Foto: Nils Dampz; Lesezeit: 3 Minuten
Virtuelle Realität vor Augen: Florian Hager ist Intendant des Hessischen Rundfunks und hat seit 2025 der ARD-Vorsitz inne. Sein Gastbeitrag für die Turi.Edition #23 ist ein Plädoyer für analogen Austausch und digitalen Mut.
Das mit dem „in-die-Glaskugel-schauen“ ist nicht so mein Ding. Wenn ich die Augen schließe und mir die Zukunft vorstelle: weißes Rauschen. In dem Moment, der bei mir 2024 einem Blick in die Zukunft am nächsten kam, waren meine Augen weit geöffnet. Ja, auch ich hatte wieder einmal eine dieser VR-Brillen auf. Auch wenn ich den Hype nicht mehr fühle (meine erste VR-Brille hatte ich vor 10 Jahren) und nie und nimmer mit so einem Teil draußen rumlaufen würde. Aber: Wir neigen ja alle dazu, die kurzfristige Wirkung von Innovationen zu über- und ihre langfristigen Folgen zu unterschätzen.
Das Ding funktioniert leider richtig gut. Nicht nur, indem es virtuelle Sinneseindrücke schafft, die das Gehirn als echt erlebt – das sieht man mir auf dem Foto ja an. Sondern vor allem, weil es diese mit weiteren Möglichkeiten der Mensch-Maschine-Schnittstelle verbindet, also mit Sprache und Gesten. In Zukunft geht das wohl auch ohne diesen Kühlschrank vor Augen, ganz einfach mit einer Kontaktlinse. Und die Bilder dazu werden fotorealistisch von einer KI generiert. Ob mein Gehirn dann im Nachhinein noch unterscheiden kann, was ich virtuell oder wirklich erlebt habe, wage ich zu bezweifeln.
Was mich aber nach dem Absetzen der Brille noch mehr beschäftigt hat: das Gefühl, in einer eigenen Welt gewesen zu sein – obwohl ich ja weiter aktiv Teil der echten war. Wenn dann noch der Heilige Gral von Medien und Marketing, die datenbasierte Personalisierung, hinzukommt: Dann schaffe ich mir in Zukunft vielleicht meine eigene Welt, meine eigene Realität im echten Leben.
Desinformation wird dann durch KI erst richtig zur Blüte kommen. Die Menge an gut verpacktem, gefährlichem Schwachsinn aller Art wird zugeschnitten auf jeden Einzelnen und unendlich groß werden. Was macht das mit unserer Gesellschaft? Wir tun uns ja jetzt schon schwer, mit immer komplexeren Herausforderungen umzugehen. Einfache Antworten gibt es nicht mehr, statt einem „entweder oder“ steht viel häufiger ein „sowohl als auch“. Das zu akzeptieren fällt schwer. Und es entspricht nicht der Logik der in Plattformen integrierten Algorithmen.
Wenn ich an die Zukunft denke, mache ich mir Sorgen ums Vertrauen: Studien zeigen, dass Menschen einander als immer egoistischer wahrnehmen und um den sozialen Zusammenhalt besorgt sind, während sie dies den anderen aber absprechen. Begegnungsorte wie Sportvereine, Marktplätze, öffentliche Schwimmbäder oder durchmischte Wohnviertel verschwinden. Wir begegnen deshalb seltener Menschen, die uns „demokratisch irritieren“, wie der Soziologe Rainald Manthe das nennt. Die Folge ist wachsendes Misstrauen und das, was sein Kollege Hartmut Rosa eine Krise der „positiven Weltbeziehung“ nennen würde.
»Wir müssen Orte sowohl im digitalen als auch im echten Leben schaffen, an denen sich Menschen informieren und austauschen können, ohne bezahlen zu müssen – und sei es nur mit ihren persönlichen Daten«Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass wir alle von unterschiedlichen Orten kommen und unterschiedliche Erfahrungen mitbringen. Dass Demokratie nicht bedeutet, dass jede und jeder mit allem einverstanden ist. In der Demokratie sind Entscheidungen immer eine Folge von Diskussionen, Kompromissen und Kooperationen.
Wir müssen die Menschen in die Lage versetzen, sich eine Meinung bilden zu können. Zum Nachdenken und Diskutieren anregen, gemeinsamen Gesprächsstoff anbieten, Brücken bauen. Wir müssen Orte sowohl im digitalen als auch im echten Leben verteidigen und neu schaffen, an denen sich Menschen informieren und austauschen können, ohne konsumieren oder bezahlen zu müssen – und sei es nur mit ihren persönlichen Daten.
Dafür braucht es künftig mehr denn je im Digitalen ein breites und attraktives Netzwerk von Verlagen, privaten und öffentlich-rechtlichen Medienhäusern. In einer Welt, in der ein Misserfolg als Scheitern, als Versagen, gesehen wird, fehlt uns oft der Mut, Neues auszuprobieren. Diesen Mut wünsche ich mir – für die Zukunft, aber eigentlich schon für die Gegenwart.