Als BR-Chefredakteur machte Sigmund Gottlieb von 1995 bis 2017 bayerisches Fernsehen. Heute ist er unter anderem Video-Kolumnist für Ippen Media und beschwört in der Turi.Edition.23 deutsche Coolness – auch wenn ihm der Gedanke an die Zukunft manchmal die Haare zu Berge stehen lässt.

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Das Kopfkino rast, besonders in den frühen Morgenstunden. Manchmal auch untertags, aber da bekommt man besser Struktur hinein und eine Idee, worauf es in Zukunft ankommt und worauf nicht.

Mit fortschreitenden Jahresringen wird für mich die Freiheit immer wichtiger. Es gefällt mir sehr, was George Orwell dazu eingefallen ist: Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen. Das habe ich 22 Jahre lang als Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens getan. Und diese Freiheit koste ich jetzt noch mehr aus als früher. ‚Gottliebdirekt‘ heißt ein Video-Kommentar, der auf den Online-Plattformen der Ippen-Mediengruppe ausgespielt wird. Dort sage ich, was ich denke. Da schwimme ich gegen den Strom, da spitze ich zu, da provoziere ich, da stoße ich hoffentlich Diskussionen an. Denn darauf kommt es ja an, egal wohin die Technik uns treibt: den Menschen ein vielfältiges Meinungsangebot zu machen, die Dinge von allen Seiten zu betrachten und den Mut zum klaren Standpunkt zu haben.

»Entscheidend ist der Inhalt – noch in hundert Jahren. Exzellenz-Journalismus lebt von der Qualität seiner besten Köpfe, KI hin, KI her. Das wird nie anders sein«

Früher habe ich mit viel Leidenschaft meine Meinung in den Tagesthemen-Kommentaren gesagt. Das war in der analogen Welt. Heute kommt gottliebdirekt digital daher und sucht sich neue Kanäle der Verbreitung, neue Wege zu den Menschen. Das ist gut so, aber entscheidend ist der Inhalt – noch in hundert Jahren. Exzellenz-Journalismus lebt von der Qualität seiner besten Köpfe, KI hin, KI her. Das wird nie anders sein.

Ein weiterer Gedanke lässt mich nicht los. Wenn ich über die Zukunft meiner Zunft nachdenke, stehen mir manchmal die Haare zu Berge: Die Welt ist schwierig, komplex, bedrohlich geworden. Immer mehr Menschen sind verunsichert und in wachsender Sorge. Ich finde, wir Journalisten haben die Möglichkeit, etwas Kraftvolles dagegen zu setzen: Erklärung, Erklärung, Erklärung! Dabei empfehle ich uns das Motto von Albert Einstein: Sag es einfach, aber nicht zu einfach.

Ich reise für mein Leben gern. Es gibt Orte der Sehnsucht und es gibt Teile der Welt, in denen ich niemals leben möchte. Neulich kam mir blitzartig ein Gedanke: Könnte es sein, das viele AfD-Wäehler (ich meine nicht die Unverbesserlichen, die Braunen in der Partei) die Zustände in Deutschland nur deshalb so miserabel finden, weil sie nie gesehen haben, wie es in anderen Regionen dieses Planeten aussieht? Der Urlaub auf Malle oder Mauritius jedenfalls taugt nicht zu einer solchen Erweiterung der Perspektive.

Ganz ehrlich, ich kann das deutsche Klagelied nicht mehr hören. Es stimmt schon: Wenn die Deutschen Licht am Ende des Tunnels sehen, verlängern sie den Tunnel. Seit Jahren reden und schreiben wir in Deutschland über all das, was im Argen liegt. Ich selber habe mit meinem Buch „So nicht“ ja auch in diese Kerbe geschlagen. Es war auch richtig und notwendig. Aber es reicht jetzt! Wir sind trotz allem ein vitales Land, in dem vieles funktioniert. In vielen Bereichen ist Deutschland Spitze, aber wir reden nicht mehr darüber. Man muss schon ziemlich verrückt sein, finde ich, wenn man das Gute verdrängt und das Schlechte überbetont. Doch die Deutschen schaffen das. Ich habe mir vorgenommen, dagegen etwas zu tun. Es ist mir danach, ein Projekt zu starten, das uns die Augen dafür öffnet, wie cool dieses Deutschland doch ist – trotz allem.