Auf die Einladung von Presseclub oder Maischberger muss niemand mehr warten, schreibt Roland Tichy in der Turi.Edition.23. Das Motto des rechtsschaffenden Publizisten lautet heute: Selbst sendet der Mann.
Es sind glorreiche Zeiten für Journalismus. Wir werfen die Ketten ab, die uns an Druckerpressen, Papierballen und jene gigantischen Dinosaurier in Form von Ü-Wagen gefesselt haben, die ARD und ZDF noch gelegentlich durch ihr Gebührenzahlerreich rollen lassen. Noch nie war Journalismus so schnell, so direkt, so nahe bei den Menschen.
Hallo Leute, ehe ihr jetzt aufschreit. Ich kenne noch den Bleisatz. Jede Zeile fast unverrückbar, unkorrigierbar, und die Setzer erhielten tarifvertraglich jeden Tag einen Liter Milch. Die Giftdämpfe des Bleis sollten damit weggespült werden; eine Hoffnung und kein Job für zeitgeistige Veganer. Wir kämpften um spätere Andruckstunden. Um Telefonzellen, damit wir eine Nachricht durchgeben konnten, und am anderen Ende verhunzte eine unwillige Stenotypistin den Text.
Das Faxgerät frisst die Seiten und zerknüllt sie. Habt ihr schon mal solches Thermopapier gebügelt, das knittergrau herausquoll aus einer ruckelnden Maschine? Schon mal einen Text redigiert mit Schere, Prittstift und Tippex? Nach der siebten Lage Papier war er nicht immer besser, nur gequälter. Schon mal eine simple Zahl oder einen Vornamen per Telefon erfragt oder den Spurt ins Archiv hingelegt?
Vorbei. Danke, Google. In alten Zeiten haben Druck, Papier und Austräger 80 Prozent oder mehr Kosten der Zeitungsverlage verursacht, allein der Bleisatz an die 20 Prozent. Ja, die Vorstellung ist romantisch, wie die Fernausgabe mit der auf drei Achsen laufenden verlängerten „Göttin“ von Citroen über die Autobahn gejagt wurde. Ein Filmsujet; Maigret, übernehmen Sie die Leiche am Straßenrand.
Wir Journalisten sind die Gewinner der technischen Revolution. Denn wir haben die Kuchenstücke für uns reserviert, die früher Setzer, Metteure, Grafiker, Drucker, Zeitungsjungen und Papierlieferanten erhielten. Der Verteilungskampf ging glatt an uns. Gelegentlich haben wir sie bedauert, pflichtgemäß und solidarisch und weitergemacht.
„Die Jungen warten draußen vor dem Studio, und die Acht-Quadratmeter-Redaktionzellen oder eure Großraumbüros schaue ich mir nicht einmal von außen an“Jetzt frisst diese unermüdliche Fortschrittsmaschine sich an die heran, die an den alten Techniken und Strukturen festhängen. Hilft aber nix, das Jammern der DJV-Funktionäre. Oder die Hoffnung darauf, dass die zertifizierten vertrauenswürdigen Hinweisgeber, sogenannte „Trusted Flagger“, als Spitzel und Zensoren der Machthaber die Papierwelt und Altverlage oder die langen, grauen Flure der Uraltfunkhäuser retten.
Kollegen, das ist #futschi, wie ein Hashtag bei X lautet, der fallierende Firmen notiert auf der Sterbetafel untergegangener Unternehmen. Der Anteil der Kommunikation am Zeitkonto und materiellen Budget wächst seit vermutlich 2.000 Jahren unentwegt.
Warum sollte unser Anteil zurückgehen? Er wird weiter wachsen, geradezu unvermeidlich. Alte Zeilenschinder wie ich geben jetzt den Internet-Nerd, mit Blog, Podcast und Video. Auf eigene Rechnung, denn es ist Gründerzeit für Journalisten.
Ich muss nicht mehr auf eine Einladung von Presseclub oder Maischberger warten – selbst sendet der Mann. Deren Publikum ist jenseits jeder Altersgrenze. Die Jungen warten draußen vor dem Studio, und die Acht-Quadratmeter-Redaktionzellen oder eure Großraumbüros schaue ich mir nicht einmal von außen an.
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