Uwe Hochgeschurtz wirkte 35 Jahre in der Autoindustrie, viele Jahre bei Renault und zuletzt als Europa-Chef von Stellantis. Harald Hamprecht war neun Monate lang sein Kommunikationschef bei Opel. Ihm schüttet Hochgeschurtz sein Herz aus: eine Menge Frust über Bürokratie und Batterien.

Fotos: Imago, privat, PR; Lesezeit: 5 Minuten

Wie geht’s, Uwe Hochgeschurtz?
Mir geht es hervorragend, vielen Dank.

Was machst du gerade?
Ich habe Anfang des Jahres mein eigenes Beratungsunternehmen gegründet; es trägt den Namen Leutschen Consulting. Ich arbeite derzeit an mehreren Projekten, die nicht direkt etwas mit der Automobilbranche zu tun haben. Das tut gut – denn es gibt viele spannende Entwicklungen, die zwar nicht mit Autos, aber sehr wohl mit Mobilität zu tun haben. Privat habe ich endlich mehr Zeit, mich um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern: Gesundheit, Familie, Altersvorsorge, Hobbys.

Altersvorsorge? Man könnte denken, du hast längst ausgesorgt.
Das Wichtigste für mich ist, dass meine Kinder eine gute Ausbildung haben und bereits seit einiger Zeit Berufe ausüben, die ihnen Spaß machen. Darüber hinaus habe ich eher einen bescheidenen Lebensstil, so dass meine Altersvorsorge kein finanzielles Problem sein dürfte. Meine Hobbys kosten nicht viel Geld. Und Gesundheit hat auch was mit Verzicht zu tun.

»Wenn man zehn Jahre auf C-Level gearbeitet hat, ist es normal, dass es irgendwann vorbei ist – so wie bei Stellantis. Es gibt da kein böses Blut«

Warum heißt deine neue Firma Leutschen Consulting?
Das ist ganz pragmatisch: Die Leutschen ist ein Weinanbaugebiet direkt am Zürichsee, wo ich wohne und von dem schon seit 1692 behauptet wird, dass es den besten Wein im Großraum Zürich macht. Per Zufall habe ich gesehen, dass die Webdomain noch nicht geschützt war, sodass ich das dann umgehend genutzt habe.

Was sind die spannenden Projekte?
Mit allen meinen Kunden habe ich Vertraulichkeitsabkommen, daher nenne ich deren Namen nicht, aber es sind ein paar namhafte europäische Unternehmen dabei. Die Themen ähneln sich: Es geht fast immer um Umstrukturierung und die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit in Europa. Die massiven Marktanteilsgewinne der asiatischen Unternehmen sind gerade erst in der Anfangsphase.

Was bewegt dich aktuell am meisten?
Die totale Immobilität unserer deutschen und europäischen Politik. Industrie und Handel leiden in fast allen Sektoren unter den hohen Energiepreisen, aber nichts passiert. Im Gegenteil: Wir reißen gerade die letzten Atomkraftwerke ab, während überall sonst neue gebaut werden. Die Bürokratie wächst ins Unermessliche. Alle sagen, sie müsse abgebaut werden. Aber wir beauftragen die Frösche, den Sumpf trocken zu legen.

Wie meinst du das?
Deutschland ist mittlerweile – im europäischen Vergleich – ein armes Land. Das Wirtschaftswachstum stagniert bei null, Tendenz sinkend. Unsere Sozialversicherungssysteme stehen kurz vor dem Kollaps: Immer weniger Beitragszahler müssen immer mehr Leistungsempfänger finanzieren, von denen immer mehr selbst nie etwas eingezahlt haben. Bald werden Länder wie Italien oder Griechenland Deutschland mahnen, die Schuldengrenzen einzuhalten und die Tricks mit „Sondervermögen“ zu beenden.

Wie kann Deutschland gegensteuern?
Wir brauchen eigentlich einen Javier-Milei-Effekt. Jemanden, der in der Lage ist, das System grundlegend zu verbessern. Ich sehe zurzeit keinen deutschen Politiker, der bereit ist, das gleiche Risiko wie der argentinische Präsident einzugehen.

