Phönix mit Asche? Timo Busch hat in kurzer Zeit mehrere große Pleiten hingelegt. Jetzt ist er wieder da: Als Chef der Mediavest AG; deren erster, aber nicht einziger Investor ist Timos Steuerberater. Mediavest übernimmt insolvente Verlage wie emotion in Hamburg oder den Patzer-Verlag in Berlin und Hannover und saniert sie. Hoffentlich.

Interview & Fotos: Peter Turi, privat; Lesezeit: 9 Minuten

Timo, schilder mal – für Außenstehende, nicht für mich – wie sich eine Insolvenz anfühlt.
Befreiend. Klar, kein Mensch will Insolvenz anmelden. Aber man muss, wenn das Geld fehlt. Deshalb nimmt der Insolvenzantrag erst einmal den Druck raus, der davor natürlich da ist. Danach prasseln von allen Seiten Fragen auf dich ein und alles muss ganz schnell gehen.

Was ist der schlimmste Moment in einer Insolvenz?
Ich glaube, die Phase davor ist der schlimmste Teil: Den Gang zum Insolvenzgericht gehen zu müssen, ist ja verbunden mit dem Eingeständnis, dass es anders nicht mehr weiter geht. Davon, dass sich damit womöglich auch eine Chance auftut, spürt man noch nichts.

»Mit dem Wissen von heute würde ich sicher manches anders machen. Manches konnte ich von außen aber auch nicht erkennen«

Ab wann geht’s aufwärts?
Mit Anordnung des Gerichts. Dann gibt es auf einmal einen neuen gesicherten Rahmen, in dem das Unternehmen saniert werden kann. Ab da geht es nur noch darum, das Beste für die Gläubiger rauszuholen und möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern.

Jede Insolvenz bringt Lieferanten und Dienstleister um Geld, das ihnen zusteht, Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz. Wie fühlt sich für dich diese Verantwortung an?
Wenn von einer Insolvenz neben institutionellen Gläubigern auch Einzelpersonen wie Mitarbeitende betroffen sind, hat das eine ganz eigene Dimension. Das lässt mich natürlich nicht kalt. Meine Rolle erfordert allerdings zumeist, mich auf den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze zu fokussieren. Meistens sorgt die Tatsache, dass es gelingt, ein Unternehmen aus der Insolvenz fortzuführen, überhaupt dafür, dass Dienstleister und andere Gläubiger wenigstens einen Teil des Geldes bekommen.

Wie viele deiner Firmen sind insolvent gegangen?
Es gab in meinem Berufsleben drei wesentliche Insolvenzereignisse: Ganz am Anfang, 2003, wäre Kino & Co kurz nach Gründung fast an den Interessen eines einzelnen Gesellschafters gescheitert. Da habe ich gelernt, dass man das Insolvenzrecht auch gestaltend nutzen kann.

Wie ging's weiter?
2017 musste ich beim G+J Entertainment Media Verlag erkennen, dass die Altlasten und Restrukturierungskosten das Unternehmen erdrücken würden. Auch da hat die Insolvenz geholfen, einen Knoten zu lösen. Blickpunkt: Film war 2018/19 so stark wie nie zuvor.

Zur Erklärung: Du hattest von Gruner + Jahr 2014 die Münchner Tochter G+J Entertainment Media übernommen mit 100 Mitarbeitern, mit renommierten Titeln wie Blickpunkt: Film und Musik-Woche, sowie dem Branchenportal Mediabiz.de. Kann man sagen, dass du dich mit diesem Kauf übernommen hast?
Mit dem Wissen von heute würde ich sicher manches anders machen. Manches konnte ich von außen aber auch nicht erkennen. Es gab im Rahmen des von mir in Eigenverwaltung geführten Insolvenzverfahrens eine Einigung, bei der Gruner + Jahr einen substantiellen Betrag gezahlt hat. Da sind übrigens gerade letzte Woche die Unterlagen zur Beendigung des Verfahrens ans Gericht geschickt worden. Die Gläubiger bekommen eine zweistellige Quote.

