Foto: Jochen Enderlin, Lesezeit: 2 Minuten

Kick it like Kai: Kai Gniffke, Intendant des Südwestrundfunks und bis 2024 ARD-Vorsitzender, wäre um ein Haar Fußballprofi geworden. In der Turi.Edition.23 erklärt er, warum er noch heute auf Fair Play und Stadion-Feeling setzt.

Einer meiner Lieblingsorte ist das Fußballstadion. Schon als Kind war das so. Wäre ich nicht Journalist geworden, mein Alltag wäre als Fußballprofi auf dem Platz gewesen. Vielleicht aber liegen beide Leidenschaften sogar näher beieinander, als man denkt? Im Stadion finde ich Werte, die ich mir auch für die ARD wünsche: Gemeinschaftsgefühl und Begeisterung, Fairness und Teamgeist, klare Regeln und eine moderne Spielstrategie.

Es ist Zeit für mehr öffentlich-rechtlichen Ballbesitz in der digitalen Welt. Unsere Demokratie steht unter Beschuss, und wir in der ARD müssen hinten stabil stehen und ins Gegenpressing gehen. Ich wünsche mir eine ARD, die klare Kante gegen Wahrheitspfuscher und Fake-News zeigt. Respekt und Transparenz statt Hass und Hetze. Es braucht demokratischen Diskurs und Vielstimmigkeit – nicht Polarisierung und vergiftete Diskussionen. Darauf ist unsere Mannschaftsaufstellung ausgerichtet, taktisch klug, hinten sicher stehen und dann die Umschaltmomente nutzen.

Gerade in Zeiten wie diesen ist die ARD ein Garant für die echte Welt. Wir zeigen die ungeschminkte Wirklichkeit. Und zwar präzise, belastbar und nach überprüfbaren Standards. Wir sind an der Quelle und selbst eine verlässliche Quelle. Die neue ARD öffnet sich, lädt zum Gespräch, ist bereit für Dialog und Kritik. Das schafft Vertrauen. 

»Ich träume von einem eigenen Stadion, das wir gemeinsam mit den kommerziellen Medienanbietern bauen. Ein großes, transparentes, eines, wo alle Menschen und alle Meinungen willkommen sind«

Dieses Vertrauen werden wir nicht aufs Spiel setzen. Ich fühle die Verantwortung gerade auch für die junge Generation. Die setzt sich nicht um 20 Uhr vor den Fernseher (sofern sie überhaupt einen hat), um die Tagesschau einzuschalten. Junge Menschen suchen verlässliche Informationen auf Social Media Plattformen. Bei Tiktok, Instagram und Snapchat findet ihre politische Sozialisation statt, dort sehen sie Vorbilder ihrer Lebenswirklichkeit. Wollen wir das Feld den undurchsichtigen Algorithmen großer Tech-Konzerne überlassen, die ihre Nutzenden binden, indem sie den Emotionsregler auf Anschlag drehen? Die mit verbalen Pyros zündeln und laut brüllende Hooligans mit Aufmerksamkeit belohnen?

Taktisch sind wir schon ganz gut aufgestellt: Auf Instagram ist die Tagesschau mit 5,4 Millionen Followern das erfolgreichste Nachrichtenangebot Europas. Auf TikTok sind es 1,5 Millionen. Und auf Twitch sind wir mit dem neuem Format „tagesschau together“ furios gestartet: Knapp drei Stunden lang Hintergründe zu Nachrichten und intensiver Dialog mit den Nutzenden. So geht die „neue“ ARD. Aber da ist perspektivisch noch mehr drin.

Die alte ARD hat den Aufbruch gewagt, indem sie sich selbst aufgebrochen hat. Wir haben die ARD nach der schwersten Krise ihrer Geschichte vor zwei Jahren umgekrempelt. Klar sind wir eine 75 Jahre alte Traditionsmarke. Gegründet aus dem Geist von Freiheit und Demokratie, als demokratischer Gegenentwurf zum totalitären Propagandasender der Nationalsozialisten. Viele Menschen in Deutschland hat die ARD seit Generationen begleitet. Aber diese ARD musste sich häuten, sie musste moderner, zeitgemäßer, digitaler werden. Wir haben die zwiegenähten Baumwolltrikots abgelegt und uns mit High-Tech ausgestattet.

Die neue ARD gehört im Bereich Streaming in die Champions League. Gemeinsam mit dem ZDF können wir der Nukleus sein für eine Medienlandschaft, die nicht auf einem Rasen spielt, der von Tech-Konzernen gemäht worden ist. Ich träume von einem eigenen Stadion, das wir gemeinsam mit den kommerziellen Medienanbietern bauen. Ein großes, transparentes, eines, wo alle Menschen und alle Meinungen willkommen sind, wo wir Fangesänge anstimmen und La-Ola-Wellen lostreten. Wettbewerber sollten dort inhaltlich konkurrieren, nicht technisch. Gegen ein hartes Match habe ich nichts. Aber es muss das Fair Play gelten. Eine tollkühne Vision? Vielleicht. Es braucht Mut, das Richtige zu tun, auch wenn es sich nicht gleich wirtschaftlich auszahlt. Ich bin überzeugt: Genau dafür gibt es den öffentlichen-rechtlichen Rundfunk. Weil wir eben frei von Marktzwängen das tun können, was Demokratie sichert und gut für die Gesellschaft ist.