Komoot war mal eine entspannte App für Wanderer und Radfahrer. Tolle Karten, prima Touren, nice Fotos – ersonnen von sympathischen Gründern, erstellt und gepflegt von aktiven Usern, betreut von engagierten Mitarbeitern. Perdu: Komoot ist unter die Finanzhaie gefallen. Der Börsenkandidat Bending Spoons aus Mailand kauft etablierte Digitalmarken wie Komoot und trimmt sie mit Milliarden-Beträgen von internationalen Finanzinvestoren zur Profitmaschine. Auf der Strecke bleiben viele Mitarbeiter, die User und die Coolness. Ein Lehrstück darüber, was schief läuft, wenn Social Media zum Plattform-Kapitalismus degeneriert.

Von Hans-Jürgen Jakobs, Mitarbeit: Peter Turi, Fotos: privat, PR; Lesezeit: 10 Minuten

Für Raubzüge moderner Art, im Branchenjargon Mergers & Acquisitions (M&A) genannt, ist Mailand ein besonderes Pflaster. Die Lombardei, deren Zentrum Mailand ist, war schon in der frühen Neuzeit für innovative Geld- und Zinsgeschäfte bekannt. So bezeichnet der Lombardsatz die Zinshöhe für den Geldverkehr unter Banken.

Aus der Lombardei organisierte die Großbank Unicredit ihre Eroberungen. Aktuelles Target, wie es in der Finanzszene heißt, ist die Commerzbank in Frankfurt. Die wehrt sich noch gegen die italienischen Eroberer; die Gesellschafter des Fernsehkonzerns ProSiebenSat.1 in München haben sich der Mailänder Berlusconi-Familie jüngst ergeben.

Und das ist da noch eine Combo smarter italienischer Jung-Manager, die mit ihrer Beteiligungsfirma Bending Spoons und sehr viel internationalem Kapital wie im Goldrausch eine Internetfirma nach der anderen kaufen, zuletzt für mehrere Milliarden die Videoplattform Vimeo und den Veteranen AOL. Ein Mailänder Modell nach dem Vorbild des amerikanisch geprägten Finanzkapitalismus.

»Die deutsche Wander- und Rad-App Komoot war mal kommod, also angenehm und entspannt. Das ist vorbei«

Eines der Opfer: die deutsche Wander- und Rad-App Komoot. Die war mal kommod, also angenehm und entspannt, als Wegweiser und Logbuch für Touren in der Natur zu nutzen. 28,7 Kilometer von Port de Sóller nach Deià mit 900 Höhenmeter am 3. Februar 2023 – welcher Wanderer erinnert sich nicht gern an solche Highlights?

Doch das ist vorbei, seit der Plattform-Kapitalismus die beliebte Bewegungs-App verschluckt und, zu einem Social-Media-Brei zerkaut, wieder ausgespuckt hat. Update hier, Sonderangebot da, 4,99 pro Woche, 59 pro Jahr. Chakka, du bist der Beste, "Du bist ein Peak-Chaser. Nur 4 % der Nutzer teilen sich diesen Titel." Online-Koberei vom Schlimmsten.

Die App hat nicht zufällig diesen Weg eingeschlagen, der Pfad zum Renditegipfel ist klar markiert und folgt einem bewährten Schema, bekannt von Linked-in oder Instagram: Den Inhalt liefern kostenlos die User ("Sabine war wandern", "Ronny war biken"), Anzeigen spendieren die Region Seefeld und die Spessart Tourismus. Und kostenlos ist gefühlt nix mehr. Kleinen Reibach machen die Gründer, großen die Investoren. Die Zeche zahlen die Nutzer und Mitarbeiter.

Die Zentrale der Hyper-Kapitalisierung sitzt in der Lombardei. Die Macher hinter dem Rendite-Wunder nach Plan lachen sich schon jetzt ins Fäustchen. Denn Bending Spoons, das jüngste Fabelwesen des globalen Finanzkapitalismus, ist in den Büchern der Investoren bereitls mehr als zehn Milliarden Euro wert.

Ganz neue Dimensionen also. Mindestens.

Die durch und durch ambitionierte Neuschöpfung aus Mailand, deren rätselhafter Name eher an Löffelverbieger Uri Geller erinnert als an radikale Marktgestaltung, kennt man in Deutschland erst, seit sie Anfang 2025 die 15 Jahre alte Potsdamer Wander- und Biking-App Komoot kaufte – eine jener Uni-Ausgründungen, auf die man in Deutschland stolz ist und die man anfangs gerne, in Hoffnung auf neue Wertschöpfung im Land, ordentlich mit öffentlichem Geld gefördert hatte.