»Der schwärzeste Tag in meinem Leben? Der Tag, an dem ich realisiert habe, dass es bei Busch Glatz keine Gewinner gibt und dass einfach alles, was über Jahrzehnte aufgebaut wurde, kaputt gemacht wird«

Aller schlechter Dinge sind drei: 2023 folgte die Insolvenz der Busch Glatz Gruppe mit bekannten Titeln wie Buchreport und Meedia. Wieder hast du dich übernommen.
Das sehe ich nicht so: Die MG Medien Gruppe von Torsten Glatz hat die übrigen Firmen von Busch Glatz mitgerissen. Es sollten alle Unternehmen rückwirkend zum 1.1.2023 unter einem Dach zusammen geführt werden. 2022 hatte unsere marktführende Position durch die Fachmedien der Kultur- und Kreativwirtschaft und die Entertainment-Agenturen die BayBG überzeugt, erhebliches Eigenkapital zu investieren. Durch den Cashpool sind die Gesellschaften der Gruppe wie Dominosteine gekippt.

Was war der schwärzeste Tag in deinem Leben?
Der Tag, an dem ich realisiert habe, dass es bei Busch Glatz keine Gewinner gibt und dass einfach alles, was über Jahrzehnte aufgebaut wurde, kaputt gemacht wird. Ich wäre nie im Traum darauf gekommen, dass Institutionen wie Blickpunkt: Film derartig erschüttert werden könnten.

Was war der glücklichste Tag in deinem Leben?
Der glücklichste Tag war kein einzelner Tag, sondern ein Wochenende im Sommer 2022. Meine Frau und ich haben 2020, also mitten in der Pandemie, geheiratet und konnten erst 2022 richtig feiern. Der Brunch am Tag danach bei uns im Garten – da war alles perfekt.

Was treibt dich an?
Ich liebe Medien und nach über hundert Transaktionen fühle ich mich auch im M&A-Bereich zuhause. Beides zusammen ist nicht nur eine schöne Beschäftigung, sondern auch lukrativ. Zudem sorgt der ständige Veränderungsdruck in der Medienbranche dafür, dass mir nur sehr selten langweilig ist.

Mit welcher Geschäftsidee startest du jetzt neu?
Ich mache seit 25 Jahren mehr oder minder das Gleiche: Medien, M&A und Technologie verbinden, Marken und Unternehmen umbauen, Geschäftsmodelle, Produkte und Lösungen entwickeln. Gemeinsam mit Dr. Jan-Philipp Matthewes jetzt aber in einer Struktur, die eher an Private Equity erinnert, als an einen klassischen Verlag. Wir verstehen uns als Plattform für unabhängige Medienmarken, denen wir Kapital, Expertise und Technologie bereitstellen.

»Mein größtes Talent ist mein rheinischer Optimismus. Et hätt noch immer jot jejange. Andere würden Resilienz dazu sagen«

Warum hast du den insolventen Patzer-Verlag übernommen?
Der Patzer-Verlag passt genau in das Suchprofil von Mediavest: Über Jahrzehnte etablierte Marken, originäre Inhalte und direkte Kundenbeziehungen in B2B-Nischen. Dazu kommt, dass Bauwirtschaft und Grüne Branche vermutlich strukturell von den Rahmenbedingungen profitieren werden.

Und billig, weil insolvent. Trotzdem musst du investieren. Woher kommt das Geld?
Mediavest ist eine Plattform: Wir bringen unabhängige Medienmarken und Investoren, die einen einfachen Zugang zu einem wachsenden Medienportfolio suchen, zusammen. Hinter Mediavest stehen außer der Busch GmbH derzeit sieben Investoren, wir erweitern den Aktionärskreis kontinuierlich.

Ich hätte ja eher gesagt: Timo kann sich keinen Patzer mehr leisten.
Den Gag haben die bei Patzer bestimmt noch nie gehört.

Ich habe ja auch noch nie was von Patzer gehört. Was ist dein größtes Talent?
Mein rheinischer Optimismus. Et hätt noch immer jot jejange. Andere würden Resilienz dazu sagen.

