Christian Schlesiger, Ressortleiter Wirtschaft bei The Pioneer, hat Lars Klingbeil nicht die Welt erklärt. Auch wenn es auf Linked-In so aussieht. Ein Interview über Reisen im Regierungsjet und die Härten des Politiker-Lebens. Plus drei unerwartete Attribute für Gabor Steingart.
Fotos: Maximilian Kall, privat; Lesezeit: 5 Minuten
Christian, tun dir Politiker manchmal leid?
Nein. Sie haben sich den Job ja ausgesucht. Aber ich glaube, dass viele Bürger unterschätzen, wie brutal so ein Leben als Abgeordneter sein kann. Die langen Abende, der Fraktionsdruck, die ständige Suche nach medialer Aufmerksamkeit. Politiker sind Ich-AGs im politischen Haifischbecken. Das ist ein harter Beruf.
Mir tun sie schon manchmal leid. Lars Klingbeil, zum Beispiel, auf diesem Bild mit dir auf deinem Linked-In-Account. Klingbeil sitzt da wie ein Schuljunge, während du ihm die Welt erklärst. Auf seinem Terrain, im Regierungsflieger!
Siehst du, deine Frage erklärt schon einen Teil des Drucks, unter dem er steht: Du bewertest Klingbeil sofort. Er sitzt halt so da, wie man manchmal dasitzt. Du interpretierst das Bild sofort. Würde ich ja auch machen. Politiker sind 24/7 eine öffentliche Person. Ich habe ihm die Welt nicht erklärt. Wir haben diskutiert.
Wer hat das Bild gemacht?
Der Sprecher von Lars Klingbeil. Nachdem wir mit dem Interview fertig waren.
Ich wage mal einen Boomer-Satz: Das hätte es früher nicht gegeben.
Das hätte es früher ganz sicher nicht gegeben. Aber die Fotokamera reist ja im Handy überall mit hin. Und das mobile Podcast-Equipment macht es möglich, dass wir auch in 10.000 Meter Höhe und bei Außengeräuschen in guter Qualität produzieren können.
Wie spannend ist so eine Reise im Regierungsflieger?
Es gibt einen Besprechungsraum im Flugzeug für Hintergrundgespräche. Wenn sich alle eng zusammensetzen, passen da gut und gerne 15 Leute rein. Da geht es dann um die Termine, die der Minister in China hat, aber auch um deutsche Innenpolitik. Hintergrundgespräche sind immer aufschlussreich. Sie sind Teil meines journalistischen Alltags. Und auf einem Flug nach China gibt es dafür ja auch reichlich Zeit.
Gibt es da echte Erkenntnisse?
Auf jeden Fall. Die Einschätzungen zur Innenpolitik zum Beispiel. Aber auch zu China. Wie wird Deutschland in Peking wirklich wahrgenommen? Es hat im Vorfeld viel Unruhe gegeben. Der Kanzler war in fast sieben Monaten im Amt immer noch nicht dort. Der Außenminister auch nicht. Lars Klingbeil war also das erste Regierungsmitglied in Peking. Meine Beobachtung: Offiziell wird Deutschland als Gesprächspartner wertgeschätzt, inoffiziell gibt Peking den Ton an.
Hat sich deine Rolle als Journalist geändert durch Social Media?
Ich nutze X als Recherche- und Inspirationsquelle und LinkedIn für eigene Beiträge. Das Aufgabenfeld hat sich deutlich erweitert. Ich denke auf Terminen Podcast- und Video-Optionen mit. Man kann aber auch nicht auf allen Kanälen unterwegs sein, man muss Prioritäten setzen.
Gut oder schlecht für den Journalismus?
Social Media ist eigentlich eine geniale Sache für Journalisten. Jeder hat die Chance, sich als publizistische Persönlichkeit einen Namen zu machen. Kollegen mit einem Drang zur Selbstinszenierung sind da deutlich im Vorteil.
Mit Fotos wie diesem kannst du eigene Narrative setzen. Zum Beispiel, dass der Pioneer-Redakteur dem Vizekanzler die Welt erklärt.
Der Journalismus besteht heute mehr denn je auch aus Optik: gute Grafiken, starke Bilder, auf Linked-In auch Selbstporträts. Für mich persönlich heißt das auch, eine rote Linie zu überschreiten. Ich meide die Bühne nicht, suche sie aber auch nicht proaktiv. Das Klingbeil-Foto fand ich gut, weil es eine Dynamik ausstrahlt. Es sollte aber keine Botschaft transportieren. Die Wahrheit ist: Aus der Serie der Bilder gab es keins, wo Klingbeil mit den Händen gewedelt hat. Sonst hätte er mir die Welt erklären dürfen.
Gabor, dem Ober-Welterklärer, dürfte es gefallen haben.
Es hat ihm gefallen.
Du hast ab 2006 für die Wirtschaftswoche gearbeitet, kanntest also Gabor Steingart und sein Hyper-Selbstbewusst schon. Warum bist du trotzdem im Januar 2023 zu The Pioneer gewechselt?
Die Wirtschaftswoche macht großartigen Journalismus. Ich habe die Zeit dort geliebt. Aber es waren eben auch 16 Jahre. Irgendwann habe ich mir gesagt: Da sollte nochmal was anderes kommen. Gabor Steingart ist nicht nur Chefredakteur, sondern auch Medienunternehmer. Er hat einen scharfsinnigen Blick auf die Veränderungen und Innovationen der Medienbranche. Das hat mich fasziniert und tut es noch immer.
Du bist Wirtschaftschef unter Gabor Steingart. Das klingt schwierig, wie Feldmarschall unter Napoleon. Wie frei kannst du agieren?
Die meisten kennen nur den Außen-Gabor: seine scharfe Feder, seine knallharten Kommentierungen, seine Lust zur Provokation. Der Gabor, der nach innen führt, ist kollegial, wertschätzend, ruhig. Die Zusammenarbeit beruht auf Respekt. Wir sprechen Themen ab, drehen sie weiter. Ich kann jedes Thema machen. Nur Mainstream nicht. Das langweilt Gabor, aber mich ja auch.
Gabor Steingart hat den Live-Journalismus erfunden. Aber nicht für dich, oder?
Meine Kollegen machen auf der Bühne ein hervorragendes Programm. Die brauchen mich nicht. Es hat sich auch schlicht nicht ergeben. Dahinter steckt keine tiefere Begründung. Nur bin ich ganz sicher kein Jörg Thadeusz. Aber was nicht ist, kann noch kommen.
Hast du Gabors Buch „Systemversagen“ schon gelesen?
Nicht jede Seite wie Carsten Linnemann. Aber die wichtigsten Kapitel habe ich natürlich gelesen.
Ist schließlich “Plichtlektüre für alle, die es gut meinen mit der deutschen Demokratie”. Also auch die Offiziere und Leichtmatrosen auf Pioneer One und Pioneer Two.
Gabor hat keinen Kollegen dazu verpflichtet. Mich auch nicht. Aber ich halte das Buch für freiwillige Pflichtlektüre für alle, die es gut meinen mit Deutschland.
Fun fact: Du bist Co-Autor des Buchs "Deutschland: sehr gut – Wir sind viel besser als wir denken!" Muss das jetzt eingestampft werden?
Wahrscheinlich wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, das Buch wieder rauszuholen. Deutschland kann viel mehr. Wir haben ein riesiges Potenzial.
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Boot, Buch, Bundesrepublik: das Medien-Phänomen Gabor Steingart. Beobachtet und befragt auf „The Pioneer Two“ von einem, der ihn seit 37 Jahren kennt: Hans-Jürgen Jakobs.