Aber so ist nun mal das Gesetz der Plattformen der Neuzeit: Skalieren, skalieren, skalieren. Auf dass ein Monopol oder zumindest ein Quasimonopol entstehe. So nahmen die Investoren und sechs Gründer der Firma Komoot, die 2024 nach langer positiver Zeit angeblich Verlust schrieben, gern das sichere Geld eines Exits – wohl 300 Millionen Euro. Ein hübsches Sümmchen, im Geschäftsjahr 2023 wies Komoot bei 35 Millionen Euro einen Gewinn von rund 2,5 Millionen aus.

»Keine frohe Botschaft für die Mitarbeiter: Rund 110, drei Viertel aller Köpfe, wurden unmittelbar nach dem Verkauf entlassen«

Nicht schlecht, aber für die angestrebte Weltdominanz, etwa in Konkurrenz zum expansiven US-Anbieter Strava, ist die Basis nach eigener Anschauung zu brüchig. Globalisierung ist jetzt Sache der Erwerber aus Mailand.

Und wie es so läuft im internationalen Finanzkapitalismus: Der Verkauf war für die Gesellschafter eine frohe Botschaft, für die Belegschaft eher nicht: Rund 110 Mitarbeiter von Komoot, drei Viertel aller Köpfe, wurden unmittelbar nach dem Verkauf entlassen.

Einen ähnlich rüden Stil hat Bending Spoons auch bei anderen Zukäufen praktiziert. Da wurden auch schon mal alle Mitarbeitenden gefeuert, es gilt das Prinzip Ground Zero: Der Erwerber will freie Hand haben für ein neues Design, für Software-Updates oder für einen Strategiewechsel. Potenzial heben, heißt das beim verhaltensauffälligen Resteverwerter des World Wide Web.

Eine solche Firmenpolitik ist Sache der italienischen Gründer rund um Geschäftsführer Luca Ferrari, 40, der großflächig die PR-Arbeit übernommen hat. Das Quintett im Top-Management hat auf seinem Höhentrip dank des Teilverkaufs eigener Aktien selbst schon ein wenig Kasse gemacht, die Anstrengung muss sich schließlich lohnen.

Ihre Firma ist mit Wall-Street-Geld und anderem internationalem Kapital regelrecht vollgepumpt. Vorbild scheint die börsennotierte New Yorker Holding InterActive Corp (IAC) zu sein, eine Beteiligungsgesellschaft, bei der die amerikanische TV-Legende Barry Diller als Gesellschafter den Ton angibt. Tatsächlich hat Bending Spoons von IAC schon eine Firma wie die Mosaic Group gekauft.

Das Finanzmärchen von einem Unternehmen, das noch bis Herbst 2022 auf der Welt kaum jemand kannte, hat Hintermänner. Hier halfen und helfen offenbar Beratungstipps der von Herbert Allen III geführten New Yorker Familien-Investmentfima Allen & Company – einer Institution, die einmal im Jahr in Sun Valley im US-Staat Idaho eine hochkarätige Medienkonferenz organisiert.

»Prominente wie Andre Agassi, Ryan Reynolds oder Bradley Cooper sowie Tech-Größen wie Eric Schmidt und Xavier Niel haben ihr Herz für Ferrari & Co entdeckt«

Dort besprechen Schwergewichte wie Rupert Murdoch, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos oder Sam Altman entspannt Geschäfte und Transaktionen aller Art. Die Zeiten, in denen Bertelsmann in Person von Thomas Middelhoff eingeladen war, sind vorbei. Mathias Döpfner soll allerdings schon dort gesehen worden sein.

Die Deal-Maschine läuft auch in Mailand heiß. Das Eigenkapital für die große Expansionstouren von Bending Spoons kommt auch vom schottischen Fondsanbieter Baillie Gifford, einem Amazon verbundenen Investor. Und von US-Vermögensverwaltern wie T. Rowe Price und Fidelity, vom Familienmedienunternehmen Cox aus Atlanta oder von Mailänder Finanziers wie Renzo Rossi, dem Gründer und Besitzer der Jeansmarke Diesel.

Prominente wie Andre Agassi, Ryan Reynolds oder Bradley Cooper sowie Tech-Größen wie Eric Schmidt und Xavier Niel haben ebenfalls ihr Herz für Ferrari & Co entdeckt. 710 Millionen Dollar kamen allein bei der letzten Finanzierungsrunde zusammen.

Entscheidend für die jüngeren Groß-Zukäufe waren schließlich Kredite renommierter Großbanken wie JP Morgan, BNP Paribas, Mitsubishi UFJ Financial Group, HSBC, Banco BPM, Crédit Agricole, Wells Fargo, Intesa Sanpaolo, Mizuho, Goldman Sachs und natürlich von Unicredit, dem Freund aus Mailand.

