Diese zehn mächtigen Menschen suchen für einflussreiche Automarken neue Wege in stürmischen Zeiten.
Texte: Stefan Cerchez und Birgit Priemer, Lesezeit: 10 Minuten
Foto: Mercedes-Benz Group AG
Ola Källenius, Mercedes-Benz: Kapitän auf rauer SeeDas Fahrwasser, durch das Kapitän Källenius navigiert, ist kein einfaches: Der Transformationsprozess gestaltet sich viel schwieriger als erwartet, in China schrumpft der Marktanteil, die strategisch aufgesetzte Luxusstrategie kommt nicht voran wie gewünscht. Seit 1993 arbeitet Källenius im Konzern. Er hat sich über verschiedene Stationen in Tuscaloosa (USA), bei McLaren Automotive, als AMG Chef in Affalterbach und Vorstandsmitglied für Konzernforschung und Entwicklung hochgearbeitet. 2019 wird er Nachfolger von Dieter Zetsche als Vorsitzender des Vorstands.
Ola Källenius zählt zu jener Garde der Vorstandsvorsitzenden, deren Führungsstil nicht mehr so autoritär wirkt wie der von Martin Winterkorn und Co. in der Dekade davor. Er ist verheiratet mit einer Schwäbin und Vater von drei Söhnen. Sein leichter Akzent macht den gebürtigen Schweden auf Anhieb sympathisch – obwohl er in der Sache sicher knallhart sein kann. Eine seiner Kurskorrekturen in schwierigen Zeiten: „Die elektrifizierten Hightech-Verbrenner werden länger laufen, als wir es ursprünglich erwartet hatten. Aber wir geben sprichwörtlich nicht nur Gas – sondern auch Strom.“ Im Angesicht der immer stärker werdenden Konkurrenz aus China setzt Ola Källenius auf die Kraft der langen Markenhistorie von Merce des: Der markante Chromgrill von Klassikern der Markengeschichte wird bei den neu entwickelten Baureihen modern in Szene gesetzt. Die Zukunft liegt für Ola Källenius also auch in der Vergangenheit.
Ola Källenius im Interview: »Die wichtigste Tradition bei Mercedes ist Innovation«
Foto: Bernhard Huber/Audi
Gernot Döllner, Audi: Strategie ohne SchnörkelSein Stallgeruch stammt eindeutig von Porsche. Die Integration in das komplexe Audi-Netzwerk macht das gar nicht so einfach. Seit September 2023 ist Gernot Döllner Vorstandsvorsitzen der von Audi, im März 2024 hat er zusätzlich die Verantwortung für die Technische Entwicklung übernommen. Döllners Auftrag ist heikel. Denn in den vergangenen zehn Jahren gab es 24 Vorstandswechsel, sieben davon in der Entwicklung – Audi braucht Ruhe.
Döllner, 1969 geboren in Bückeburg, Niedersachen, könnte dafür der richtige Mann sein. Er gilt als schnörkellos und unmissverständlich. Nach dem Maschinenbau Studium und einer Station bei VW wechselt er zu Porsche, wird unter anderem Projektleiter des Supersportwagens Porsche 918 Spyder, führt die Baureihe Panamera sowie die Produktentwicklung. „Die Zukunft ist elektrisch“, betont er in Interviews. Sein Ziel: ab 2033 ausschließlich elektrisch 10 fahren. Auf dem „auto motor und sport“-Kongress in der Münchner Allianz Arena fordert er im Herbst 2024 in Sachen Elektromobilität „weniger dogmatische Debatten“. Döllners Strategie für die Zukunft ist klar: „Audi muss schneller, agiler und effizienter werden. Klar ist: Ohne Personalanpassungen geht das nicht.“ Die nächsten Jahre werden eine Challenge. Döllner muss zeigen, wie er das Markenversprechen „Vorsprung durch Technik“ neu aufladen will.
Foto: Tomohiro Ohsumi/Getty Images
Koji Sato, Toyota: Höfliche WeltherrschaftToyota konkurriert regelmäßig mit VW um den Titel des größten Autoherstellers der Welt – und tritt in der Öffentlichkeit doch viel ruhiger und unaufgeregter auf. Schlammschlachten mit den Gewerkschaften? Undenkbar. Passend dazu bleibt Toyota-CEO Koji Sato, Jahrgang 1969, ebenfalls stets höflich-zurückhaltend. Der studierte Maschinenbauer ist ein klassisches Toyota-Gewächs, seit 1992 im Unternehmen, verantwortlich unter anderem für das Fahrwerkdesign des Hybrid-Pionier Prius, Projektleiter bei der Entwicklung des nordamerikanischen Camry sowie Entwicklungsleiter des Lexus LC.
