Der Handelsblatt-Chefredakteur hofft, dass die Branche die Disruption durch KI nicht so lange unterschätzt, wie sie das Internet unterschätzt hat.

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In meinem Traum erlebt unsere Branche die größte Revolution ihrer Geschichte, viel größer noch als nach der Erfindung des Internets. Es ist der Traum von einer Welt, in der KI den Journalismus besser macht. Mutiger, kreativer, relevanter. Dafür brauchen Redaktionen eine klare Strategie – und den Willen, KI im Kerngeschäft zuzulassen.

Natürlich wird KI so bald keine Texte schreiben, darin sind die Sprachmodelle immer noch erstaunlich schlecht. Aber beim „Handelsblatt“ wird KI schon bald jeden Schritt im journalistischen Alltag unterstützen – als Assistent, der beim Transkribieren ebenso hilft wie beim Analysieren von Nutzerbedürfnissen oder Sortieren von Daten.

Dafür braucht es Wissen darüber, was die Technik kann – und was nicht. Denn im Journalismus gilt: 90 Prozent richtig sind trotzdem 100 Prozent falsch. Daher bauen wir ein Editorial Lab aus Redakteuren, Daten-Spezialistinnen und Entwicklern. Sie sollen uns helfen, in diese neue Zeit zu kommen. Unsere optische Redaktion arbeitet schon heute intensiv mit Tools wie DALL-E oder MidJourney, um Coverseiten, Bilder oder Illustrationen zu generieren. Aber das ist nur der Anfang.

Ich träume zum Beispiel von viel interaktiveren Möglichkeiten der Datenvisualisierung. Transkriptions-Tools wie unser angepasstes Whisper-Modell erlauben uns, Interviews schneller aufzuschreiben und komplexe Studien binnen Sekunden auszuwerten. Unser Investigativ-Team arbeitet an KI-gestützten Datenbank-Tools, um Hunderte Gigabyte an Mails und anderen Informationen aus großen Recherchen schneller auszuwerten und Zusammenhänge offenzulegen.

KI wird auch in Konferenzen mit am virtuellen Tisch sitzen. Jeden Tag diskutieren wir: Welche Fragen haben die Menschen gerade an uns? Wann wollen sie kurze News, wann längere Analysen, wann hintergründige Longreads? Wie lautet der beste Dreh? Wir arbeiten an KI-Tools, die solche Fragen präzise beantworten. In unserem H_AI Co-Pilot finden sich Werkzeuge, die schon bald jeder Reporterin und jedem Reporter bei solchen Fragen zur Seite stehen: Unser „Handelsblatt-Leser-Lotse“ schlägt auf Basis von Nutzerbedürfnissen eine Textform für ein Thema vor. Das „Nachdreh-Tool“ analysiert die Artikel-Performance und erkennt Potenziale für Weiterdrehs. Die Technik wird uns Headlines anbieten und die Texte optimal präsentieren, mit den passenden Links und Infografiken.

Bei alledem stehen wir ganz am Anfang. In ein paar Jahren aber werden solche Tools tief in unser Redaktionssystem integriert sein. Den Kern der journalistischen Arbeit aber verändert KI kaum – im Gegenteil: Sie verschafft uns Zeit und Raum, diesen intensiver zu pflegen. Denn im Kern bedeutet Journalismus, hinter die Kulissen von Macht zu schauen, Orte zu besuchen, die normale Menschen nicht zu Gesicht bekommen und Fragen zu stellen, die noch nicht gestellt wurden.

Auch in Zukunft steht immer eine journalistische Entscheidung im Zentrum unserer Arbeit. Wir werden niemals Sklaven der Technik sein. Und ich habe noch einen Traum: Dass unsere Branche die Disruption durch KI nicht so lange unterschätzt, wie sie das Internet unterschätzt hat. Davon sollten wir aber nicht nur träumen – sondern die Chancen und Grenzen dieser Revolution austesten.