»Du wirst lachen, meine Mobilität besteht fast nur noch aus Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln. In der Schweiz kannst du die Uhr nach der Eisenbahn stellen«

Auf welche Partei setzt du Hoffnung für Deutschland?
Leider auf gar keine mehr, die extremen Ränder sind immer stärker ideologisch orientiert und die schnell schmelzende Mitte ist müde und orientierungslos. Es muss und wird Deutschland noch viel schlechter gehen, bevor die Kraft zur Erneuerung zurückkommt. Insbesondere die demographische Entwicklung, also die schnelle Alterung der Wähler wird den Prozess der Erneuerung über viele Jahrzehnte blockieren. Auch der ausufernde Sozialstaat wird immer mehr Leistungsempfänger generieren, die in Zukunft gar nicht mehr an einer besseren wirtschaftlichen Situation interessiert ist, da deren Leistungen ja sowieso garantiert sind.

Was planst du selbst?
Ich habe mein Unternehmen bewusst in der Schweiz gegründet. Hier gibt es weniger Bürokratie, einen einfacheren Zugang zu Kunden. Und vor allem: eine deutlich höhere Digitalisierung, die die Produktivität enorm steigert.

Sag mal ein konkretes Beispiel, bitte.
Wenn man die Behörden hier anschreibt, dann kriegt man in einer Woche eine präzise Antwort. Wenn man anruft, geht einer ans Telefon. Wenn man die Bahn nimmt, fährt die pünktlich ab. In der Schweiz gibt es kein Beamtentum mehr, es wurde schon 2020 abgeschafft. Den Job machen jetzt öffentliche Angestellte, von denen es proportional sogar weniger gibt als Beamte und öffentliche Angestellte in Deutschland.

Worin bewegst du dich?
Du wirst lachen, meine Mobilität besteht fast nur noch aus Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln. Dazu muss man wissen, dass man in der Schweiz tatsächlich die Uhr nach der Eisenbahn stellen kann. Aber ich habe noch meinen Alfa Romeo Stelvio – eines der besten Autos der Gegenwart. Ganz ohne Auto geht es auch in der Schweiz nicht.

Wo trifft man dich?
Am ehesten in Zürich. Unter der Woche sitze ich allerdings häufig am Schreibtisch. Mit etwas Glück demnächst wieder am Wochenende auf der Skipiste in den Bergen oder auf dem Rennrad rund um den Zürichsee.

»Ich habe mein Unternehmen bewusst in der Schweiz gegründet. Hier gibt es weniger Bürokratie und eine deutlich höhere Digitalisierung«

Was hat sich zuletzt für dich verändert?
Nach 35 Jahren in der Automobilindustrie – in sieben Ländern und unterschiedlichsten Funktionen – habe ich jetzt endlich Zeit, das Gelernte für mich und die Gesellschaft zu nutzen.

Was war dein prägendstes Erlebnis in der Autobranche?
Covid hat mich geprägt wie kein anderes Ereignis. So viel Disruption auf einmal, das erforderte viel Mut. Während andere in dieser Zeit Stabilität suchten, hatte ich mein bestes Jahr als CEO von Renault Deutschland und wechselte dann als CEO zu Opel. Und nur neun Monate später wurde ich zum Europa-COO befördert. Das war ein großer Erfolg – vor allem, weil die finanziellen Ergebnisse in Europa auf einem historisch hohen Niveau lagen. Darauf bin ich stolz.

Worauf bist du noch stolz?
Ich habe mit 17 Jahren als Lehrling angefangen, 30 Jahre bis zum ersten C-Level-Job gebraucht und hatte zehn Jahre später die Verantwortung für einen Konzern mit 67 Milliarden Euro Umsatz.

Was war deine größte Niederlage?
Natürlich gab es Rückschläge, vor allem am Anfang meiner Karriere – aber eine echte Niederlage hatte ich nie. Wenn man zehn Jahre auf C-Level gearbeitet hat, ist es normal, dass es irgendwann vorbei ist – so wie bei Stellantis. Es gibt da kein böses Blut, sondern immer noch guten Kontakt zu vielen Kolleginnen und Kollegen.

Was möchtest du noch erreichen?
Auf Französisch sagt man sérénité – innere Zufriedenheit mit mir selbst und meinem Umfeld.

Und die hast du noch nicht?
Doch. Auf jeden Fall. Und das Leben fühlt sich besser an. Weil man damit konzentrierter arbeiten und ausgeglichener leben kann.

»Mobilität ist Freiheit und Wohlstand. Zwang zum Kollektivtransport ist Gift für unsere freiheitliche Demokratie«

Planst du ein Comeback in der Autoindustrie?
Na klar. Näheres erzähle dir zu gegebener Zeit.