Satos dringendste Aufgabe ist, Toyota fit für die Elektromobilität zu machen – denn sein Vorgänger Akio Toyoda hat lange auf den Hybridantrieb gesetzt. Aktuell rangiert die Marke hier deutlich hinter Tesla, BYD und VW. In seinem Management-Stil fühlt sich Sato dem klassischen Team-Gedanken verpflichtet: Er schafft die Rahmenbedingungen, damit seine Mitarbeiter konsequent agieren können. Sato, der in seiner Freizeit gerne Tempel besucht, beschreibt sich selbst als klassischen Car Guy: einer, der selbst leidenschaftlich Auto fährt. Kein Wunder, dass Toyota auch bei 24-Stunden-Rennen in Le Mans und am Nürburgring sehr präsent ist. Unter dem Pseudonym „Morizo“ hat Sato schon selbst als Fahrer teilgenommen.
Foto: Nicolas Zwickel/Stellantis
Antonio Filosa, Stellantis: Kopf über WasserAntonio Filosa, CEO des Opel-Mutterkonzerns Stellantis, muss sich gleich zum Amtsantritt eine schwierige Frage stellen: Macht es Sinn, das Unternehmen weiter mit 14 unterschiedlichen Marken zu führen? Denn dem viertgrößten Autohersteller der Welt geht es nicht gut: Die Elektromobilität bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Die Diskussion um US-Zölle belastet das geschwächte Unternehmen zusätzlich. 1999 kommt Filosa zu Fiat, leitet fast zehn Jahre die Geschäfte des Unternehmens in Südamerika. 2024 wird er als Nordamerika Chef verantwortlich für die US-Marken von Stellantis, unter anderem für Jeep, Dodge und Chrysler.
Filosa hat also zuletzt genau dort gesessen, wo es jetzt brennt – auch, weil Carlos Tavares, sein Vorgänger als Stellantis-CEO, die Preise in den USA zu stark hochgetrieben hat. Der in Neapel geborene Ingenieur Filosa, der auch die brasilianische Staatsangehörigkeit besitzt, braucht jetzt viel Gefühl für Traditionsmarken wie Opel, die unter Tavares einem gnadenlosen Sparkurs ausgesetzt waren. Genau darauf wird es im Zeitalter einer stärker werdenden chinesischen Konkurrenz ankommen: Nur Marken werden überleben, die eigenen Charakter haben. Als leidenschaftlicher Wasserballspieler kann Filosa kämpfen – und behält bei Stellantis hoffentlich den Kopf über Wasser.
Foto: Volkswagen AG
Oliver Blume, VW: Macht und MenschlichkeitUnd mag das Managergehalt noch so hoch gewesen sein: Die Doppelfunktion von Oliver Blume als Chef von Porsche und VW war nicht nur kräftezehrend. Sie rief auch viel Kritik bei den Aktionärsvertretern her vor: Wie kann man in so anspruchsvollen Zeiten zwei Unternehmen gleichzeitig lenken? Die von Blume aufgesetzte Elektroautostrategie bei Porsche musste auch kräftig dem Markt angepasst werden. Ab 2026 tritt nun mit dem früheren McLaren-Chef Michael Leiters sein Nachfolger bei Porsche an. Trotz aller Turbulenzen zählt Blume zu den beliebtesten CEOs der Szene.
Er ist keiner, der im Zeichen einzigartiger Machtfülle auf sein Umfeld wie entrückt wirkt. Im Gegenteil: Wenn Blume selbst am Steuer eines Elektro-Taycan zum 24-Stunden-Rennen nach Le Mans fährt, übernachtet er dort mit seiner Frau im Dachzelt auf dem eigenen Auto, ganz nahe beim Team. Blume, geboren 1968 in Braunschweig, startet seine Karriere als Maschinenbau-Ingenieur bei Audi, macht Station bei Seat und schafft es 2013 in den Porsche-Vorstand für Produktion und Logistik. Er geht gerne ins Ballett und ist samstags beim Bummeln in der Schwaben-Metropole Stuttgart anzutreffen. Wie die Kollegen bei Mercedes und Co kämpft Blume in seiner Funktion als VW-Vorstandsvorsitzender mit schwindenden Marktanteilen in China und dem verzögertem Hochlauf der E-Mobilität. Dazu kommen heftige Absatz- und Qualitätsprobleme bei Audi und Porsche. Immerhin: VW verkauft in Deutschland aktuell so viele Elektroautos wie keine andere Marke. Auch das ist Blumes Erfolg.