Deine größte Schwäche?
Mein rheinischer Optimismus. Ich mag Medien wirklich. Aber ich kann nicht alle retten.

Wie warst du als Kind?
Neugierig. Mein Opa behauptet, ich hätte Dutzende Elektrogeräte auseinander gebaut, weil ich wissen wollte, wie sie funktionieren. Er kam auch auf die Idee, mir einen Computer zu schenken, damit ich ihm wiederum das Gerät erklären könne. Darauf habe ich später mit Corel Draw und Aldus Pagemaker meine erste Schülerzeitung gemacht, schon in der Grundschule.

»Ich habe jedes Jahr Winnetou-Festspiele in unserem Garten veranstaltet und die halbe Klasse ritt auf Besenstielen um den Apfelbaum«

Das ist früh.
Irgendwie habe ich immer schon alle Leute zusammengetrommelt: Bei uns in Ratingen gab es Gastspiele der Karl-May-Truppe aus Elspe. Der Friseur meines Vaters war bei der Freiwilligen Feuerwehr und nahm mich mit hinter die Kulissen. Danach habe ich jedes Jahr Winnetou-Festspiele in unserem Garten veranstaltet und die halbe Klasse ritt auf Besenstielen um den Apfelbaum.

Wo hast du dein Business-Handwerk gelernt?
Mein erster Lehrmeister war der Inhaber eines Belichtungsstudios in Ratingen. Dort habe ich die Druckvorlagen für meine Schülerzeitung machen lassen, also vor Computer-to-Plate. Für ihn habe ich wochenlang mit Photoshop den Himmel für irgendwelche Reisekataloge blau gemalt – im Gegenzug durfte ich erst meine Schülerzeitung und dann die Aufträge für meine ersten Kunden kostenlos belichten.

Wie ging das Busch-Business weiter?
Einer seiner Grafiker dort war später auch bei meinem ersten Kinoportal cinescope, das ich 2000 mit sieben anderen gegründet habe, dabei. Mit Michael Geringer, damals Chef eines großen österreichischen Verlages, habe ich 2004, ein Jahr nach der Gründung von Kino & Co, meine erste Übernahme geschafft: Skip Deutschland. Mit Skip Deutschland und Kino & Co waren wir auf einen Schlag neben Entertainment Media gesetzt.

Wie hast du deine erste Million gemacht?
Mit Kino & Co. Das war ein super einfaches Geschäft, nachdem wir die Distribution geklärt hatten. Entertainment Media hatte die eine Hälfte des Markes, wir die andere. Dann konnte man die Filmstartliste aus Blickpunkt: Film nehmen und die Filmverleiher abtelefonieren, total planbar. Für die Vermarktung an Agenturen hatten wir externe Vermarkter.

Du hast 2019 der Handelsblatt Media Group den Fachtitel Meedia abgekauft. Du hast mitten während Corona Meedia als gedrucktes Wochenmagazin gestartet. War das mutig, tollkühn oder übermütig? 2023 war Meedia insolvent.
Da stand – wie überall am Anfang von Corona – auf einmal alles in Frage. Wir hatten den Relaunch von Meedia über Monate vorbereitet, massiv investiert und ein hervorragendes Team zusammengestellt. Was hättest du gemacht? Alle Leute nach Hause geschickt? Ich habe gesagt: Die Idee ist richtig, irgendwann ist die Pandemie vorbei. Wir wussten ja, dass unser Modell bei Blickpunkt: Film – bis zur Pandemie – perfekt funktionierte und wollten es auf die deutlich größeren Märkte, also Marketing- und Medien-Entscheider, ausrollen.