Sie alle liehen insgesamt 2,8 Milliarden Euro. Es ist viel Geld im Markt, das Verwendung sucht. Hier hat sich erkennbar eine Champions League des Finanzgewerbes zusammengetan. Insgesamt hat Bending Spoons im abgelaufenen Jahr 2025 die stattliche Summe von vier Milliarden Euro eingesammelt – viel Material für ein Spiel des großen Geldes.

Laut Bloomberg liegt die Bewertung des norditalienischen Shootingstars – in Erwartung all der Dinge, die da noch kommen mögen – aktuell bei rund zwölf Milliarden Euro. So steigt der Komoot-Erwerber aktuell in den Kreis der von Investoren so geliebten Decacorns auf, also jener Fimen, die mehr als zehn Milliarden wert sind. Vermuteter Umsatz 2025: 1,23 Milliarden Euro.

Als nächstes Hauptziel zeichnet sich ein Börsengang ab. Dann würde Italien in der Galerie der starken europäischen Tech-Länder zu Frankreich und Deutschland aufschließen. Dann könnte man – mit eigenen Aktien als Währung – noch mehr spektakuläre Deals machen.

So hat es schließlich InterActiveCorp aus New York vorgemacht – oder das in Berlin beheimatete Beteiligungsunternehmen Rocket Internet der Samwer-Brüder, das allerdings 2020 nach sechs Jahren und einträglichen Geschäften, siehe Zalando, die Börse wieder verlassen hat. Bei Rocket Internet war auch Baillie Gifford – nun in Mailand sehr aktiv - maßgeblich beteiligt.

Nach solchem Muster soll sich offenbar auch das in Bending Spoons investierte Geld der Finanziers auszahlen. Die Zentrale des neuen Hoffnungsträgers bleibt auf jeden Fall in Mailand – auch als Ausweis dafür, dass ein globales Top-Techunternehmen an einem nicht vermuteten Platz entstehen kann. Ein bisschen Silicon Valley in der Po-Ebene.

Dabei sind die Firmen im Besitz von Bending Spoons schon durchweg ein bisschen älter, die Unschuld von Startups haben sie verloren, ohne zu Schwergewichten im Markt zu werden. Das simple Geschäftsmodell der Erwerber aus Mailand: bekannte, aber operativ leistungsschwache Technologiefirmen fit machen. Man erreiche mit all der aufgekauften Ware mehr als eine Milliarde Menschen, heißt es, und habe mehr als 300 Millionen monatlich aktive Nutzer. Hier läuft zweifelslos einer der derzeit heißesten Wette der Finanzbranche. Jeder der Bending-Spoons-Gründer ist auf dem Papier schon Milliardär geworden.

Man reibt sich verwundert die Augen, wie das alles geht. Wie Gründer Ferrari und seine Mitgesellschafter (ihnen gehören nach offiziellen Angaben noch die Hälfte der Anteile) zunächst 2013 in Kopenhagen ihr Startup Evertale versemmelt haben, dann doch 40.000 Euro Kapital retteten und 2015 flugs nach Mailand umzogen mit einer grundlegenden Erkenntnis: künftig würden sie lieber Apps hinzukaufen als sie selbst zu entwickeln.

Zunächst gelang das mit Remini, einer App, die aus Selfies dank Künstlicher Intelligenz seriöse Bewerbungsfotos macht. Von 2022 an folgte innerhalb von nur drei Jahren eine neue globale Bedeutung für Bending Spoons, das unheimliche Phantom aus Mailand.

Besonders freigebig mit Detailinformationen ist die Firma nicht. Aber der Chef macht Sprüche. „Wir wollen eines der erfolgreichsten Unternehmen unserer Generation bauen, tief verwurzelt in Europa“, sagt Luca Ferrari der „Wirtschaftswoche“. Bending Spoons wolle auch weiterhin Firmen oder Technologien mit reichlich Verbesserungspotenzial kaufen – und im Falle eines gelungenen Deals auf jeden Fall mehr Geld machen als die Ex-Eigentümer. Nur von Computerspielfirmen lasse man die Finger.

Man habe seit dem anfänglichen Flop mit Evertale nie mehr Verlust gemacht, betont Firmenchef Ferrari regelmäßig in Interviews, man wolle auch die erworbenen Beteiligungen – anders als Private-Equity-Firmen – niemals verkaufen. Man sei andererseits auch kein Venture-Capital-Betrieb, sondern vielmehr eine Tech-Holding.