Foto: Mackenzie Stroh/GM
Mary Barra, General Motors: American DreamAls Mary Barra im Januar 2014 den Chefposten beim größten US-Autobauer übernimmt, kennt sie das Unternehmen bereits in- und auswendig – und verkörpert eine moderne Interpretation des amerikanischen Traums. 1980 sammelt sie als Werkstudentin erste Erfahrungen in Produktion und Qualitätskontrolle, arbeitet im Anschluss als Ingenieurin für die mittlerweile eingestellte Marke Pontiac. In der Fabrik, in der bereits ihr Vater gearbeitet hatte, gibt es damals nur wenige Frauen. Das raue Klima dort prägt Barra für ihren weiteren Weg.
Über ein Talentprogramm qualifiziert sie sich weiter und arbeitet sich nach oben: Die Amerikanerin mit finnischen Wurzeln macht Station als Assistentin beim damaligen GM-Boss Jack Smith, rückt auf zur Werkleiterin, wird Personalchefin und schließlich die oberste Produktplanerin mit Milliarden-Budget. In ihre Amtszeit fällt der Verkauf der deutschen GM-Tochter Opel an den damaligen PSA-Konzern. Und die Neuausrichtung des Konzerns auf zwei „Zero“-Ziele: null Unfälle und null Emissionen.Obwohl Mary Barra die Verwirklichung dieser Vision mutmaßlich nicht mehr im Amt erleben wird, treibt sie die Entwicklung des Unternehmens weiter voran – nicht zuletzt durch die Rückkehr der Marke Cadillac auf den europäischen Markt.
Foto: Bill Pugliano/Getty Images
Jim Farley, Ford: Oldtimer im Herzen, Zukunft im KopfWer von Deutschland aus auf Ford blickt, sieht eine Marke, die sich aus dem Geschäft mit ihren traditionell erfolgreichen Kleinwagen, Kompakt- und Mittelklassemodellen fast vollständig zurückgezogen hat: In Europa verdient Ford sein Geld vor allem mit leichten Nutzfahrzeugen. Mit dafür verantwortlich ist CEO James „Jim“ Farley, der die hiesigen Märkte schon aus seiner Zeit als Ford-Europa-Chef in Köln kennt. Farley startet seine Karriere in den 1990er Jahren bei Toyota in den USA, wo er unter anderem die erfolgreiche Einführung der Premiummarke Lexus begleitet. 2007 wechselt er zu Ford.
Farley ist begeisterter Oldtimer- und Motorsport-Fan. Trotzdem erkennt er die Notwendigkeit der Transformation in der Autobranche. Und treibt diese in seinem Konzern voran – unter anderem durch die Auftrennung von Verbrenner- und Elektrogeschäft. Heute gehört ein Elektro-Pick-up in den USA ebenso selbstverständlich zum Ford-Programm wie große Hybrid-SUVs. Und der studierte Ökonom Farley macht sich medienwirksam stark für Aus- und Weiterbildungsprogramme, warnt öffentlich vor dem drohenden Wegfall tausender traditioneller Bürojobs durch KI-Anwendungen. Für Europa setzt Farley auf eine intensive Konzern-Kooperation mit Volkswagen, aus der bislang zwei Pkw-Modelle hervorgingen. Doch dabei soll es nicht bleiben: Jim Farley hat eine Erweiterung des Modellangebots für europäische Kunden bereits abgesegnet.
