Anna Dushime hat einen Genozid überlebt und am Kneipentresen Nazis bekehrt. Heute sucht sie als Medien-Multitalent das Leichte im Schweren, erzählt sie im Gespräch mit Anne-Nikolin Hagemann für die Turi.Edition.23 in Berlin.

Fotos: Holger Talinski; Lesezeit: 14 Minuten

Wir treffen uns im „Hecht“, einer Berliner Kult-Kneipe, die rund um die Uhr geöffnet hat. Warum ist das ein guter Ort, um über Träume zu reden?
Das Offensichtliche zuerst: Alkohol lockert die Zunge. Man gibt hier vielleicht etwas von sich preis, wozu man in anderem Rahmen noch nicht bereit wäre. Genau das ist ja der Raum, in dem Träume existieren: sehr persönlich, aber eigentlich etwas, über das du gerne nachdenkst und sprichst – wenn du dich traust. Ich rede gerne über meine Träume und Pläne, auch dann schon, wenn sie noch weit weg von der Realität sind. Dann fühle ich eher die Verantwortung, sie umzusetzen. Mit Fremden fällt mir das leichter, das hat dann fast etwas Therapeutisches. In Kneipen wie diesen kommt man immer ins Gespräch mit Menschen, denen man sonst nie begegnen würde.

Du hast mal in einer Kneipe wie dieser gearbeitet, im Bierdoktor in Moers.
Ich habe gekellnert, stand hinter der Bar und habe am Ende der Schicht natürlich auch geputzt. Eine Schicht dauerte von 22 Uhr bis morgens um sechs. Es gab Schlägereien, ab und zu Messerstechereien, einmal einen Heiratsantrag.

»Ich habe gekellnert, stand hinter der Bar und habe am Ende der Schicht natürlich auch geputzt. Es gab Schlägereien, Messerstechereien, einmal einen Heiratsantrag«

Mit welchen Menschen bist du da ins Gespräch gekommen?
Die Gäste waren ganz unterschiedlich, so wie hier. Es sind auch ab und zu Nazis gekommen. Einer davon hat Silberschmuck verkauft und die NPD gewählt. Wegen der Familienwerte, hat er gesagt. Da sind mir mindestens vier Parteien eingefallen, die auch für Familie stehen, aber nicht so menschenfeindlich sind. Am Ende haben wir uns richtig lange unterhalten. Ich habe ihm hoffentlich Zugang zu Parteien gegeben, die keine Ausländer hassen. Und er hat mir eine seiner Ketten geschenkt.

Hast du die noch?
Nein, ich habe mich nicht getraut, die anzuziehen. Das klingt jetzt esoterisch: Ich hatte ein bisschen Angst, dass diese Kette irgendwas in sich trägt, das ich nicht haben will.

Was hast du aus der Zeit im Bierdoktor gelernt?
Jeder, der mal in der Gastronomie oder im Einzelhandel gearbeitet hat, ist ausgerüstet mit allen Skills, die man zum Überleben braucht. Ich habe viel Rassismus erfahren, aber mich auch oft dagegen wehren können. Und durfte auch erleben, wie meine Kollegen oder mein Chef mich verteidigt haben. Die Arbeit hat mir Resilienz und Durchsetzungsvermögen beigebracht und dass auch unliebsame Aufgaben irgendwie dazugehören. Das ist wie mit New York: If you can make it im Bierdoktor, you can make it anywhere.

Was wolltest du als Kind werden?
Viele, die Ähnliches erlebt haben wie ich, träumen wahrscheinlich davon, etwas Sinnstiftendes zu tun. Ich wollte Rechtsanwältin werden. Mit acht habe ich durch die Arbeit meiner Mutter mitbekommen, wie viele von denen, die den Genozid in Ruanda verübt und dabei Menschen nicht nur getötet, sondern auch vergewaltigt haben, vor dem Internationalen Strafgerichtshof standen. Währenddessen sind ihre Opfer reihenweise an Aids gestorben – die Täter wurden behandelt, damit sie am Leben waren für die Verhandlungen. Ich dachte, als Anwältin könnte ich solche Ungerechtigkeiten irgendwie ausgleichen. Bis ich geschnallt habe, was Jura eigentlich ist – und das war mir zu schwer. Dann wollte ich Kriegsreporterin werden.

