Spätestens 2125 ist alles besser – wenn wir alle mitmachen: Das verspricht Maria Lorenz-Bokelberg, Chefin der Podcast-Produktion Pool Artists, in ihrem Gastbeitrag für die Turi.Edition.23.
Foto: Patricia Haas, Lesezeit: 3 Minuten
Berlin, November 2125. Für ihre Ausgabe „Vor 100 Jahren“ sammelt Turi verschiedene Perspektiven auf das Jahr 2025. Für meinen Teil dieser Beitragsreihe habe ich mich in einige Aspekte dieser Zeit rein recherchiert und war fasziniert. Man soll Realitäten einer bestimmten Zeit an den Werten ebendieser messen – und nicht an den heutigen. Aber es ist schön zu sehen, dass sich einige Dinge verändert haben.
Zum Beispiel gab es die Verhütungs-Pille nur für Frauen, sie war teuer und ungesund. Häufige Nebenwirkungen waren Depressionen, Bluthochdruck, erhöhtes Krebsrisiko und, als wäre das nicht genug, sexuelle Unlust – ist das schon Sabotage oder noch Ironie? Damals gab es die Pille bereits seit über 60 Jahren und kaum Bestrebungen, sie zu verbessern. Klingt für mich, als wäre neben der Schwangerschaft auch die Gleichberechtigung verhütet worden. Vermeintliche Frauenmedikamente wurden generell weniger erforscht und weiterentwickelt. Als wären Frauen nicht so wichtig. Es gab die Pille nicht mal in verschiedenen Geschmäckern. Ich mag Kirsche am liebsten.
»Unvorstellbar, in einer Welt zu leben, in der Kinder nicht genau in dem gefördert werden, was sie wollen, worin sie gut und leidenschaftlich sind«Befremdlich auch die Tatsache, dass 2025 Schwangere vor die Wahl gestellt wurden: Karriere oder Kinder? Bei zweiterem mussten sie oft stillschweigend jahrelange Karrierelücken hinnehmen, falls sie überhaupt noch eine Karriere hatten. Es gab weder Babyräume an jedem Büro noch standardmäßiges Supportpersonal. Damals bekamen Menschen eine strikte Arbeits-Struktur vorgegeben, in der Regel 40 Stunden pro Woche, ein fester Zeitrahmen, ein fixer Ort mit einem Tisch, Toilette und höchstens einer Tischtennisplatte als Zugeständnis. Und wenn das nicht funktionierte, musste die Person dem Arbeitsplatz fernbleiben, bis sie wieder in dessen Struktur passte. Aus heutiger Sicht unbegreiflich, wie viele talentierte Menschen man sich so hat entwischen lassen. Out-of-the-Box-Lösungsskills einer Alleinerziehenden? Unbezahlbar! Auch das klingt wieder so, als hätte das System damit vor allem Frauen gebremst. Andererseits würde man damit die Hälfte der klugen Köpfe nach Hause schicken. Das macht ökonomisch überhaupt keinen Sinn.
Auch das Schulsystem von 2025 ist heute kaum nachvollziehbar. Wenn ich das richtig recherchiert habe, wurde dort oft zuallererst gekürzt. Lehren war damals nicht der zweitbestbezahlte Beruf der Welt. Wie kann man sich weiterentwickeln als Land (damals gab es noch Länder, andere Geschichte, irres Zeug!), als Gesellschaft, als globaler Player, wenn Bildung nicht oberste Priorität hat?
Unvorstellbar, in einer Welt zu leben, in der Kinder nicht genau in dem gefördert werden, was sie wollen, worin sie gut und leidenschaftlich sind. In der die Menschen, die das aus ihnen herauskitzeln und sie formen, nicht dementsprechend gefördert und beschützt werden. Die Hoffnung, dass sich hier und da ein Kind allein gegen den Strom nach oben fightet und für uns alle etwas Neues erfindet, uns anführt oder das schönste Buch schreibt, wenn sich eine unterbezahlte Person um 30 Schülerinnen kümmert – die grenzt an Realitätsverlust. Eine Gesellschaft, die Wissen und Lernen nicht liebt und das – auch finanziell – nicht fördert und emotional vererbt, ist keine, die gut zu- und miteinander ist.
Am Ende meiner Recherche fühlte es sich an, als wären die Menschen 2025 sehr erschöpft gewesen. Ich wünschte, ich könnte ihnen diese Ausgabe schicken. Vielleicht würde es sie ermutigen, zu wissen, was innerhalb eines Menschenlebens verändert wurde – als endlich alle mitgemacht haben.