Welchen Tipp gibst du jungen Menschen?
Hart arbeiten, viel lernen und den Gegenüber respektieren – er könnte einmal dein Chef sein. Und wenn du es geschafft hast, gib etwas zurück und unterstütze den Nachwuchs.

Wie gehst du mit Druck und Stress um?
Ich versuche, keinen zusätzlichen Druck zu erzeugen. Ich suche einfache Lösungen, schlafe ausreichend, esse nie unter Stress – und nehme immer die Treppe anstelle des Aufzugs.

Welchen Buchtipp hast du?
Sousmission von Michel Houellebecq. Ein makabres, aber wichtiges Buch, um zu verstehen, dass unsere Freiheit verteidigt werden muss.

Wie möchtest du in Erinnerung bleiben?
Als Verfechter der individuellen Mobilität – am besten emissionsfrei. Mobilität ist Freiheit und Wohlstand. Zwang zum Kollektivtransport ist Gift für unsere freiheitliche Demokratie.

Wie schätzt du die aktuelle Situation der Automobilbranche ein?
Katastrophal. Unsere Regierung tut alles, um die Rahmenbedingungen zu verschlechtern – und holt sich notfalls noch Unterstützung aus Brüssel.

»Covid hat mich geprägt wie kein anderes Ereignis. So viel Disruption auf einmal«

Wie siehst du Deutschlands Rolle im globalen Wettbewerb?
Deutschland hat seinen wirtschaftlichen Niedergang bereits eingeleitet – mit tatkräftiger Hilfe seiner Wähler. Gegenüber Asien sind wir zurückgefallen, und die USA werden uns mit anderen Mitteln abhängen. Wie kann man ein exportabhängiges Land wie Deutschland so sehr mit überhöhten Energiepreisen und ausufernder Bürokratie belasten?

Haben deutsche Hersteller noch eine glorreiche Zukunft?
Die deutschen Hersteller haben das Herzstück der Elektromobilität – die Batterie – längst aus der Hand gegeben. Kein europäischer Autohersteller entwickelt oder produziert mehr eigenständig Batterien; überall sind asiatische Partner beteiligt. Das entspricht rund 40 Prozent der Wertschöpfung eines Autos – und das kommt nicht mehr nach Deutschland zurück.

Wie siehst du die wachsende Bedeutung chinesischer Hersteller?
Chinesische Hersteller haben inzwischen rund fünf Prozent Marktanteil in Europa – doppelt so viel wie im Vorjahr. Sie sind extrem wettbewerbsfähig: Der Strom kostet dort nur ein Viertel unseres Preises, Lieferkettengesetze gibt es nicht. Außerdem sichern sie sich Rohstoffe, indem sie eigene Minen eröffnen. In Deutschland will das niemand – also überlassen wir anderen die Gewinne und die technologische Führerschaft.

Wie beurteilst du das Thema Software im Automobil?
Software eats everything. Wer hier nicht mithält, verliert.

Welchen Rat gibst du den aktuellen CEOs der Autobranche?
Wagt noch viel mehr Innovation! Und stellt Euch den harten Anforderungen an Eure Wettbewerbsfähigkeit. Und die Politik muss endlich klare Entscheidungen treffen: Entweder wir bekommen einen wettbewerbsfähigen Industriestrompreis – idealerweise mit Atomkraft – , die vollständige Streichung des Lieferkettengesetzes, eine Reduzierung von Feier-, Urlaubs- und Krankentagen oder eine Karenzregelung, einen Unternehmenssteuersatz von 25 %, einen Einkommensteuersatz von 25 % bis 100.000 Euro, danach gerne progressiv, sowie die Abschaffung des Bürgergelds.

Oder?
Oder wir müssen die Produktion ins Ausland verlagern. Das wäre zwar das Ende des Automobilstandorts Deutschland, aber vielleicht der Beginn einer neuen, erfolgreichen Ära der deutschen Automobilhersteller … im Ausland.

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Uwe Hochgeschurtz, Jahrgang 1963, begann mit 17 als Lehrling für Groß- und Außenhandel, machte seinen Diplom-Kaufmann auf dem zweiten Bildungsweg. Er führte ab 2016 Renault Deutschland, wurde 2021 CEO von Opel und war von 2022 bis Oktober 2024 Europa-Chef des Autoriesen Stellantis. Anfang 2025 hat Hochgeschurtz ein Beratungsunternehmen in der Schweiz gegründet.

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