Wenn du journalistisch arbeitest: Wie viel von deiner Geschichte bringst du ein?
Es ist immer so eine Einzelfallprüfung. Bei BuzzFeed habe ich 2015 eine Geschichte gemacht über eine syrische Familie. Da kamen in mir Bilder davon wieder hoch, wie ich mit fünf mit meiner Familie während des Genozids in Ruanda auf der Flucht von einem Fremden aufgenommen wurde. Dann habe ich die Familie für ein paar Tage mit zu mir nach Hause genommen. Das ist journalistisch wahrscheinlich nicht sauber – aber das war für mich so dermaßen zweitrangig in dieser Situation. Ich würde immer wieder mein Herz entscheiden lassen, immer den Menschen journalistischen Standards vorziehen. Ich habe mich schon als Kind gefragt: Wie können Journalisten aus Krisengebieten berichten – und dann wieder gehen?

»Humor und Glaube sind für mich die absolute Gewinner-Kombi. Humor hilft mir, mit der Gegenwart klarzukommen. Und mein Glaube hilft, keine Angst vor der Zukunft zu haben«

Ist neutraler Journalismus eine Utopie?
Ich halte ihn nicht einmal für eine Utopie, weil ich Neutralität gar nicht erstrebenswert finde. Journalismus wird von Menschen gemacht für Menschen. Warum sollte man da die Menschlichkeit rausnehmen? Nicht jede Diskussion muss emotional geführt, nicht jede Geschichte emotionalisiert werden. Aber viele Geschichten sind nun mal emotional. Und wenn sie dann auch so erzählt sind, werden mir als Konsumentin plötzlich Themen wichtig, die mir vorher egal waren. Und darum geht es ja: aufzuklären und auf etwas hinzuweisen, was man sonst nicht mitbekommt.

Journalisten wird heute oft vorgeworfen, dass sie zu Aktivisten werden.
Journalismus und Aktivismus sollte man natürlich trennen. Aber es wird in der Diskussion oft so getan, als ob es früher einen neutralen Journalismus gegeben hätte – das stimmt aber nicht. Man entscheidet sich immer für bestimmte Geschichten, mit bestimmten Objekten und Subjekten. Und immer auch dafür, Geschichten nicht oder nur auf eine bestimmte Art und Weise zu erzählen. Wer die Geschichten schreibt, entscheidet mit, was wir als Konsumenten für wichtig halten. Und jetzt, wo auch andere Stimmen als die üblichen zu Wort kommen, wird plötzlich über Neutralität diskutiert. Warum haben wir das nicht vorher gemacht?

Du hast in den verschiedensten Jobs in den Medien gearbeitet, vor und hinter der Kamera. Was hast du dabei über die Medienwelt gelernt?
Es ist für mich auf jeden Fall leichter, vor der Kamera zu sein als dahinter. Ich habe großen Respekt vor all den Berufen, die es da gibt und die ganz oft gar nicht sichtbar gemacht werden. Wenn man sich mit den Leuten am Set unterhält statt mit den Stars, merkt man, was die für Knochenjobs machen. Als Creative Director in einer Werbeagentur war ich öfters bei Werbeshoots dabei, in denen meine Ideen und Konzepte umgesetzt wurden. Wenn ich das Set zum ersten Mal betreten habe, wurde ich oft für die Maskenbildnerin gehalten, für die Stylistin oder die Putzfrau.

Wie gehst du mit so etwas um?
Am Anfang habe ich versucht, mich besonders businessmäßig anzuziehen. Aber natürlich ist das falsch, ich muss gar nichts irgendwem beweisen. Wenn ich das Thema Rassismus ansprechen will, muss ich immer die Umstände bedenken: Wenn der Tag zu Ende und alles im Kasten ist, kann ich ehrlicher sein und das böse R-Wort in den Mund nehmen. Aber am Anfang des Tages habe ich eher die Produktionssicherheit im Blick und stelle mein Bedürfnis, das zu klären, erstmal zurück. Denn natürlich hängt so ein Wort dann im Raum und verändert die Stimmung am Set.

Klingt anstrengend.
Eigentlich total bescheuert: Ich als Betroffene lege mir eine Strategie zurecht, manage meine Gefühle, überdenke alle möglichen Perspektiven. Und alle anderen machen weiter, als ob nichts wäre. Ich werde aber immer sicherer und besser darin, so etwas anzusprechen – vor allem, wenn es nicht um mich, sondern um jemand anderen geht. Aber eigentlich ist das auch ein bisschen traurig, weil es heißt, es passiert immer noch zu oft.

