Dr. Eckart von Hirschhausen kämpft unverdrossen gegen manipulierte Social-Media-Inhalte. Im Interview mit Anne Fischer ruft er zum Widerstand gegen Deep Fakes und Plattform-Patriarchen auf.
Fotos: Dominik Butzmann, Picture Alliance, PR; Lesezeit: 6 Minuten
Seit Donnerstag redet ganz Deutschland über Deepfakes, du hast einen Post mit Collien Fernandes und HateAid veröffentlicht. Bist du froh, dass Deepfakes jetzt breit diskutiert werden?
Ich bin Collien sehr dankbar, dass sie ihre so persönliche und verletzende Geschichte öffentlich macht, damit wir endlich sprechen darüber, was Deepfakes alles zerstören können: Menschen, Beziehungen, Vertrauen in Medien, den öffentlichen Rundfunk, Engagierte der Zivilgesellschaft und damit unsere Demokratie.
Warum?
Die Plattformen, die Deep Fakes verbreiten, kennen keine Menschenwürde, zahlen keine Steuern, halten sich an keine Gesetze. Sie verdienen an jedem Klick und machen mit Rechtsbruch und Betrug Milliarden Profit. Deshalb ist Colliens Geschichte eben nicht nur eine persönliche Tragödie – es betrifft uns alle.
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Was müssen Nutzer von Social Media über Deep Fakes wissen?
Dass digitale Gewalt reale Gewalt ist. Rufmord, Identitätsdiebstahl, Deepfakes verschmelzen zu einer traumatisierenden toxischen Mischung von Kontrollverlust über das eigene Leben, die ja perfider weise von den Tätern auch gewollt ist. HateAid hat eine Umfrage gemacht, dass praktisch jeder zweite Mensch, der sich engagiert und in der Öffentlichkeit steht, durch den ungezügelten Hass im Netz überlegt, sich zurückzuziehen. Umso größer ist meine Hochachtung und meine Dankbarkeit für Collien, dass sie diesen Schritt getan hat.
Wie engagierst du dich, außer für HateAid und Collien Fernandes?
Zusammen mit Marc-Uwe Kling unterstütze ich die Forderungen von Save Social: Strafbarkeit von Deep Fakes ab Herstellung, kein Schlupfloch durch KI-Labels, kein Nachweis eines „erheblichen Schadens“. Nicht nur die Scham muss die Seite wechseln – auch die Verantwortung und Beweislast. Niemand hat das Recht, einen echten Menschen zu fälschen und zu missbrauchen. Mein Gesicht gehört mir. Meine Stimme auch. Und das gilt für jeden von uns.
Was schlägst du konkret vor?
Wir brauchen jetzt verbindliche Regeln, die Betroffene schützen, die Täter bestrafen und die Plattformen verantwortlich machen. Es ist löblich, dass Stefanie Hubig jetzt einen Gesetzesentwurf vorlegt. Das hätte sie allerdings schon längst tun können. Als ich sie auf einem gemeinsamen Podium auf der Frankfurter Buchmesse traf, war das Thema auch schon lange bekannt. Zur Meinungsfreiheit gehört auch, dass niemand das Recht hat, mir eine Meinung in den Mund zu legen, die ich nicht habe.
Was wünschst du dir von der Kommunikationsbranche?
Dass wir das Problem gemeinsam angehen. An die Täter kommen wir eh nicht ran. Die verstecken sich im Ausland, und entziehen sich geschickt jeder Strafverfolgung. Aber wir haben doch Google, Facebook, Instagram und YouTube auch in Deutschland. Die müssen ein Interesse daran haben, dass ihr Geschäftsmodell nicht im KI-Slop ersäuft. Und wenn sie das nicht haben, müssen wir sie boykottieren, statt die Seriosität von Qualitätsmedien und ihren Aushängeschildern weiter so brutal beschädigen zu lassen. Die Plattformen und Zwischenhändler wissen doch, von wem sie die Anzeigen bezahlt bekommen. Warum kooperieren die nicht, und geben die Zahlungsdaten raus, sperren die Betrüger und bemühen sich selbst um anständige Kunden? Follow the money, es ist True Crime!
Im Internet kursieren Fake-Hirschhausens, die für pseudomedizinische Mittelchen werben. Was macht das mit dir?
Seit etwa fünf Jahren werden Fernsehausschnitte von mir aus ARD-Sendungen missbraucht, um mit einer KI-gefälschten Stimme Werbung zu machen und gutgläubige Menschen abzuzocken: Kardirin für den Kreislauf, Glucoslim zum Abnehmen, Schmerzmittel wie Artodip, neuerdings auch Potenzmittel. Über meine Website schreiben mir dann die Personen, die reingelegt wurden. Die Geschädigten sind oft sauer auf mich, weil sie fälschlicherweise vermuten, ich hätte damit etwas zu tun. Oder sie fragen um Hilfe, denn sobald sie ihre Telefonnummer im Netz auf den Fake-Seiten verraten haben, werden sie mit allen Tricks der Verkaufspsychologie von deutschsprachigen Callcentern im Ausland bombardiert.
Was macht das mit Hirschhausen als Marke?
Seit 30 Jahren mache ich als Arzt und Wissenschaftsjournalist mit Sendungen, Büchern und Bühnenprogrammen Aufklärung zu Gesundheitsthemen. All diese Jahre habe ich auf sehr lukrative Werbeangebote verzichtet, um meine journalistische Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit zu bewahren. Umso mehr lasse ich nicht zu, dass genau dieses mühsam aufgebaute Vertrauen in mich als Person und die ARD als öffentlich-rechtlicher Absender missbraucht wird.
