Keine Angst, sich unbeliebt zu machen: Für Marion Horn, Vorsitzende der Chefredaktion der Bild-Gruppe, sollte der Journalismus nicht konstruktiver werden, sondern aggressiver - im Sinne von „leidenschaftlich um die Sache streiten“. Schreibt Horn in einem Gastbeitrag für die Turi.Edition.23.
Foto: Frank Zauritz; Lesezeit: 3 Minuten
Manchmal sehe ich meine Enkelin an und beobachte fast fassungslos, mit welcher Radikalität sie sich das Wort erkämpft – selbst in einer Runde lauter Erwachsener. Wie sehr ihr klar ist: Wo ich bin, ist richtig. Das hätte ich mich als Mädchen nie getraut. Und wenn ich dieses unerschrockene Wesen so erlebe, vergesse ich kurz, wie weit wir noch immer von Chancengleichheit für Mädchen und Jungen entfernt sind, für Frauen und Männer. Dass die Amis 2024 einen „Grab them by the pussy“-Mann zu ihrem Präsidenten gewählt haben.
Glaubst du, dass Männer wirklich damit klarkommen, wenn die eigene Partnerin krass erfolgreicher ist als der Mann? Also wirklich – und nicht nur so vorgeschoben, weil man sonst als unmodern gilt? Das hat mich gestern eine (frisch verliebte) Kollegin gefragt, die eine Familie gründen möchte. Und ich habe kurz überlegt, ob ich hundertprozentig ehrlich antworten kann – ich will ja meinem Mann nicht in den Rücken fallen. Denn der kann es. Jedenfalls fast immer.
Wenn ich über mich selbst lese, ich sei „hart, aber herzlich“, muss ich mich fast übergeben. Da fehlen noch die Begriffe „Powerfrau“ und „die Blondine“ und wir sind in den 60er Jahren. Nur noch getoppt von Artikeln eines Mediendienstes, dessen Geschäftsmodell „Bild dissen“ ist und der nicht müde wird, den größten Dreck über mich und meinen Kolleginnen auszukübeln, Hauptsache die Abos stimmen.
Die Horn muss sich gerade melden – denken Sie das auch, wenn Sie hier lesen, dass ich von einer besseren Welt träume? Von einer Welt, in der wir uns wieder in der Sache streiten, weil der Absender egal ist. Von einer Welt, in der wir die andere Meinung nicht wegschreien, nur weil sie nicht ins eigene emotionale Gitterbettchen passt. Ich drehe jedes Mal fast durch, wenn mir beziehungsweise der Bild in der digitalen Filterblase X unterstellt wird, wir würden die Grünen hassen oder stünden verlässlich an der Seite der FDP. Oder dass wir Medien schuld seien, wenn die AfD wächst. Vielleicht können sich das viele Kritiker schlicht nicht vorstellen, aber wir arbeiten wirklich unabhängig. Und wir mögen Menschen.
»Ich wünsche mir, dass die wählbaren Parteien aufhören zu greinen und sich endlich um die Probleme der Bürger kümmern«Kluger Journalismus bekommt selten Applaus. Natürlich nicht. Aber kluger Journalismus wie ich ihn verstehe, traut sich, sich unbeliebt zu machen. Davon wünsche ich mir so viel mehr. Wenn die AfD in Bayern über Remigration schwadroniert, kann man durchdrehen und Petitionen unterschreiben. Oder man kann, und das wünsche ich mir, das Thema mal auf die Fakten herunterbrechen und die richtigen Fragen stellen: Was ist falsch daran, als Gesellschaft entscheiden zu wollen, wen man im eigenen Land aufnehmen möchte und wen nicht? Dass illegale Migration abgestellt werden muss, dass rausfliegen soll, wer hier Straftaten begeht: Das sagen inzwischen alle, die Grünen, die Schwarzen, die Roten und die Gelben.
Was die AfD anders macht: Die trauen sich, auch über Konsequenzen zu sprechen. Ist diese Partei trotzdem unappetitlich und unwählbar, solange sie Höckes in ihren Reihen duldet? Natürlich. Aber ich wünsche mir, dass die wählbaren Parteien aufhören zu greinen und sich endlich um die Probleme der Bürger kümmern. Ja, auch um die Probleme der Bürger, die Frauen sind. Und weniger um die, die sich als Frauen „lesen“.
Auch ein funktionierendes Bildungssystem ist wirklich nicht zu viel verlangt. Ebenso wenig wie innere und äußere Sicherheit und genug Wohnungsbau, damit man eine Wohnung findet.
Journalismus sollte nicht konstruktiver werden, wie es jetzt so viele fordern, sondern aggressiver – im Sinne von „leidenschaftlich um die Sache streiten“. Eben mehr Bild wagen. Wir dürfen Politiker, Wirtschaftsgrößen und Gewerkschaften nicht mit ihren Worthülsen entkommen lassen. Sondern müssen immer wieder fragen: Was heißt das jetzt konkret? Das kann man sich bei Markus Lanz sehr schön abgucken. Dann wächst auch das Vertrauen in uns Journalisten wieder. Natürlich auch in die Journalisten, die Frauen sind und die auch so aussehen.