»Schwarze Menschen gibt es in Deutschland nicht erst seit den 90ern. Manche schwarzen Familien leben in fünfter Generation hier«

Hast du trotzdem das Gefühl, dass sich da was ändert?
Auf jeden Fall. Bei aller berechtigter Skepsis ist es wichtig, mal raus zu zoomen und zu schauen, wo wir noch vor zehn Jahren waren. Als Diversität noch nicht in aller Munde und es noch nicht normal war, dass man in der Werbung auch Menschen sieht, die nicht weiß und blond sind. Was wir damals in der Agentur mit Kunden für Diskussionen geführt haben! Darüber, ob die Kinder in der Kampagne wirklich dunkle Haare haben dürfen. Da kriege ich heute noch Gänsehaut. Das ist inzwischen anders – aber ich hoffe, nicht nur oberflächlich. Es reicht nicht, als kleines Pflaster ein schwarzes Kind in die Werbung oder eines mit Behinderung in einen Film zu packen. Man muss all die Abläufe, Positionen und Entscheidungen im Hintergrund hinterfragen und diversifizieren.

Fällt dir ein Projekt ein, das das richtig gut macht?
Die großartige ARD-Serie „Schwarze Früchte“ ist eine Produktion, die aus queeren People of Colour besteht. Das halte ich für einen historischen Moment. Wenn wir Diversität in alle Richtungen denken, bekommen wir dadurch bessere Produkte. Weil durch die unterschiedlichen Perspektiven viel mehr, viel reichhaltigere Geschichten entstehen.

Was möchtest du in 20 Jahren selbst verändert haben in der Medienwelt?
Ich würde gerne dazu beigetragen haben, dass mehr Leute gehört werden. Mich stört diese herablassende Formulierung, dass Menschen keine Stimme hätten. Jeder Mensch hat eine Stimme. Nur entscheiden wir uns, wann wir hinhören. Die Antirassismus-Bewegung und die Forschung dazu sind in Deutschland keine Neuerscheinungen, schwarze Menschen gibt es hier nicht erst seit den 90ern. Manche schwarzen Familien leben in fünfter Generation hier.

Lass uns über die kleinen Träume reden: über gute Ideen. Wie wird aus einer deiner Ideen ein fertiges Projekt?
Es startet immer mit wirren Notizen in meiner Notes-App, zwischen Einkaufs- und To-Do-Listen: Bananen, Erdnüsse, Serien-Idee. Dann rede ich mit meinen Schwestern darüber. Die eine ist Regisseurin und Filmemacherin, die andere Rapperin. Die verstehen mich am besten, da muss ich nicht viel übersetzen. Wenn es die Idee dann durch diese härteste Tür Deutschlands geschafft hat, spreche ich mit meinem Produzenten oder anderen Freunden, die in dem Bereich arbeiten, darüber.

Was ist der größte Feind guter Ideen?
Pedanterie. Es ist wichtig, sauber und detailliert zu arbeiten. Aber im Frühstadium eine Idee zu zerpflücken, ist das Allerschlimmste.

»Wenn ich das Set zum ersten Mal betreten habe, wurde ich oft für die Maskenbildnerin gehalten, für die Stylistin oder die Putzfrau«

Wann gibst du auf, für eine Idee zu kämpfen?
Wenn der Geldgeber Nein sagt, kann ich eine Idee nicht umsetzen. Aber natürlich habe ich auch ein paar Hero-Ideen, für die ich mein Leben lang kämpfen werde. Zur Not muss ich irgendwann selbst Geld in die Hand nehmen, weil ich mich nicht darauf verlassen kann, dass die richtigen Leute im richtigen Moment meine Vision verstehen.

Ist eine davon dein Talk-Format „Der letzte Drink“? Ausschnitte der ersten Folge gingen viral, die Show hat den Grimmepreis bekommen – und trotzdem hat die ARD das Format bis jetzt nicht fortgesetzt.
Wir haben damals für einen Piloten auch unglaublich viel Presse bekommen. Wir sind zwar immer noch in Gesprächen, aber wahnsinnig viel Hoffnung habe ich nicht, dass das Format im Öffentlich-Rechtlichen fortgesetzt wird. Wir sind auch für die DAfFNE der Deutschen Akademie für Fernsehen in der Kategorie Unterhaltung nominiert, eine große Ehre. Unter uns scherzen wir manchmal, dass „Der letzte Drink mit Anna Dushime“ bald mehr Preise als ausgestrahlte Folgen hat.

