Raus aus dem Netz: Victoria Reichelt macht öffentlich-rechtlichen Politik-Journalismus auf TikTok und Instagram – und möchte die Gespräche zurück ins echte Leben holen. Warum, erklärt sie in der Turi.Edition.23.

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Wenn ich die Augen schließe, träume ich von einer Gesellschaft, die ihre gesellschaftspolitischen Debatten wieder mehr analog und weniger online ausmacht. Ist das realistisch? Nein. Halte ich das trotzdem für erstrebenswert? Ja.

Vor kurzem habe ich etwas getan, was ich eigentlich nie tue – ich habe einen Kommentar bei Instagram geschrieben. Nach 32 Minuten habe ich ihn wieder gelöscht. Zu viele aufgebrachte Kommentare, zu viele User, die sich durch meinen Kommentar persönlich angegriffen fühlten. Darauf hatte ich, auf gut deutsch gesagt, an diesem Tag einfach keinen Bock.

Ich wurde wieder daran erinnert, warum ich als Journalistin, die online politische Debatten abbildet, so wenig Lust wie selten habe, mich selbst daran zu beteiligen. Der Ton ist zu aggressiv, der Austausch zu undifferenziert, in wenigen Zeichen oder Sekunden bleibt oft zu wenig Zeit, die Nuancen des Anderen wahrzunehmen. Dann habe ich darüber nachgedacht, wann ich zuletzt eine politische Debatte mit jemandem im echten Leben geführt habe, die dieselbe Schärfe, denselben Dogmatismus, dieselbe Überschätzung der eigenen Meinung innehatte. Erstaunlicherweise ist das selten der Fall.

Meine Erfahrung ist, dass die meisten Gespräche über Politik und Gesellschaft im echten Leben, trotz Differenzen, meist respektvoller, nuancierter, fairer, kurzum: besser laufen. Und das auch mit Menschen, die politisch andere Ansichten haben als ich. Mein Traum für 2025 ist es, meine eigenen politischen Debatten und Abhandlungen wieder mehr ins echte Leben zu verlagern. Das ist natürlich schwierig, wenn man als Journalistin vor allem online arbeitet.

»Lassen Sie das Handy mal zu Hause, sprechen Sie mal wieder mit ihrer Nachbarin – vielleicht merken Sie, dass viele Gräben nicht so tief sind, wie sie online oft scheinen«

Ich glaube aber, dass wir nach den Erfahrungen und Erkenntnissen der letzten 20 Jahre weiterhin unterschätzen, wie weitreichend Social Media unsere Gesellschaften verändern wird. Es gibt stetig wachsende Player mit undurchsichtigen algorithmischen Regeln – eine davon die, der dieses Jahr nicht zum ersten Mal unterstellt wurde, die Radikalisierung junger Menschen voranzutreiben. Ein zweiter Trump-Sieg, der nicht nur, aber auch durch „alternative Medien“ in den USA möglich wurde. Eine in Teilen rechtsextreme Partei, die Social Media besser für ihre Zwecke nutzt als alle anderen. Haben Sie alles schon mal gehört? Kein Wunder, das ist keine neue Analyse. Und doch leiten wir gesamtgesellschaftlich so wenig daraus ab.

Deswegen: Lassen Sie das Handy mal zu Hause, sprechen Sie mal wieder mit ihrer Nachbarin – vielleicht merken Sie, dass viele Gräben nicht so tief sind, wie sie online oft scheinen.