Für eine Laufbahn wie bei Bending Spoons brauche man viel Glück und müsse maximale Effizienz anstreben, mit den leistungsfähigsten Mitarbeitern. Alles so, wie ein Profiklub sein Basketballteam zusammenstelle, raunt Ferrari. Wenn er solche Hammersätze im Videocast rauslässt, laufen im Hintergrund schon mal seine schlanken Jagdhunde durchs Bild.

Die Liste seiner eigenen ökonomischen Jagd-Erfolge seit 2022 ist lang. Darauf befinden sich: die Videoaufzeichnungs-App Filmic, der Appentwickler Mosaic, die Social-Media-Plattorm Meetup, der Live-Streaming-Betreiber Hopin, die digitale Publishing-Plattform Issuu, der niederländische Dateiübertragungsdienst WeTransfer (war mit 780 Millionen Dollar bewertet), die Videoplattform Brightcove, Komoot, das Videoportal Vimeo, Oldie AOL, die Info-Management-Software Evernote sowie zuletzt die 2006 in San Francisco gegründete Ticket-Plattform Eventbrite (430 Millionen Euro in Cash waren fällig). Im ersten Halbjahr 2026 soll die in 19 Ländern aktive Firma von der Börse genommen werden, KI soll hier weiterhelfen, wie so oft.

Das sind allein elf größere Deals. Als Financial Advisor taucht auf Verkäuferseite immer wieder mal Allen & Company auf, beispielsweise bei Eventbrite, Vimeo und AOL. Es sind schon viele gut eingeführte Marken der Online-Szene in dieser wachsenden Armada dabei. Aber nichts ist wirklich der letzte Hit der Branche.

Viel Arbeit also für die 1.000 Spooner, wie die Mitarbeiter des mailändischen Überfliegers heißen. Die vielen Apps werden zentral gesteuert. Die Teams für die einzelnen Marken arbeiten weitgehend unabhängig, rund 20 Stunden wöchentlich verbringen die Führungskräfte in Managementmeetings. Extremes Kostensparen, neue Führungsteams und die eigene Software-Expertise sind die Instrumente bei den Verbesserungsarbeiten in den übernommenen Firmen.

Bei AOL müssen sich die Spezialisten nun um einen hoffnungslos anmutenden Fall kümmern. Das einstige Internet-Vorzeigeunternehmen, das 2001 nach dem De-facto-Ankauf von Time Warner für kurze Zeit zur Nummer eins der Medienwelt aufgestiegen war, ist seitdem unter wechselnden Eigentümern nach unten durchgereicht worden.

Man offeriert noch einen E-Mail-Dienst und ein Webportal. Und es wimmelt von Karteileichen: Mancher hat zwar noch eine AOL-Adresse, nutzt sie aber seit langem nicht. Der Einwahlinternetzugang wurde erst kürzlich – nach 30 Jahren – eingestellt. Verdammt lange her, dass Boris Becker in der AOL-Werbung aufschlug: „Bin ich schon drin, oder was?“

Das Personal der von Bending Spoons übernommenen deutschen App Komoot ist weitgehend draußen. Für sie ist das Startup-Abenteuer unglücklich ausgegangen. Von dem Deal wurden die Mitarbeitenden komplett überrascht. Nur der Vertrieb blieb dabei, er wird noch gebraucht. Die Italiener führten inzwischen ein paar neue Dinge ein, alles ist etwas schicker und nutzwertiger.

Ein neuer Routenplaner für Outdoor-Aktivitäten der Komoot-Nutzer soll kommen. Im Januar wird man auf der Stuttgarter Tourismusmesse CMT digitale Marketingkampagnen auszeichnen, mit Extremsportler Jonas Deichmann als Galionsfigur.

Die Investoren von Komoot hätten auf Exit gedrängt (und damit auf Rendite ihres eingesetzten Kapitals) heißt es aus dem Kreis der Gründer. Auf einem Gründerabend in Potsdam („Deutschland rebooten“) offenbarte Mitgründer Jonas Spengler: „Wir wussten, dass wir die Firma irgendwann verkaufen müssen. So funktioniert Startup-Finanzierung nun einmal.“

Ex-Geschäftsführer Markus Hallermann gab offiziell nach dem Verkauf kund, dass die Skalierung einer Firma „ein anderes Mindset und andere Fähigkeiten“ erfordere als der Aufbau einer Firma: „Das, was uns hierhergebracht hat, wird uns nicht auf das nächste Level bringen.“ Noch 2021 hatte der gleiche Markus Hallermann von Unabhängigkeit und einem „geilen Produkt“ geschwärmt, das man gerade nach Europa skaliere: „Ich hoffe, dass ich den Job mehr als zehn Jahre machen werde.“

So schnell kann‘s gehen. Mal sehen, wohin im Jahr 2031 das Phantom Komoot und seine Finanziers gewandert sein werden.