Foto: Johannes Arlt
Oliver Zipse, BMW: In guten wie in schlechten ZeitenSo geht Markentreue: 1991 tritt Oliver Zipse als frisch gebackener Maschinenbau-Ingenieur ins Trainee-Programm von BMW ein. Seine Karriere wird ihn im Lauf der nächsten 28 Jahre bis an die Konzernspitze führen. Nach Stationen als Projektingenieur und Führungspositionen in der Münchner Zentrale und in Rosslyn, Südafrika, bekommt der gebürtige Heidelberger 2007 die Werksleitung der BMW-Tochter Mini in Oxford anvertraut. Dort setzt er neue Maßstäbe bei Produktionsqualität und Effizienz, sammelt Erfahrungen für den Job als Produktionsvorstand. Der gilt bei BMW als Sprungbrett auf den Chefsessel – auch für Zipse: Seit 2019 leitet er die Geschicke des Gesamtkonzerns.
Er muss seitdem unter anderem den Brexit verdauen und den Hochlauf der E-Mobilität begleiten. Ein übereiltes Verbrenner-Aus hält er für ein politisches Risiko: „Wenn der Autobesitz plötzlich nur noch für reiche Leute möglich ist, ist das eine gefährliche Sache“, sagt er 2022. Mit sachlichem Führungsstil und einem klaren Bekenntnis zur Technologieoffenheit gelingt es Zipse, die Gesamtverkäufe auf Vorkrisenniveau zu stabilisieren. Gleichzeitig unterbietet BMW die CO2 -Flottenvorgaben der EU unter seiner Führung nun bereits vier Jahre in Folge. Zipses Vertrag bei BMW läuft noch bis 2026. Doch es könnte noch weiter aufwärts gehen: Dem Vernehmen nach soll er im Anschluss in den Aufsichtsrat des Luftfahrtkonzerns Airbus wechseln.
Foto: Bloomberg for Getty Images
Ho-sung Song, Kia: Elektro erschwinglichDer Chef der koreanischen Automarke Kia befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Im März 2025 wird Ho-sung Song auf der Hauptversammlung für drei weitere Jahre als Präsident der CEO Kia Corporation bestätigt. Das Amt hat er im März 2020 angetreten. Davor sammelt er für Kia intensive Erfahrungen im Ausland, unter anderem als Kia President France und Kia President Europe. Song steht für eine umfassende Expertise im internationalen Vertrieb, Produktion und in der Strategieumsetzung. Seit seiner Ernennung treibt Song den „Plan S“ voran, der Kia zum führenden Anbieter in Sachen Elektromobilität machen soll: Spätestens ab 2027 soll es ein Einstiegsmodell zu Preisen um die 25.000 Euro geben. Song liebt Fußball und spielt gerne Golf, angeblich mit einstelligem Handicap. Theoretisch bleibt durchaus Zeit für dieses Hobby: Kia befindet sich auf (leichtem) Wachstumskurs und gilt in Sachen Profitabilität und operativer Marge als Branchenprimus. Songs Strategie scheint also aufzugehen.
Foto: Marcel Schwickerath
Luca de Meo, von Renault zu Kering: Spurwechsel nach drei JahrzehntenSucht man in der Vita von Luca de Meo nach einer Konstante, ist es: der Wandel. Als Betriebswirtschaftler mit Marketing-Fokus entscheidet sich der bekennende Autonarr de Meo früh für eine Karriere in der Automobilwelt. Die beginnt 1992 im Produktmarketing bei Renault und findet dort 2020 als CEO ihren vorläufigen Höhepunkt. Dazwischen liegen zahlreiche Stationen bei unterschiedlichsten Marken: In den 1990ern verantwortet de Meo die Produktplanung für Toyota in Europa, in den frühen 2000ern die Wiederbelebung von Fiat, führt Alfa Romeo und Lancia. 2009 wechselt der vielsprachige Italiener als Marketingleiter zu Volkswagen, wird drei Jahre später Vorstand für Marketing und Vertrieb bei Audi.
In seiner Zeit als Seat-Chef erschließt er ab 2015 für die schwächelnde Marke neue Märkte und legt die Grundlagen für die erfolgreiche Weiterentwicklung von Cupra. 2020 dann der Wechsel zu Renault, wo de Meo mit seinem „Renaulution“-Plan den Konzern auf Rentabilität und Effizienz trimmt. Er treibt die Transformation zur Elektromarke voran, fördert Retro-Konzepte wie den R5. Im Sommer 2025 entscheidet sich de Meo abermals für den Wandel – und den ersten Branchenwechsel seiner Karriere: Er wird Chef des französischen Luxusgüterkonzerns Kering.
Luca de Meo im Interview: »Ich bin kein Typ für den Status quo, eher für den konstanten Wandel«