Ist Skepsis typisch deutsch?
Meiner Erfahrung nach ist Deutschland leider wenig mutig, was Neues angeht. Uns Deutschen ist die Sicherheit wichtig. Hier muss man gleichzeitig mit einer Idee einen Proof of Concept mitbringen, also den Beweis, dass sie in der Praxis funktioniert. Aber das heißt ja auch, dass jemand anderes schon mal das Gleiche gemacht hat. Und so kann ja nichts Neues entstehen.

Haben es Kreative in der Unterhaltung leichter als im Journalismus?
Ja, Unterhaltung ist eine Leinwand, die freier zu bemalen ist. Aber ich hoffe auch, dass wir uns im journalistischen Bereich verabschieden von falsch verstandenen Standards und verschachtelten Sätzen. Oft gilt ja noch: Je mehr Passivkonstruktionen, je mehr Fachwörter, je komplizierter die Sätze, desto seriöser ein Text. Ich habe manchmal das Gefühl, es wäre Absicht, eine sprachliche Mauer zu bauen, um sich zu differenzieren von denen, die nicht mit dem Deutschlandfunk und der „FAZ“ aufgewachsen sind. Ich versuche immer, einfach zu schreiben. Weil natürlich erstens TikTok mein Gehirn ruiniert hat. Und weil ich zweitens überzeugt bin: Erst wenn man es schafft, Komplexes einfach zu erklären, hat man es wirklich verstanden.

Du hast bei Buzzfeed über Geflüchtete geschrieben und mit Roberto Blanco in „Der letzte Drink“ über Rassismus gestritten. Was entgegnest du, wenn jemand sagt: Politik hat in der Unterhaltung nichts verloren?
Alles, was man authentisch rüberbringen kann, hat seine Berechtigung. Und jedes Thema hat überall etwas verloren – wenn es zur Persönlichkeit des Absenders oder der Absenderin passt. Mein Zugang zu politischen Themen, gerade auch zu den harten wie Diskriminierung, Ungerechtigkeiten, Flucht, sind Unterhaltung und Humor. Das nimmt ihnen weder die Schwere noch den Ernst – es ist einfach eine andere Art, diese Themen anzusprechen. Ich halte nichts von Schubladen, in die man Genres sperrt.

»Wenn ich von meinen Bildschirmen ausgehe, habe ich so einen pessimistischen Blick auf die Welt. Und wenn ich dann rausgehe, bin ich überrascht, wie freundlich die Leute sind. Sogar in Berlin«

Was verpassen Medien, die TikTok ignorieren?
Jede neue Plattform, ob TikTok oder eine andere, bedeutet eine neue Chance, Menschen zu erreichen und zu verstehen. Die Populisten haben das längst kapiert: Maximilian Krah geht ja total ab auf TikTok, der rechtsextreme Influencer Erik Ahrens ist der Kopf dahinter. Wenn man sich als Medienmacher eine grundsätzliche Neugier bewahrt, auf eine andere Sprache, auf andere Zugänge zu Themen, auf neue Formate, lernt man immer dazu. Und wird besser.

Was ist die wichtigste Regel, damit ein Inhalt in der Flut an Content nicht untergeht?
Schwierig, wenn ich nicht Clickbaiting sagen will... Nein, Spaß. Ich glaube an die alte BuzzFeed-Schule: Wenn du einen persönlichen Zugang zum Thema hast, kannst du es am besten vermitteln. Menschen hören gerne von anderen Menschen. Der Algorithmus funktioniert halt auch sehr, sehr gut: Ich sehe auf TikTok und Instagram Menschen, die eine ähnliche Realität haben wie ich. Und wenn so jemand dann sagt: Ich habe das beste Rouge für Dark Skin gefunden – dann bin ich hooked. Das funktioniert für Make-Up genauso wie für den Krieg im Sudan, der in der Berichterstattung chronisch unterrepräsentiert ist: Wenn jemand eine Beziehung zu sich, dem Thema und dann damit auch zu mir herstellt, hat er mich.

