Diese zehn Kreativ-Köpfe bringen Fahrträume in Form und entwerfen die Zukunft der Mobilität: Michael Mauer, Adrian van Hooydonk, Gorden Wagener, Giorgio Giugiaro, Karim Habib, Andreas Mindt, Laurens van den Acker, Flavio Manzoni, Stefan Sielaff, Wolfgang Egger.
Texte: Stefan Cerchez, Birgit Priemer, Fotos: PR, Picture Alliance, Getty Images, Lesezeit: 8 Minuten
Vordenken und Tiefstapeln: Adrian van Hooydonk"Das Ganze fühlt sich für mich immer noch ein bisschen an wie ein Hobby“: BMW-Group-Designchef Adrian van Hooydonk stapelt tief, wenn er seinen Job beschreibt. Der gebürtige Niederländer arbeitet seit 1992 bei BMW, ist seit 2009 Leiter des BMW Group Designs und in dieser Funktion zuständig für das Aussehen der BMW-Modelle inklusive der Motorräder. Marken wie Mini und Rolls-Royce hat er in dieser Zeit komplett neu erfunden. „Wir haben in zehn Jahren an die 50 Showcars gemacht“, sagt van Hooydonk, „kreativ gesehen kann ich mich also komplett austoben.“
In seinen Anfangsjahren ist Adrian van Hooydonk Wegbegleiter des damaligen Designchefs Chris Bangle, der mit seinen spektakulären Formen viel Aufsehen erregte. Dann übernimmt er selbst die Führung: „Wir versuchen, ein Design zu machen, das für die Zukunft tragfähig ist und zur Historie passt. Die Frage, ob das Design etwas mit mir zu tun hat, stelle ich mir nicht.“ In die Rolle des Vordenkers schlüpft Hooydonk beim BMW i3, einem Elektrokleinwagen mit Carbonfaserkarosserie und gegenläufig öffnenden Portaltüren: „Das war ein richtungsweisendes Auto für uns. Wir wussten damals, dass wir damit wahrscheinlich eher zu früh kommen. Aber wir wollten keinesfalls zu spät sein. Das ist typisch BMW.“
Die Bucketlist an Projekten, die er noch machen möchte, wird immer länger. Aber: „Ich habe viele Möglichkeiten gehabt. Wir haben die X-Baureihe vom X5 zu X1 bis X7 ausgebaut, BMWi gestartet und jetzt kommt die Neue Klasse. Als Designer kann man sich das nicht besser wünschen.“
Dem VW-Konzern- und Porsche-Designchef darf man durchaus Legenden-Status zuschreiben: Der vielfach preisgekrönte Mauer steht für eine evolutionäre Weiterentwicklung von zeitlosem Design, das Markenidentität prägt. Sein Einfluss auf Porsche in über zwei Jahrzehnten ist nahezu einzigartig.
Mauers Laufbahn startet nach dem Studium an der Fachhochschule für Transportation Design in Pforzheim 1986 im Mercedes-Exterieur-Design. Einer seiner wichtigsten Ziehväter: Bruno Sacco, über viele Jahrzehnte Schlüsselfigur im Mercedes-Design, berühmt für die Entwicklung besonders der SL-Modelle. Mauer steigt schnell die Karriereleiter hinauf, wechselt ins Studio nach Tokio, übernimmt Smart, geht für vier Jahre zur schon damals schwächelnden GM-Tochter Saab. Den Sprung an die Spitze schafft er 2004 als Nachfolger von Harm Lagaay als Porsche-Designchef. Mehr als 20 Jahre übt Mauer dieses Amt nun schon aus. In dieser Zeit kreiert er den Cayenne, den Panamera, den Macan, den Taycan, die Neuauflagen des 911 und des 918 Spyder. „Konsistenz ist Teil einer starken Markenidentität“, sagt Mauer.
