Streitlustig, aber nicht zerstritten: Diese Vision der Gesellschaft der Zukunft entwirft Rainer Esser, CEO der „Zeit“-Verlagsgruppe, in der Turi.Edition.23 – mit ein wenig Hilfe vom Altkanzler.
„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Dass dieser Ausspruch Helmut Schmidts, den er selbst als „pampige Antwort auf eine dusselige Frage“ bezeichnete, ihm sein Leben lang nachhing, hat ihn ziemlich genervt. „Dieser Satz ist tausendfach zitiert worden. Einmal hätte genügt.“ Der Ärger ist nachvollziehbar. Denn natürlich war der Bundeskanzler a.D. und Herausgeber der „Zeit“ ein Mensch mit Visionen. Ein zukunftsorientierter Vordenker und Welterklärer. Einer, der sich nicht im Kleinklein der Parteipolitik verlor, sondern stets das große Ganze im Blick hatte. Einer, den man heute gerne fragen würde, was wir Medien tun können, um der zunehmenden Polarisierung, dem gefährlichen Auseinanderdriften unserer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen.
Ich stelle mir vor, wie ich in Schmidts Büro auf dem Sofa sitze – eine Tasse in der Hand, halb Kaffee, halb Baileys – und mir den Lauf der Welt erklären lassen will. Nun sagen Sie schon, Herr Schmidt! Doch je länger ich diese Szene vor Augen habe, desto klarer wird mir, dass mir der alte Staatsmann vermutlich gar nichts erklärt hätte. Im Gegenteil: Mit Fragen gelöchert hätte er mich. Zugehört hätte er mir. Von seinen Gesprächspartnern wollte er immer lernen, wollte ihre Sichtweise verstehen. Selbstverständlich nicht, ohne vehement zu widersprechen, wenn er anderer Meinung war.
»Ich stelle mir vor, wie ich in Schmidts Büro auf dem Sofa sitze – eine Tasse in der Hand, halb Kaffee, halb Baileys – und mir den Lauf der Welt erklären lassen will«Und das sind vielleicht die wichtigsten Dinge, die wir von Helmut Schmidt lernen können. Zuhören zu können, verstehen zu wollen und zugleich die eigene Position selbstbewusst zu vertreten. Denn die Fähigkeit zum echten Dialog scheint uns zunehmend verloren zu gehen. In den gesellschaftlichen Diskurs ist eine neue Härte eingezogen, eine Unerbittlichkeit, die nicht in Schmidts Sinne wäre. Verdächtigungen und Schuldzuweisungen, moralischer Furor und vorschnelle Verurteilung prägen die öffentliche Debatte.
In dieser Situation kommt uns Medien eine besondere Verantwortung zu. Wir haben die Ressourcen für tiefgreifende Recherchen, wir haben vielfältige Kanäle, auf denen wir zum Denken anregen und zum Dialog einladen können. In meiner Vision der zukünftigen Kommunikationsgesellschaft gibt es ausschließlich Verlegerinnen und Intendanten, Chefredakteurinnen und Geschäftsführer, die sich dieser Verantwortung bewusst sind. Es gibt nur noch diejenigen Medienmacher, die ihre redaktionellen Produkte als Plattformen für den Austausch von Wissen, Informationen und Meinungen verstehen – und die den Mechanismen der Empörung, der Zuspitzung und Skandalisierung eine klare Absage erteilen.
In meiner Vision sind wir in der Lage, eine klare politische Haltung zu vertreten, ohne dabei Andersdenkende zu verteufeln. Wir sind eine Gesellschaft, die vielfältig ist, aber nicht zersplittert, moralisch, aber nicht moralisierend, streitlustig, aber nicht zerstritten.
„Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.“ So lautet ein weiteres berühmtes Zitat von Helmut Schmidt. Und dieses kann man nicht häufig genug zitieren.