Ist da nicht die Gefahr, dass es ein Thema gar nicht raus aus einer bestimmten Bubble schafft?
Das klingt jetzt wie ein Wand-Tattoo, aber: Menschlichkeit ist universell. Damit kriegst du jeden. Ich zum Beispiel habe als Kind in Ruanda gerne „Derrick“ geguckt, diese Krimiserie aus den 70ern. Die lief da seltsamerweise im Fernsehen, sogar auf Deutsch. Und da habe ich als kleines Mädchen eine Verbindung gefühlt zu diesem alten Polizeiinspektor aus München, der nicht nur räumlich 10.000 Kilometer weit weg von mir war. Weil wir beide Menschen sind und es in der Serie um menschliche Themen ging. Auch der „Bild“-Leser wird meine Menschlichkeit anerkennen, wenn man ihm nicht jeden Tag sagt, dass ich das Problem in Deutschland bin. Die Medien trauen ihrem Publikum echt wenig zu – das finde ich herablassend. Die Gesellschaft ist längst weiter als das, was wir schreiben, kreieren und herstellen.

Bei welchen Themen zum Beispiel?
Bei Rassismus, bei LGBT-Themen. Die meisten haben kein Problem mit Diversität. Sie sind neugierig oder finden das vielleicht ein bisschen komisch, was von ihrer Lebensrealität abweicht. Es gibt natürlich die Homophoben, die Rassisten, die man nicht mehr überzeugen wird. Aber ich glaube, dass der Großteil der Gesellschaft so ein bisschen schwankt, sich nicht so sicher ist. Und wenn dann die Desinformations-Maschine loslegt, zieht sie die halt auf die falsche Seite.

Was wünscht du dir da von den Medien?
Andere Narrative. Man muss nicht nur positive Geschichten über Geflüchtete bringen oder schwarze Menschen heroisieren. Man kann und sollte die Menschen aber in all ihren Facetten darstellen. Wir sprechen Menschen die Menschlichkeit ab, wenn wir sie nur eindimensional zeigen. Chimamanda Ngozi Adichie, eine nigerianische Schriftstellerin, nennt das Danger of a Single Story. Von weißen Menschen gibt es sehr viele verschiedene Erzählungen. Sie können cholerisch sein, nett, fürsorglich – alles, was dir einfällt. Von marginalisierten Menschen gibt es oft nur eine Erzählung. Wenn man die immer wiederholt, entstehen in den Köpfen Stereotype. Um die abzubauen, könnten wir einfach die Realität abbilden. Ich gucke auf TikTok oder Instagram so gerne, wie andere Menschen kochen oder ihre Feiertage feiern. Ich finde es nice, wenn in den Läden, in denen ich meine Weihnachtsdeko kaufe, auch Deko für die Feste anderer Religionen verkauft wird. Niemand nimmt mir meinen christlichen Glauben weg, weil es bei Karstadt einen Ramadan-Kalender gibt.

»Meine Familie hat über Generationen hinweg erlebt, wo es hinführt, wegen konstruierter ethnischer Differenzen marginalisiert zu werden. Seitdem überlege ich zweimal, welche Pläne ich mache, welche Investitionen ich tätige«

Fehlt uns die Neugier aufeinander?
In unseren Feeds haben wir eigens für uns kuratierte Inhalte. In unseren selbst gebauten Echokammern klopfen wir uns gegenseitig auf die Schultern und halten das für Austausch. Ich lebe und arbeite in Charlottenburg, viele meiner Freunde machen irgendwas mit Medien. Was für eine Ahnung habe ich denn von Deutschland, wenn ich den ganzen Tag nur mit solchen Leuten unterwegs bin? Ich muss Zug fahren, ich muss Bus fahren, ich muss mich mit Menschen auf der Straße unterhalten. Mit den Menschen hier in der Kneipe. Wenn ich davon ausgehe, was ich auf meinen Bildschirmen sehe, habe ich so einen pessimistischen Blick auf die Welt. Und wenn ich dann rausgehe, bin ich überrascht, wie freundlich die Leute sind. Sogar in Berlin.