Seit 2015 hat er – mit kurzer Unterbrechung – auch die Funktion des Designchefs beim VW-Konzern inne. Und meistert diese Aufgabe mit viel Souveränität: Die Designchefs der anderen VW-Marken eng zu führen, ist nicht sein Ding. Mauer gehört zu jenem Typ Mensch, der auch anderen Raum für Entfaltung geben kann.
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Es gibt kaum einen Vortrag von Gorden Wagener, in dem nicht der Begriff „sinnliche Klarheit“ vorkommt. Er beschreibt die Designphilosophie des gebürtigen Esseners, der seit 2008 Chef des gesamten Mercedes-Designs ist und dabei partiell auch die Trucks mitverantwortete. Seit 2016 trägt er den Titel Chief Design Officer. Im April 2025 hat Wagener ein neues Designstudio in Shanghai eröffnet, mit fantastischem Ausblick über die chinesische Metropole.
Wageners Credo, um Mercedes-Modelle begehrenswert zu machen: „Man braucht das Produkt nicht, man will es haben.“ Mercedes stellt er in eine Reihe mit ikonischen Modemarken wie Hermès, ikonischen Menschen wie Karl Lagerfeld und ikonischen Wahrzeichen wie dem Eiffelturm in Paris. „Design ist ein Denkprozess – und wir gehen dabei eine Liebesbeziehung zu unseren Kunden ein“, sagt er. Der Kühlergrill ist für Wagener aktuell das wichtigste Designstilmittel. Auch mit neuen, rein elektrisch betriebenen Modellen will er die Tradition der Marke weltweit so auch optisch fortführen.
Inspiration aus Italien: Giorgio GiugiaroAutodesign ist ohne die italienischen Kaderschmieden nicht denkbar – auch wenn sie heute an Bedeutung verloren haben. Zu den herausragenden Figuren auf dem Gebiet des Autodesigns zählt zweifellos Giorgio Giugiaro, der für das Aussehen von rund 60 Millionen Autos auf den Straßen weltweit verantwortlich ist. Giugiaro, als Gründer von Italdesign zum „Designer des 20. Jahrhunderts“ gewählt, hat der Szene einen Stempel aufgedrückt, der niemals in Vergessenheit geraten dürfte.
Zu seinen Kunstwerken zählen Maserati Ghibli und Quattroporte, der Ferrari 250 GT, der Alfa Romeo Giulia Sprint, der Fiat Dino Coupé, der Lotus Esprit, der Lancia Delta, der BMW M1. Und natürlich der Fiat Panda, die legendäre tolle Kiste, über die Giugiaro im Spiegel sagte: „Einen Ferrari zu zeichnen ist dagegen vergleichsweise einfach.“ Zu Giugiaros Fan-Club zählte auch Porsche-Erbe und langjähriger VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. Denn Giugiaro entwarf auch die Form des Golf I und des Scirocco. Heute schaut Giugiaro selbst auf sein Lebenswerk so zurück: „Wer sein ganzes Leben dem Design gewidmet hat, sieht meist erst viele Jahrzehnte später, ob seine Arbeit gut war. Gleichzeitig erkennt man auch, was man hätte besser machen können.“
Leise statt Luxus: Karim HabibGeboren in Beirut im Libanon und aufgewachsen in Montreal in Kanada ist Karim Habib in der Designerszene der Typ mit besonders multikulturellem Hintergrund. Und er hatte alle Chancen, auch bei deutschen Premiumherstellern ganz weit nach oben zu klettern. Nach Stationen bei Mercedes und BMW und einem Intermezzo bei Infiniti ist Habib seit 2019 Designchef bei Kia. Sein Anspruch: „Wir machen keinen Luxus, wir machen Produkte, die das Leben der Menschen verbessern und die man sich auch leisten kann.“ Der Vater von zwei Töchtern sagt von sich selbst, er sei zur richtigen Zeit zu Kia gekommen: „Wir haben das Logo neugestaltet – und das war der Anfang einer neuen Ära für die Marke.“
Habibs Lebensmittelpunkt liegt heute wieder in Deutschland – den Kindern zuliebe. Aber seine Jahre in Seoul haben ihn geprägt: „Seit ich in Asien gelebt habe, spüre ich den schlechten Ruf von SUVs gar nicht mehr.“ Aggressivität, wie sie SUV-Fahrern oft nachgesagt wird, passe auch nicht zur Marke: „Wir wollen mit Design und Konzept des Autos animieren, mit der Natur zu leben, Camping damit zu machen. Es geht nicht um Status oder Power.“ Auch Habib selbst verkörpert Bescheidenheit: Der laute Auftritt ist nicht seine Art. Seinen Einfluss in der Designszene schmälert das nicht.
