Aylin Güler ist in der Online-Redaktion der FAZ zuständig für Vertical Storytelling inklusive TikTok. Für die Turi.Edition.23 beschreibt sie, wie guter Journalismus auf TikTok und Co eine Zukunft haben könnte.

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„Das gehört doch zu TikTok, das wird sich eh nie ändern.“ Diese Sätze höre ich immer wieder, wenn ich über Fake News, Mobbing, Gewalt und Hasskommentare in sozialen Netzwerken spreche. Ich könnte es mir nun einfach machen und sagen: „Ja, so ist es!“ Oder ich könnte die Augen schließen und träumen...

Seit nun mehr als zweieinhalb Jahren ringe ich als Presenterin für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ jeden Tag um die richtigen und verständlichen Worte vor der Kamera, möchte so viele junge Menschen mit gut recherchierten Inhalten erreichen. In meinen Träumen ist jedes Video ein viraler Hit.

Ich bin froh, dass wir 2025 nicht mehr darüber sprechen müssen, ob wir soziale Netzwerke nutzen sollen. Sondern nur darüber, wie und welche. In meiner Wunschzukunft kennen wir auch die Antwort auf diese Fragen.

Natürlich gehört es zu meiner Arbeit als Journalistin, mich Widerspruch auszusetzen und Kritik anzunehmen – vor allem auf sozialen Netzwerken, wo der Ton meist sehr hart und direkt ist. Und ich muss akzeptieren, wenn ein Video nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die ich mir wünsche. Das frustriert, und ja, es nervt auch mal. Denn für mich bedeutet das, täglich einen Kampf um Aufmerksamkeit anzutreten.

Algorithmen sind nicht auf Meinungsvielfalt und Qualität des öffentlichen Diskurses ausgerichtet, sondern darauf, dich und mich möglichst lange auf der Plattform zu halten. Das funktioniert am besten mit emotionalen oder aufsehenerregenden Inhalten. Und so entwickelte sich TikTok schnell zu einem Ort, an dem sich Fake News und Hatespeech ungehindert verbreiten. Datenschutz-Bedenken, Zensur, digitales Mobbing und Belästigung sind ebenfalls immer wieder im Gespräch. Auf TikTok sind Menschen Täter und Opfer zugleich. Und das Schlimmste für mich ist, dass die Bandbreite des Problems nicht ansatzweise gelöst ist!

Deswegen träume ich am liebsten von sichereren Netzwerken, von Orten, an denen Journalistinnen und Journalisten garantieren können, dass die Jugend Zugang zu vertrauenswürdigen Quellen bekommt. Denn die Nachfrage ist da. Ja, nicht jedes gut recherchierte Video geht heutzutage viral. Doch das Interesse für Politik und Gesellschaft ist auch beim jungen Publikum erkennbar vorhanden. Mein Video zum Ex-Hurrikan Kirk hat auf TikTok fast drei Millionen Menschen erreicht. Und „ansteckender Hautpilz verbreitet sich in Barbershops“ verzeichnet bis dato 3,4 Millionen Aufrufe auf Instagram. Von diesen Zahlen träumt der Online-Auftritt der FAZ leider nur.

Ich sehe das vielbeschworene Aussterben der Medien so also nicht. Dennoch wünsche ich mir Netzwerke, die von Medien noch besser genutzt werden können. Um mit der Gen Z erfolgreich zu interagieren, ist es für uns an der Zeit, das veraltete Regelwerk aufzugeben, sich auf die neuen Bedürfnisse einzustellen – und dabei mutig zu sein: mutig genug, alte Strukturen aufzubrechen und neue Ressourcen und Kapazitäten an den richtigen Stellen zu schaffen. Mutig genug, Social-Media- und Video-Ressorts nicht mehr nur zu belächeln, sondern als integralen Pfeiler für die Entwicklung des Journalismus der Zukunft zu verstehen.

»Ich wünsche mir, dass in Netzwerke investiert wird, in denen nur diejenigen eine Plattform bekommen, die es gut meinen«

Ich möchte, dass Budgetkürzungen und Einstellungsstopps in diesen wichtigen Ressorts keine Rolle mehr spielen. Ich wünsche mir, dass auch sehr junge Journalistinnen und Journalisten die Chance bekommen, sich zu behaupten. Sie lernen von uns und wir von ihnen. Nur so können wir garantieren, dass ein Ort geschaffen wird, der junge Menschen anspricht.

Ich wünsche mir eine Plattform, auf der wir alle für jedes Problem eine Lösung finden – so unkompliziert wie möglich. In meinen Träumen ergreifen Plattformen auch endlich Maßnahmen, um die mentale Gesundheit ihrer Nutzerinnen und Nutzer zu unterstützen, beispielsweise durch Pausenfunktionen oder Algorithmen, die toxische Inhalte weniger verbreiten. Hier sollten alle europäischen Staaten enger zusammenarbeiten.

In wünsche mir, dass in Netzwerke investiert wird, in denen nicht jeder eine Plattform bekommt. Sondern nur diejenigen, die es gut meinen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn es bestimme Themengebiete gibt, die konsumiert werden müssen, um die Plattform weiter nutzen zu können? Ich denke da an gut recherchierte Video-Inhalte, die zur Aufklärung dienen. Ich weiß nicht, wie es meinen Journalisten-Kolleginnen und -Kollegen geht, aber ich möchte meinen Bildungsauftrag auch in den sozialen Netzwerken nicht vergessen. Denn in diesen Plattformen steckt die Zukunft des Journalismus. Und ich wünsche mir, dass das auch Medienhäuser endlich verstehen und akzeptieren.