Akribisch, visionär, legendär: Der gelernte Maschinenbauer Ferdinand Piëch gilt vielen als genialer Manager – und manchen als Grenzgänger zum Wahnsinn.
Collage: Uwe C. Beyer; Lesezeit: 3 Minuten
Ein Porsche-Abteilungsleiter soll Ferdinand Piëch einmal so beschrieben haben: „Ein technisches Genie, das ständig am Wahnsinn entlang schrammt.“ Der Enkel von Ferdinand Porsche gilt als kommunikativ schwierig, introvertiert, gleichzeitig aber auch als blitzgescheit. Ein Asket und Liebhaber von Grünem Tee, der sich für japanische Kultur interessiert. Und ein Visionär, der seiner Zeit weit voraus ist: Bereits 2002 lässt er als VW-Chef die Konzeptstudie 1L entwickeln, quasi das erste Ein-Liter-Auto. Mit dem fährt Konzernchef Piëch öffentlichkeitswirksam zur VW-Hauptversammlung von Wolfsburg nach Hamburg.
Der rote Teppich samt Blitzlichtgewitter ist Piëch aber eigentlich eher zuwider. In der Presse sind seine 13 Kinder und deren Mütter häufig Thema. Er selbst kokettiert ab und an damit. Als er nach der konkreten Zahl seiner Nachkommen gefragt wird, sagt er einmal: „Etwa ein Dutzend. So genau weiß man das nicht.“
Den Managern bei Porsche, Audi und VW hätte er so eine Zahlen-Schlamperei nie durchgehen lassen. Piëch, studierter Maschinenbauer, arbeitet seit 1963 bei der Porsche KG in Zuffenhausen, leitet bald die Entwicklungsabteilung. Dort zeichnet er den Porsche 917, der auf Jahre Rennserien wie das 24-Stunden-Rennen von Le Mans beherrscht. In den Siebzigern gründet er ein eigenes Konstruktionsbüro, dirigiert anschließend bei Audi die Technik, wo er den Fünfzylindermotor und den legendären Quattro-Antrieb einführt.
1984 heiratet Piëch Ursula „Uschi“ Plasser, das Kindermädchen seiner Kinder. Sie bleiben ein Paar bis zu seinem Tod. Uschi verleiht ihm Glanz mit ihrer unglaublichen Fröhlichkeit. An Ferdinands Seite wird sie zu einer der kenntnisreichsten Automanagerinnen der Welt – ohne dass sie ihr Wissen jemals in einer offiziellen Tätigkeit eingesetzt hat.
1988 wird Piëch Audi-Chef – nachdem er offen droht, ohne den Posten an der Spitze Fersengeld zu geben. 1993 schafft er den Sprung auf den VW-Thron: Er beerbt Carl H. Hahn als Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG, deren Glanz gerade am Verblassen ist. Hohe Verluste machen dem Konzern zu schaffen. Piëch schreckt das nicht, er räumt auf – in der ihm eigenen Manier, die ihn für manche zum Angstgegner werden lässt. Bei Vorstandssitzungen will er von jedem vorab auf die Minute genau wissen, wie lange derjenige zu sprechen gedenkt. Ex-Mitarbeiter bescheinigen ihm das „Fingerspitzengefühl einer ungeschliffenen Nockenwelle“. Piëch spart, allerdings nicht an den Arbeitern am Band: Stattdessen setzt er unter anderem auf weitgehend baugleiche Komponenten für verschiedene Autos und flexiblere Arbeitszeitmodelle. Er geht bestehende Qualitätsprobleme an, ist fast manisch versessen auf möglichst geringe Spaltmaße – den Abstand zwischen zwei Karosserie-Bauteilen. Das bringt ihm den Spitznamen „Fugen-Ferdl“ ein. Dass er sich mit dem General-Motors-Manager José Ignacio López einen handfesten Industriespionage-Fall ins Haus holt – López bringt neben Expertise auch General-Motors-Interna mit – kostet VW über 1,1 Milliarden Dollar, Piëch aber nur kurzzeitig Ansehen.
Auch der Einstieg ins Hochpreissegment fällt in die Ära Piëch: In nur zwei Jahren kauft der VW-Konzern Rolls Royce Motor Cars, Bugatti und Lamborghini auf. Nur die Marke Rolls Royce geht an BMW, VW kann lediglich die Marke Bentley für Luxusmodelle verwenden. Mit MAN und Scania folgt die Erweiterung der Produktpalette um Nutzfahrzeuge, 2012 wird Motorradhersteller Ducati ins Portfolio aufgenommen. Ferdinand Piëch ist da schon Vorsitzender des Aufsichtsrats, Honorarprofessor, doppelter Ehrendoktor, vierfacher Ehrenbürger und kann sich – ein kleiner Auszug aus seinem Titel-Katalog – „Automobilmanager des 20. Jahrhunderts“, „Auto-Star des Jahrzehnts“ und „wichtigster Manager seit 1971“ nennen.
2014 verleiht ihm die Technische Universität seiner Geburtsstadt Wien noch die Ehrensenatorwürde; zusätzlich wird er in die Automotive Hall of Fame aufgenommen. Im April 2015 tritt Piëch von allen Mandaten bei VW zurück, beklagt wird mangelndes „wechselseitiges Vertrauen“. Nur wenige Monate später erschüttert der Abgasskandal den Konzern und wird monatelang die Schlagzeilen beherrschen. Die Legende Piëch bleibt auch hiervon beinahe unbefleckt. Seine Rolle im Dieselgate gilt bis heute als „ungeklärt“; er selbst weigert sich, 2017 als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags auszusagen.
An einem Sonntag im August 2019 fährt Piëch mit seinem Lamborghini SUV bei Sternekoch Heinz Winkler in Aschau im Chiemgau vor. Als er bestellen will, hyperventiliert er und wird ins Krankenhaus Rosenheim gebracht. Dort stirbt er im Alter von 82 Jahren.
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