Dank Herbie und Herzblut: Andreas MindtDer Sunnyboy aus Bingen am Rhein startet seine Karriere beim „auto motor und sport“-Designwettbewerb Anfang der 1990er Jahre: Er gewinnt gemeinsam mit seinem Kumpel, dem späteren Audi-Designchef Marc Lichte. Noch während des Wettbewerbs wird Mindt von VW entdeckt. Lange steht „Andy“ im Schatten von Lichte, folgt ihm über diverse Stationen bis zu Audi: Dort wird Mindt Exterieur-Designchef. Das Duo trennt sich, als Mindt Bentley-Designchef wird. Mittlerweile leitet er seit 2023 die Geschicke des VW-Designs. Mit ihm startet ein Change-Prozess, der es der Marke möglich macht, zu den Wurzeln von Polo und Co zurückzufinden. Andreas Mindts Handschrift sehen wir, wenn ID.2 und ID.1 auf die Straße rollen.
Die Liebe zum Design verdankt Andreas Mindt seinem Vater, Designer bei GM und später VW. Mit gerade einmal fünf Jahren begleitet er den ins Kino, in den ersten „Herbie“-Film, eine Disney-Produktion über einen sprechenden und denkenden VW Käfer: „In dem Moment habe ich VW lieben gelernt“, sagt Andreas Mindt, „wenn alle Kinder zum Spielen rausgegangen sind, habe ich Autos gemalt. Das war für mich das Größte.“ Heute setzt er auch KI ein: „Das ist ein Super-Werkzeug. Aber es
ist eben auch nur ein Werkzeug. Ich muss mir erst einmal darüber im Klaren sein, welchen Charakter mein Produkt haben soll. Wenn ich keine klare Strategie, keinen klaren Gedanken habe, hilft auch die KI nicht.“ Mit seinen Entwürfen prägt Mindt seit fast einem Jahrzehnt das Gesicht von VW. Macht ihm so viel Einfluss Angst? „Wir müssen uns klarmachen, dass wir eine Verantwortung haben. Man darf es sich aber auch nicht allzu sehr bewusstmachen. Sonst wird man verrückt.“
Neben Adrian van Hooydonk (BMW) ist Laurens van den Acker der zweite Niederländer an der Weltspitze des Designs. Beide sind fast gleich alt und beide haben an der Technischen Universität in Delft studiert. Erstes Aufsehen erregt van den Acker als Designchef bei Mazda ab 2006, wo er die an die Natur angelehnte Designsprache Nagare entwirft. Den Sprung an die Spitze der internationalen Designliga schafft er 2009, als er die Nachfolge des legendären Renault-Designchefs Patrick Le Quemént antritt, dem Erfinder des Twingo.
Van den Acker schafft einen guten Start: „Man erwartet von mir, dass ich hier bei Renault ein neues Kapitel aufschlage. Wir fangen mit einem weißen Blatt Papier an.“ Seitdem hat van den Acker die Marke viel sichtbarer gemacht – auch, aber nicht nur, weil er das Markenemblem viel prägnanter gestaltet hat. Aktuell setzt die französische Marke wieder auf Retro: Mit R4 und R5 E-Tech werden zwei frühere Legenden neu belebt – allerdings als reine Stromer.
