Post aus dem Kuhstall: Annemarie Paulsen betreibt einen Bio-Milchviehhof in der Uckermark und postet auf Instagram und TikTok Videos, die millionenfach angesehen werden. Trotzdem kotzt sie die Polarisierung auf Social Media manchmal an – in der Turi.Edition.23 teilt sie ihre Idee, wie man das ändern könnte.

Foto: Jürgen Todt, privat, Lesezeit: 2 Minuten

Morgens meine Gummistiefel anziehen, meine Arbeit machen und dabei mit der Natur wach werden: Das ist mein Lebensglück. Als Bäuerin wünsche ich mir, dass die Landwirtschaft den Krisen unserer Zeit und dem Klimawandel nachhaltig und resilient begegnet und so dafür sorgt, dass wir nie hungern müssen.

Ich bin aber nicht nur Bäuerin. Ich bin Frau, Ehefrau, Mutter. Und Influencerin. In jeder dieser Rollen sehen meine Visionen von der Zukunft anders aus.

Als Frau sehe ich, dass Frauen immer zusammenhalten werden. Wir leben die „Sisterhood“, unabhängig von Alter, Herkunft, Religion. Der Mut der Frauen in den Generationen vor uns gibt uns die Freiheit, die zu sein, die wir sind, ungeschönt und unverschämt. Wir nehmen uns Raum und Zeit, lieben und vertrauen hemmungslos. „Ich treffe dich in 30 Jahren in Lissabon“, sage ich als Ehefrau zu meinem Mann. Die Kinder sind ausgezogen, der Hof ist übergeben. Und wir beide tanzen im Hafen, gealtert, gesund und noch immer unbändig neugierig aufeinander. Als Mutter wünsche ich mir, dass meine Kinder mich immer herausfordern. Meine Aufgabe wird sein, unsere Differenzen auszuhalten, an ihnen zu lernen und nie einen Zweifel meiner Liebe anzudeuten. Und als Influencerin wünsche ich mir, immer authentisch und ehrlich zu mir selbst zu bleiben. Damit ich als alte Oma meine Videos von früher meinen 100 Enkelkindern zeigen kann.

»TikTok, eine Plattform, die ich immer hart gefeiert habe, füttert mich mit Hass, in dem ich mich verliere«

In der Realität muss ich gestehen: Ich bin oft verbittert. Polemisch, polarisiert. Und darüber dann ebenso erschrocken wie mein Mann, der sich meine Tiraden anhört. TikTok, eine Plattform, die ich immer verteidigt und hart gefeiert habe für die unfassbar kreative Basis, füttert mich mit Hass, in dem ich mich verliere. Zeigt mir Videos mit einseitiger Darstellung, die mich sofort triggern. Ich lese Kommentare, steigere mich in eine Diskussion, mit einer Meinung so kurz und haltlos wie das Video dazu. Ich kategorisiere Menschen. Deine Kleidung, deine Nägel, deine Essgewohnheiten, deine Art zu reden: All das gibt mir ein Gefühl davon, wohin du gehörst. Rechts oder Links, Ost oder West, Stadt oder Land. Gut oder Schlecht.

Es kotzt mich nur noch an. Ich will nicht so denken. Aber Social Media will das: Gruppenbildung, wir gegen die. Ausgewogenheit bekommt keine Aufmerksamkeit. Es muss knallen. Keiner interessiert sich für eine Schmuse-Meinung, je mehr Kommentare und Empörung, desto mehr Reichweite. Mobil machen. Aufstacheln. Gegenüberstellen statt zusammenführen.

Ich möchte meine Augen schließen und träumen. In meinem Traum gibt es immer noch Social Media. Und Videos, die polarisierende, überzogene und hasserfüllte Meinungen haben. Aber sie haben kaum noch Reichweite. Die Interaktionen bleiben aus, genauso wie die Empörung übers Gesagte. Auf den Social-Media-Plattformen der Zukunft wird jedes Video dank KI in eine Motivation-Kategorie eingeordnet. Zum Beispiel: „sucht Trost“, „will Angst erzeugen“, „hetzt auf“, „lügt, um zu polarisieren“.

»Wir alle wollen ja unseren eigenen Bias bestätigen, unsere Bubble ist unser Schutzraum, hier sind wir die Guten«

Das hilft uns, unsere Gefühle beim Schauen einzuordnen: Empfinde ich gerade Hass, weil ich wirklich hasse, oder weil ich zum Hassen aufgefordert werde? Stimme ich dem Gesagtem zu oder denke ich darüber nochmal nach und informiere mich tiefer? Die Motivations-Kategorien sind dann praktisch ein doppelter Schutz vor dir und den Gefühlen, die du in dich hineinlässt – oder eben nicht.

Und ich rede hier nicht nur von Jugendlichen, die man ja immer als sehr schutzbedürftig sieht in Sachen Social Media. Sondern ich rede auch von mir, der 32 Jahre alten Mutti, die dem Hass manchmal nicht entkommt. Wir alle wollen ja unseren eigenen Bias bestätigen, unsere Bubble ist unser Schutzraum, hier sind wir die Guten. Und dann taucht unter einem Video aus unserer Bubble die Motivationskategorie „lügt, um zu polarisieren“ auf. Entweder ich oute mich jetzt als jemand, der einer offensichtlichen Lüge glaubt. Oder ich fange an, Dinge differenzierter und aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Ich habe in der Social-Media-Welt der Zukunft die Wahl.