Musk macht jetzt Marslandung – und verliert das Interesse an seinem Propagandaspielzeug X. So zumindest die Idee im Gastbeitrag für die Turi.Edition.23 von Marie von den Benken, die ihre Medienkarriere auf Twitter als @regendelfin begann.
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er den Kurznachrichtendienst Twitter zu einem ungeheuren Informationsungeziefer verwandelt. Stilistischer Coup: Text über Träume für die Kommunikationsgesellschaft mit einer dystopischen Metapher auf die einst wichtigste Digitalplattform für Nachrichten und gesellschaftliche Strömungen starten: Check. Aber, so kennen Sie mich, am Ende hängt alles zusammen.
Mein Traum im Kontext des öffentlichen Debattierzustandes ist nämlich direkt mit Twitter verknüpft. Twitter war für mich stets kreativer Rückzugsort, an dem Genies (und ich) einen geschützten Digitalraum für durchgeknallte Wortspiele und skurrile Phrenesien fanden. Aber dann kamen Journalisten, Promis, CEOs, Politiker, Klugscheißer, Rechtsextreme, Linksextreme, Rassisten, Antisemiten, Hyperwoke –- und als Krönung der Unbehaglichkeit, am wortwörtlichen Ende auch noch Elon Musk.
„Freiheit ist zu einem pseudo-libertär überfrachteten Denkkorridor verkommen, den ein Egozentriker definiert, dem verquere Autokraten näher sind als faktenbasierte Analysen“Der hatte ziemlich viel Geld, noch mehr Ego, indiskutable Ansichten, ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und offenbar zu viel Tagesfreizeit. Eine ungesunde, mitunter toxische, hier sogar demokratiegefährdende Mischung. Musk jedenfalls nahm sich ein trumpverseuchtes Herz, 44 Milliarden Dollar und kaufte Twitter. Dann nanntes er es X, feuerte die für Hatespeech-Eindämmung verantwortliche Abteilung und lenkt X seither als Patron der Wissenschaftsfeindlichkeit mit Hang zu rechtspopulistischer Diskursmanipulation.
Sollten Sie es bis hierher geschafft haben und jetzt möglicherweise denken „Ziemlich idiotischen Traum hat die Tante“: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Mein Traum lautet nämlich: Elon Musk hat einen für sein Selbstwertgefühl äußerst essenziellen Sieg errungen, denn: Trump ist Präsident. Die Weltordnung tendiert ins Faschistische, Amerika zum Protektionismus. Freiheit ist zu einem pseudo-libertär überfrachteten Denkkorridor verkommen, den ein Egozentriker definiert, dem verquere Autokraten näher sind als faktenbasierte Analysen. So weit, so schlecht.
Aber wäre das für Musk nicht ein guter Zeitpunkt, sich selbstbesoffen einzureden, er habe es geschafft, Trump per X-Algorithmus zum Wahlsieger zu schwurbeln und dann beseelt vom eigenen Triumph das Interesse an X zu verlieren? Bestimmt gibt es weitere Felder, auf denen er seine Magie einsetzen kann. Marslandung vielleicht oder die ganzen Gadgets aus „Zurück in die Zukunft II“. Ich warte beispielsweise immer noch auf das Hoverboard, das Steven Spielberg schon für 2015 versprochen hatte.
Parallel könnte Musk X wieder veräußern, die neuen Inhaber es in Twitter rücktaufen, ein bisschen bei russischen Desinformationsbots durchfegen und den zum politischen Propagandaspielzeug für fragile Milliardäre verkommenen Kurznachrichtendienst in Goldene Zeiten zurücktransformieren.
Die Uhr muss auch nicht komplett auf null gesetzt werden. Nurmehr Wortspiele, das wäre auch mir inzwischen zu seicht. Aber eine meinungspluralistische, manipulationsresistente, kritische, die politischen Entwicklungen und Tendenzen mit aufmerksamer Distanz kommentierende Ideenplattform, auf der Charaktereigenschaften wie Debattenkultur wieder zur Serienausstattung gehören: Das würde ich mir schon wünschen.