Zwischen Technik und Kunst: Flavio ManzoniChefdesigner bei Ferrari: der Traumjob von Designstudenten weltweit. Seit 2010 hat ihn Flavio Manzoni, nach Stationen bei Lancia, Seat und VW, wo er unter anderem den Golf VI und den Up kreierte. Geehrt wird Manzoni in seiner Laufbahn für den F12 Berlinetta, den Monza SP1, den SF90 Stradale, den Roma, den Purosangue und den 296 GT. Trotz dieser unglaublichen Erfolgsgeschichte ist Manzoni niemand, der offensiv die Öffentlichkeit sucht. „Es ist nicht einfach, die Arbeitsweise des Intellekts zusammenzufassen, da der Mensch bei der Schaffung eines Objekts so viel Input bekommt“, sagt Manzoni. Dann gibt es noch die technischen Voraussetzungen, die man berücksichtigen muss, vor allem bei Supersportwagen wie Ferrari: „Ein großer Teil der Inspiration ist von technischen Aspekten des Fahrzeugs geprägt, auch wenn die künstlerische Dimension immer ihren Platz hat.“ Auch bildende Kunst, Musik und Architektur geben Manzoni Impulse für seine Arbeit.
Servus aus Asien: Stefan SielaffObwohl der gebürtige Münchner im Laufe seiner Designerkarriere einmal um die ganze Welt gereist ist, gehört der bairische Akzent weiter zu seinen Markenzeichen. Sielaff ist ein jahrzehntelanger Szenegänger und auf allen großen Automessen der Welt anzutreffen. Während viele erfolgreiche deutsche Designer an der Fachhochschule für Transportation Design in Pforzheim studiert haben, absolviert Sielaff seine Ausbildung am berühmten Royal College of Art in London.
Den größten Teil seiner Karriere verbringt Sielaff bei Audi, wo er an der Sportwagenstudie Quattro Spyder (1991) und später an A1 und A2 beteiligt ist. Drei Jahre designte Sielaff zwischendurch für Mercedes, aber so richtig kommt er bei der Marke mit dem Stern nie an. Also kehrt er als Leiter des Audi-Designs unter Walter de Silva zurück, danach geht er zur VW-Tochter Bentley. Mittlerweile zählt Sielaff zu jenen deutschen Designern, die in Asien eine bemerkenswerte Karriere gemacht haben: Seit 2021 arbeitet er als Vice President of Global Design bei Geely Auto.
Bauhaus in China: Wolfgang EggerDer gebürtige Allgäuer ist ein stiller Star der Szene – und spielt trotzdem seit Jahrzehnten in der ersten Reihe. Eggers Karriere beginnt 1989 bei Alfa Romeo. Nach einer Zwischenstation bei Seat kehrt er zu der italienischen Marke zurück und verschafft sich durch das Styling von 156, 166, 147 und des 8C Competizione einen erstklassigen Ruf. Kein Wunder, dass Audi seine Qualitäten entdeckt und ihn 2007 als Nachfolger von Walter de Silva als Gesamtverantwortlichen für Audi, Lamborghini und später auch Ducati verpflichtet – zeitweise in einer Doppelspitze mit Stefan Sielaff. Die Inspiration durchs Bauhaus sowie die Markenidentität sind Egger in dieser Zeit wichtige Anliegen.
Nachdem er Audi 2014 verlassen hat, startet er 2016 seine Karriere beim chinesischen Hersteller BYD noch einmal ganz neu. „Als Designer hat man mehr Spielraum in einem chinesischen Unternehmen“, sagt Egger. Im Laufe seine Karriere hat er viel Zeit im Umfeld von Ex-VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und dem ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn verbracht, die Designer sehr eng und intensiv führten. Seine vornehme Zurückhaltung hat Wolfgang Egger in all den Jahren nie verloren.