Auf den Bildschirmen sehen wir Krisen, Kriege, Klimakatastrophe. Wie schaffst du es, dass dir die Hoffnung nicht verloren geht?
Das habe ich von meiner Mutter. Sie hat immer gesagt, dass sie nicht verstehen konnte, wie Bäume und Blumen einfach so weiter blühen können, nachdem unser Vater umgebracht wurde, nachdem ihre Eltern umgebracht wurden und all diese anderen Menschen. Aber dann hat sie kapiert: Das Leben geht immer weiter. Und es ist gut, dass die Bäume und Blumen uns daran erinnern. Wenn man so etwas Schlimmes erlebt hat wie einen Genozid, denkt man: Was könnte Schlimmeres kommen? Wenn ich damit fertig geworden bin, werde ich mit ein paar Rassisten in Berlin auch fertig.

Du bleibst also Optimistin?
Mal so, mal so. Ich bin aber auch total oft frustriert und traurig. Dann frage ich mich, ob wir schon so einen Punkt erreicht haben, von dem wir nicht mehr zurück können. Ob wir jetzt einfach einmal durchspielen müssen, dass die Welt populistischer, rassistischer und unangenehmer wird, um zu erkennen, dass das falsch ist – und dann umzukehren und alles anders zu machen. Natürlich vorausgesetzt, wir überleben das Ganze.

Wie hilft dir dein Humor, mit schlechten Nachrichten umzugehen?
Auch den habe ich von meiner Mutter. Selbst wenn ich an den Genozid denke, erinnere ich mich an Momente, in denen wir miteinander gelacht haben. Es gibt in jeder Tragödie immer irgendwas Lustiges. Humor ist für mich keine Taktik, um Probleme oder Krisen auszublenden. Im Gegenteil: Er macht es leichter, hinzuschauen und sich damit auseinanderzusetzen. Das Prinzip verfolgen wir auch beim „Browser Ballett Heimatquiz“, in dem Promis einschätzen müssen, welche absurden Fakten zu gesellschaftlichen Kontroversen tatsächlich stimmen. Ein Beispiel: Rund um die Aufarbeitung des NSU-Skandals wurden in den Behörden Akten geschreddert – das war als Operation Konfetti bekannt. Das ist an Zynismus kaum zu überbieten.

Du trägst ein Kreuz um den Hals, dein Stiefvater war Pfarrer. Wie hilft dir der Glaube?
Humor und Glaube sind für mich die absolute Gewinner-Kombi. Humor hilft, mit der Gegenwart klarzukommen. Und mein Glaube hilft, keine Angst vor der Zukunft zu haben: Ich fühle mich zu jeder Zeit getragen. Egal was kommt, Gott macht schon. Ob man mich deswegen naiv nennt, ist mir echt egal.

»Du bleibst also Optimistin? – Mal so, mal so. Ich bin oft frustriert und traurig«

Als du zehn warst, ist deine Mutter mit euch der Liebe wegen nach Deutschland gezogen. Für welchen Traum würdest du nochmal neu anfangen?
Um nach Ruanda zurück zu gehen. Das hat einen traurigen Hintergrund: Als diese sogenannten Remigrationspläne bekannt geworden sind, habe ich mich gefragt, was mit uns passiert, wenn die Faschisten regieren. Meine Familie hat über Generationen hinweg erlebt, wo es hinführt, wegen konstruierter ethnischer Differenzen marginalisiert zu werden. Seitdem überlege ich zweimal, welche Pläne ich mache, welche Investitionen ich tätige - denn was ist, wenn wir enteignet werden? Seitdem überlege ich, wo ich neu anfangen würde, wenn ich müsste. Und da würde ich nach Ruanda ziehen. Ich will nicht nach Dänemark oder Portugal oder Nigeria - sondern schön dahin, wo ich mich auskenne. Da setze ich auf Sicherheit. Typisch deutsch eben.

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Anna Dushime wird 1988 in Kigali, Ruanda geboren. Mit fünf flieht sie vor dem Genozid an den Tutsi, bei dem ihr Vater getötet wird. Mit zehn kommt sie nach Deutschland. Sie studiert Marketing, ist heute Kreativdirektorin der Produktionsfirma Steinberger Silberstein, hostet die satirische Quizshow „Browser Ballett Heimatquiz“. Mit dem TV-Talk „Der letzte Drink“ hat sie den Grimme Preis gewonnen.

Dieser Beitrag erschien im Januar 2025 in der Turi.Edition.23