Der Tausendsassa der Mobilität: Wirts-Sohn Gottlieb Daimler hat die Welt motorisiert – auf Erden, zu Wasser und in der Luft. Dabei hatte er visionäre Hilfe.

Collage: Uwe C. Beyer; Lesezeit: 3 Minuten

Wenn man Gottlieb Daimler eines nachsagen kann, dann, dass er Motoren in so ziemlich alles einbaut, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Boote, Zweiräder, Gasballone – nichts ist vor ihm und seiner Motorenleidenschaft sicher. Auf Daimlers Konto gehen also nicht nur Riesenschritte der Mobilität auf Erden, sondern auch zu Wasser und zu Luft: 1888 startet etwa eines der ersten Luftschiffe seine Fahrt von Cannstatt nach Aldingen. An Bord, selbstverständlich, ein Daimler-Motor.

Daimler, 1834 als Sohn eines Wirts und Bäckers im baden-württembergischen Schorndorf geboren, ist gelernter Büchsenmacher. Im Elsass arbeitet er einige Jahre in einer Maschinenbaufabrik, bevor er das Fach selbst an der Polytechnischen Schule Stuttgart studiert. 1862 startet er schließlich als Konstrukteur in der Metallwarenfabrik Straub in Geislingen an der Steige – heute besser bekannt unter dem Namen WMF. Nur drei Jahre später tritt er die Leitung der Maschinenfabrik des Reutlinger Bruderhauses an, eine Einrichtung, in der Waisenkinder aus armen Familien eine Ausbildung erhalten. Dort trifft Daimler zum ersten Mal auf den zwölf Jahre jüngeren Wilhelm Maybach, Vollwaise, der im Bruderhaus zum technischen Zeichner und Konstrukteur ausgebildet wird. Eine Begegnung, die das Leben beider Männer prägen wird.

Denn Daimler erkennt Maybachs Talent und schleift ihn anschließend von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle: Anfang der 1870er nimmt er ihn mit nach Köln zur Gasmotoren-Fabrik Deutz, wo Maybach den von Nikolaus Otto entwickelten Verbrennungsmotor mit Fremdzündung zur Serienreife bringt. Nach einem Zerwürfnis mit Otto zieht Daimler weiter und gründet in Cannstadt eine Versuchswerkstatt, um noch schneller laufende Motoren zu entwickeln. Mit im Gepäck: Maybach, den Daimler zu seinem technischen Direktor macht. Nach nur einem Jahr Tüfteln meldet Daimler 1883 das Patent für einen revolutionär verbesserten Einzylinder-Viertaktmotor an, zwei Jahre später folgt ein nochmals optimierter Motor, der als „Standuhr“ in die Technikgeschichte eingeht. Es ist der erste schnellaufende Benzinmotor der Welt, der seinen Namen seinem Aussehen verdankt: Er sieht ein wenig aus wie eine Pendeluhr.

Der groß angelegten Motorisierung steht also nichts mehr im Weg. Das erste Motorrad, das noch auf den Namen „Reitwagen“ hört, bekommt 1885 einen Antrieb mit einem halben PS, das sechs Meter lange Boot „Neckar“ wird ebenfalls mit Motor ausgerüstet. Es folgen Motorkutsche, Straßenbahn und ein erster LKW. Damit auch Käufer auf die neue Technik aufmerksam werden, konstruieren Daimler und Maybach das „Motor-Quadricycle“, das 1889 auf der Weltausstellung in Paris Premiere feiert. Zwischendurch hat Daimler noch einen Gasballon mit Motor ausgestattet, der auf seiner Jungfernfahrt 1888 als mit das erste Luftschiff der Welt gilt. Zudem denkt Daimler auch an die Feuerwehr: Die erste Motorfeuerspritze der Welt geht ebenfalls auf sein Konto. Eine enorme Erleichterung für die Männer, die Brände bekämpfen: Bislang mussten sie ihre Feuerspritzen noch mit Muskelkraft antreiben.

Trotzdem ist 1890 erstmal die Luft raus: Daimlers mittlerweile zur Fabrik aufgerüstete Werkstatt gerät in finanzielle Schieflage. Die Welt ist noch nicht bereit für seine Motoren-Welle, soll heißen: Er verkauft zu wenig Fahrzeuge. Er saniert sich, indem er die Daimler-Motoren-Gesellschaft gründet, an der außer ihm weitere Unternehmer und technische Visionäre beteiligt sind – allen voran: Wilhelm Maybach. 1898 liefert das Unternehmen den „Daimler Phönix“ an den österreichischen Konsul und Geschäftsmann Emil Jellinek aus. Es ist der erste PKW mit Vierzylindermotor, der stolze 24 km/h Höchstgeschwindigkeit erreicht. Jellinek ist so begeistert, dass er in Folge einen Rennwagen bestellt. Wilhelm Maybach entwickelt also unter Daimlers Regie das gewünschte Fahrzeug, das nach der Tochter des Auftragsgebers benannt wird. Der erste Mercedes der Geschichte rollt 1899 aus der Fabrik.

Gottlieb Daimler stirbt ein Jahr später, am 6. März 1900. Im Gegensatz zu Carl Benz, mit dem er einen Patentstreit um die Glührohrzündung ausgefochten hat, erlebt er nicht mehr, wie sein Lebenswerk 1926 mit dem Unternehmen des Konkurrenten zur Daimler-Benz AG fusioniert wird. Wilhelm Maybach macht sich nach dem Ableben seines Förderers selbstständig und gründet mit seinem Sohn die Maybach-Motorenbau GmbH, die zunächst Antriebe für Zeppeline herstellt und danach ins Auto-Luxussegment einsteigt. Erst 1960, 31 Jahre nach Maybachs Tod, schließt sich der Kreis: Daimler und Maybach werden wieder vereint - als Daimler-Benz Maybach übernimmt.

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