Mit Ponys gegen Populismus: Lina Timm, Innovationsexpertin bei Madsack, tankt zwischen Koppel und Dressurviereck Kraft für ihre Träume von einer besseren Medienwelt. Wie die aussehen kann, beschreibt sie in der Turi.Edition.23.
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Es tut ziemlich gut, auf dem Ponyhof zu stehen. Dort ist egal, wer gerade Präsident geworden ist, ob wir noch eine Regierung haben und welches Geschäftsmodell den Journalismus retten kann. Auf dem Ponyhof ist nur wichtig, ob die Pferde heute auf der Koppel waren und ob es genug Möhren gibt.
Vor dem Hoftor ist nichts einfach. Warum gewinnen verurteilte Straftäter Wahlen? Warum muss man eine Schuldenbremse unbedingt einhalten? Die Antworten sind so komplex, dass es auch mir als studierter, privilegierter Europäerin schwerfällt, den Überblick zu behalten. Wie geht es da erst Menschen, die sich nicht hauptberuflich mit Medien und Journalismus beschäftigen, sondern Regale einräumen, Dachstühle zimmern oder Patienten versorgen?
Wer ein Pferd putzt, kann nebenbei exzellent träumen – zum Beispiel von einer Gesellschaft, die umfassend informiert ist. In der guter Journalismus, der Pro und Contra abwägt und erklärt, alle Menschen erreicht. In der sie verstehen, was eine politische Entscheidung für ihre Zukunft bedeutet. Auf dem Ponyhof gibt es keine zwielichtigen Telegram-Kanäle, die Falschnachrichten von Trollfarmen weitertragen. Oder polternde Politiker, die denken, sie könnten Populismus am besten mit mehr Populismus bekämpfen. Das Leben ist kein Ponyhof – außer man ist auf dem Ponyhof.
Draußen in der richtigen Welt haben Nachrichten einigen Menschen so schlechte Laune bereitet, dass sie sie bewusst abschalten. „News Avoidance“ heißt das Phänomen und wird leider völlig überschattet von der Debatte, wie viel Journalismus wir jetzt mit KI automatisieren können.
Ich träume davon, dass wir Produkte bauen, die es schön machen, Nachrichten zu lesen – auch wenn die Nachrichten selbst es nicht sind. Von einem Journalismus, der Menschen nicht überfordert, sondern abholt. Einem Journalismus, vor dem die Menschen sich nicht in die einfachen Antworten der Desinformation flüchten. Ich wünsche mir Nachrichtenprodukte, die Menschen gern in ihrem Alltag haben wollen.
Der Weg dahin ist leider auch nicht wie im Pferdesport. Während sich die Gesellschaft konstant verändert, sind die Lektionen einer Dressurprüfung dieselben wie vor 30 Jahren. Mein Pferd und ich üben gerade zum Beispiel die „Traversale“, dabei soll es gebogen seitlich-vorwärts galoppieren. Das ist schon schwer genug, aber wir üben einfach genau diesen Bewegungsablauf – und irgendwann können wir ihn.
»Ich träume davon, dass wir Produkte bauen, die es schön machen, Nachrichten zu lesen – auch wenn die Nachrichten selbst es nicht sind«Für die Gesellschaft, von der ich träume, können wir nichts üben. Wir wissen ja noch gar nicht, welche Lektion unser Ziel ist. Das ist der neue Schritt, den wir gehen müssen. Von der Medienwelt und der Gesellschaft von vor 30 Jahren ist so wenig übriggeblieben, dass wir erstmal das Ziel neu definieren müssen. Wie wollen wir leben? Wie wird die Gesellschaft sein? Erst wenn wir diese Zukunftsvision haben, können wir die Nachrichtenprodukte dafür entwickeln. In meiner Zukunftsvision weiß jeder Mensch genau, welche Auswirkungen seine Wahlentscheidung auf das eigene Leben und die Gesellschaft hat – und entscheidet entsprechend.
Den Weg dahin kann uns keiner erklären. Wir können ihn nur ausprobieren. Wenn wir wieder allzu lang im Trüben fischen, dann empfehle ich: Auf die persönliche Version des Ponyhofs zu fahren, den pinken Gute-Laune-Mantel überzuwerfen und Kraft zu tanken. Kraft, um die Träume umzusetzen.