Du hast gegen Meta durch mehrere Instanzen geklagt und nach zwei Jahren vor dem Oberlandesgericht Frankfurt gewonnen. Hat das geholfen?
Nein, ich musste feststellen, dass die Deepfakes nicht verschwanden, sondern immer raffinierter und täuschender werden. Wenn ich die KI-Synchronstimme höre, bekomme ich Gänsehaut, weil die so gut nachgemacht ist, dass ich mich kneifen muss, um zu spüren, dass ich echt bin, und das nie gesagt habe.
Und immer neue Fake-Hirschhausens wachsen nach?
Ja, ich bekomme jeden Tag über 100 Emails von Menschen, die mir neue Fakes anzeigen. Jetzt mache ich eine ARD-Doku dazu „Hirschhausen gegen die Deepfake-Mafia“ – denn es ist wirklich mafiös, was ich auf eigene Faust auch in Brasilien bei einem Whistleblower erfahren habe. Aber die eigentlichen Mafiosi sitzen im Silicon Valley. Die Anwälte von Zuckerberg waren so dreist zu behaupten, sie könnten nicht erkennen, ob das Fakes sind. Bullshit! Erstens verkaufen sie aktiv AI-Services, die genau das können. Und zweitens ist seit einem Reuters-Leak klar: Die Schweinebande verdiente mit Fakes allein 2024 rund 16 Milliarden Dollar. Statt die Fake-Ads zu löschen, erhöhen sie für Betrüger die Preise als Monopolisten.
Für die Plattformen ein lukratives Geschäft.
Das dürfen wir uns in Europa einfach nicht länger gefallen lassen. Wir werden erpresst von Trump, von BigTech und von russischer und chinesischer Desinformation. Denn alle schielen auf den großen europäischen Markt, der über 400 Milliarden wert ist. Und da sind Menschenrechte, Persönlichkeitsrechte, öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rechtsstaat und Demokratie ein Dorn im Auge. Trump, Musk und Konsorten legen gerade für Macht, Öl und Daten die Welt in Schutt und Asche. Das ist ein Menschenbild, was mit unseren europäischen Werten nichts mehr zu tun hat. In deren kranken Algorithmen und Geschäftsmodellen sind wir nur etwas wert, wenn wir ohne Unterbrechung online sind und auf dem Handy auf passgenaue Anzeigen starren.
Verlierst du selbst das Vertrauen in den Rechtsstaat, weil es sich anfühlt wie ein Kampf gegen Windmühlen?
Ich bin kurz davor. Ich würde mir auch wünschen, das ARD, ZDF und Deutschlandfunk nicht nur nachrichtlich über das Thema berichten, sondern klar machen, wie massiv praktisch alle relevanten Moderatoren von Deepfakes betroffen sind. Es gibt in den Anstalten Hunderte von Juristen – aber ich lese und höre von denen wenig. Dabei ist es doch nicht das persönliche Problem von jedem einzelnen, sich darum zu kümmern.
Was können die Betroffenen tun?
Ich bin im Austausch mit Ingo Zamperoni, Marietta Slomka, Katrin Eigendorf, Anja Kohl und 20 weiteren. Die müssen im Netz für politische Propaganda, für dubiose Finanzprodukte und für sonstigen Scheiß herhalten. Julia Fischer, DocEsser, Matthias Riedel von den Ernährungsdocs, alle die für Gesundheit kompetent und bekannt sind, verkaufen angeblich Abnehmpillen, Kreislaufmedikamente und Potenzpräparate. In einem Video wurde ich in einem Tagesschau-Beitrag angeblich erschossen. Es ist alles nicht mehr lustig.
Du bist dieses Jahr auch auf vielen Medien-Bühnen, zum Beispiel auf der Re:publica und dem Radio Advertising Summit. Warum?
Weil ich gerne mit inspirierenden Menschen spreche, die auch etwas daran ändern können! Je verrückter und digitaler die Welt wird, desto wichtiger sind analoge dritte Orte, an denen sich echte Menschen treffen.
Dein Heilplan, bitte: Wie schaffen wir es zurück zu einer gesunden Digitalwelt ohne Deep Fakes?
Wir müssen Deepfakes so bekannt machen wie den Enkeltrick. Und dafür bitte ich alle um Unterstützung. Jeder an seiner Stelle, mit voller Reichweite. Wir müssen vor die Welle kommen. Beim Enkeltrick gab es von der Polizei an jeder Bushaltestelle Plakate, so dass heute hoffentlich jeder davon gehört hat, darüber redet und richtig reagiert. Denn erst einmal schämen sich Opfer, dass sie auf so was Blödes reingefallen sind, und schweigen. Wenn wir mehr darüber berichten, mehr darüber sprechen, mehr auf seriösen Internetportalen aufklären, machen wir es den Betrügern schwerer, neue Opfer zu finden. Wir schaffen das gemeinsam oder gar nicht. Jetzt ist der Moment.
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Dr. Eckart von Hirschhausen studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art vermitteln; im Fernsehen, in Büchern, auf Bühnen. 2020 gründete er die Stiftung Gesunde Erde - Gesunde Menschen und veröffentlichte das Buch Mensch Erde – Wir könnten es so schön haben. Für die ARD moderiert er Wissen vor 8 – Erde und Dokumentationen. Eckart von Hirschhausen ist Ehrenmitglied der Fakultät der Charité, Mitglied im Club of Rome und Honorarprofessor in Marburg. Er ist verheiratet und lebt in Berlin.