. Fahrrad kommt nicht infrage – ich bestelle ein autonomes E-Taxi. Habe mich schon daran gewöhnt, mit dem KI-Avatar im Auto zu sprechen, statt mit dem Taxifahrer. Die Gespräche von damals fehlen mir trotzdem. Der KI-Taxifahrer-Avatar lacht zwar auch – aber es berührt mich nicht. Dabei liebe ich technologische Innovationen eigentlich: zum Beispiel, dass ich Führerschein und Personalausweis endlich digital auf dem Handy vorzeigen kann. Während wir an der Alster entlangfahren, denke ich an Deutschland 2025 zurück.
Es war das Jahr der Krisen und Kriege. Desinformation und Propaganda waren Teil unseres Lebens. Man sagt nicht umsonst: Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst. 2025 war auch geprägt von der Angst vor KI. Damals hatten die Sozialen Medien die Deutungs- und Informationshoheit. Kommerzielle oder politisch gesteuerte Filterblasen und Algorithmen bestimmten, was in die Feeds gelangte. Dort wurde der Grundstein für das Weltbild und die Wahlentscheidung gelegt. „Wenn wir diesen Raum aufgeben, über lassen wir ihn der Desinformation“, dachte ich damals oft. Der Gedanke, die Demokratie zu verlieren, schnürte mir die Kehle zu.
»Deutschland 2035 ist so, wie ich es mir 2025 erträumt hatte: eine Gesellschaft, in der jeder Mensch die Fähigkeit hat, Wahrheit zu erkennen«Jetzt aber leben wir in einer Zeit, in der Technologie sehr weit fortgeschritten ist. Ich finde nicht alles gut – doch die Horrorszenarien rund um KI sind zum Glück auch nicht eingetreten. Wie leben heute in einer Welt, in der Desinformation keinen Raum mehr hat. In einer Gesellschaft, in der jede und jeder Einzelne über das Wissen verfügt, Nachrichten von Desinformation, Fake News und Propaganda zu unterscheiden. Dank futr.
futr ist eine digitale, dreidimensionale Verbindung von virtueller und erweiterter Realität – ganz ohne Brille oder App. futr ist eine Art KI-Avatar. Sobald jemand im öffentlichen Raum etwas sagt, kann man den Avatar wie ein Pop-up kommen und das Gesagte auf Fakten checken lassen. Auch wenn ich in SocialMedia, Metaverse, Fernsehen oder Print unterwegs bin – meinen personalisierten, lebensgroßen Faktenfreund kann ich jederzeit erscheinen lassen. Auf charmante Weise bringt er mir Fakten näher, in verständlicher Sprache, ohne zu langweilen – so, wie man eben mit Freunden spricht. Beim Gespräch am Küchentisch ist futr aber nicht dabei. Privates bleibt privat.
Diese Welt entstand nicht über Nacht, sondern durch das Engagement von Journalistenkolleginnen und -kollegen, Plattformen und einer aktiven Zivilgesellschaft – im Bewusstsein, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Deutschland 2035 ist so, wie ich es mir 2025 erträumt hatte: eine Gesellschaft, in der jeder Mensch die Fähigkeit hat, Wahrheit zu erkennen. Der Schutz vor Desinformation ist nicht mehr nur Aufgabe von Institutionen oder Plattformen, sondern kollektive Verantwortung. Damals haben mich Kolleginnen und Freunde belächelt für meine Utopie. „Du hoffnungslose Optimistin“, sagten sie. Ich bin froh, dass es dennoch genauso gekommen ist.