Was machst du nach drei Insolvenzen bei emotion besser als Katarzyna Mol-Wolf, die nach langem Kampf pleite gegangen ist?
Kasia hat emotion zu einer unglaublich starken Marke gemacht und ihren Mitarbeitenden enormen Freiraum gegeben. Dadurch sind immer wieder neue hochwertige Produkte und innovative Formate entstanden, wie etwa Working Women oder der #EWD emotion woman's day. Wir haben bei emotion sehr viel im Hintergrund gemacht, das Portfolio gestrafft und für jedes Angebot einen Business Case gesucht. emotion ist jetzt, auch dank Friederike Trudzinski, die diesen Prozess redaktionell verantwortet hat, erstmals komplett aus einem Guss: alle Produkte kommen aus einer Redaktion, alles ist aufeinander abgestimmt, alles wird aus einer Hand vermarktet. Jetzt ist wieder Raum für Innovation, erste Schritte haben wir mit dem emotion Business Club gemacht, 2026 kommen eine Reihe neuer Angebote und Verbesserungen.

»Meine Frau und ich müssen ja auch von was leben. Nach dem Scheitern von Busch Glatz einfach liegen zu bleiben, war nie eine Option«

Was war das Problem bei emotion?
Vielleicht der fehlende Fokus. Sicher die fehlende technische Grundlage. Aber das musst du andere fragen, ich will das nicht beurteilen. Das Insolvenzverfahren haben Kasia und der Insolvenzverwalter jedenfalls zusammen mit den Mitarbeitenden hervorragend gemeistert.

Was gibt dir den Mut, noch mal neu anzufangen?
Was hätte ich denn 2023 machen sollen? Meine Frau und ich müssen ja auch von was leben und da der Insolvenzverwalter Zumhasch sich geweigert hat, mir meinen Verlag herauszugeben, hat emotion zeitlich perfekt gepasst. Nach dem Scheitern von Busch Glatz einfach liegen zu bleiben, war nie eine Option.

Wer gibt dir das Geld für Mediavest?
Was oft übersehen wird: Medienmarken haben, wenn man sie pflegt, eine enorm lange Haltbarkeit. Die ABZ Allgemeine Bauzeitung von Patzer zum Beispiel geht stramm auf die 100 zu. Wenn man neben Kapital noch Expertise und vor allem Technologie bündelt, wird die Plattform mit jedem Zukauf profitabler. Zu den bisherigen Investoren bei Mediavest gehören Familienunternehmer, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, Leute die einfach Geld verdienen wollen und Medien als Markenartikel begreifen.

Eine Börsenregel lautet: Greife nie in ein fallendes Messer. Also in etwa: Investiere nicht in Branchen im Abschwung. Kann man sagen, dass Timo Busch es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, unbeirrbar in fallende Messer zu greifen?
Ich gehöre nicht zu den Untergangspropheten der Medienbranche, auch wenn ich das schon seit 25 Jahren höre. Ja, du musst dich als Medienhaus laufend verändern. Aber wenn du das machst, wirst du auch künftig gebraucht.

»War Dirk Manthey ein Vorbild für dich? – Die Milchstrasse und später Tomorrow Internet haben mich total fasziniert. Sogar die Kühe vor dem Verlag«

Stimmt eigentlich die Aussage noch: In Deutschland wird dir eine Pleite niemals verziehen?
Wahrscheinlich. Jedenfalls könnten beide Aspekte einer Sanierung, der Schuldenschnitt und die Chance zum Neuanfang, als zwei Seiten einer Medaille gesehen werden. Das machen etwa die Amerikaner besser.

Der Täter kehrt immer an den Ort seines Verbrechens zurück, sagte mir mal Dirk Manthey. Das war 2006, wir wollten zusammen ein neues Medienportal machen. Nach unserer Trennung startete ich turi2, Dirk Meedia. Das Bonmot stimmt für Medienmenschen, oder?
Das scheint jedenfalls für Verleger so zu sein. Ein Verlag ist eben keine Schraubenfabrik. Gute Verleger sind Überzeugungstäter.

War Dirk Manthey ein Vorbild für dich?
Verrückt, dass du mich ausgerechnet nach Dirk fragst. Er ist tatsächlich der Einzige, der für mich – vielleicht noch neben Hubert Burda – Vorbildcharakter hatte. Die Milchstrasse und später Tomorrow Internet haben mich total fasziniert. Sogar die Kühe vor dem Verlag.