Meike Jipp erforscht, wie Menschen sich bewegen. Im Interview mit Birgit Priemer für Turi.Moove Paper.01 erklärt sie, was das Auto mit Kontrolle zu tun hat und wie KI Emissionen reduzieren könnte.

Meike Jipp ist seit August 2023 Bereichsvorstand für Energie und Verkehr des Deutschen Zentrumsfür Luft- und Raumfahrt (DLR). Dort werden neue Technologien er- forscht und entwickelt und deren Integration vorangetrieben.

Foto: Anne Barth, Lesezeit: 7 Minuten

Welche Verkehrsmittel nutzen die Menschen am häufigsten?
Mehr als 50 Prozent der Wege in Deutschland wer- den mit dem Auto zurück- gelegt, meist als Fahrer, oft alleine im Fahrzeug. In der Pandemie nahm die Nutzung von Autos zu, aber seit der Einführung des Deutschlandtickets ist der Anteil der ÖPNV- Nutzer wieder gestiegen. Schaut man sich die insge- samt mit allen Verkehrsmitteln gemachten Wege an, ist interessant, dass Freizeitwege den größten Anteil an den zurückgelegten Strecken ausmachen, gefolgt von Wegen zur Arbeit – ohne Dienstreisen – und Einkaufsfahrten.

Hat Mobilität an sich an Bedeutung gewonnen?
Ja, absolut. Allerdings verbringen wir nicht mehr Zeit mit Mobilität, sondern legen in derselben Zeit mehr Kilometer zurück. Das hat vielerlei Gründe und zeigt vor allem, dass der Wunsch nach Fortbewegung ungebrochen ist. Mobilität dient dazu, zentrale Bedürfnisse effektiv und effizient zu erfüllen. Wichtige Faktoren bei der Wahl des Fortbewegungsmittels sind Zeit, Geld und Komfort. Menschen empfinden oft, dass sie mit dem Auto schneller und bequemer unterwegs sind – auch wenn dies objektiv nicht immer stimmt. Es gibt eine subjektive Wahrnehmung von Kontrolle und Flexibilität, die das Auto attraktiv macht. Beim ÖPNV fehlen diese Kontrollmöglichkeiten oft.

»Menschen empfinden oft, dass sie mit dem Auto schneller und bequemer unterwegs sind – auch wenn dies objektiv nicht immer stimmt«

Was ist nötig, um die Klimaziele im Verkehrssektor zu erreichen?
Die Antriebswende hin zu emissionsfreien Fahrzeugen ist der größte Hebel, den wir haben. Dazu gehören nicht nur Elektrofahrzeuge, sondern auch die Förderung von Wasserstoff und synthetischen Kraftstoffen für die Bereiche, in denen Elektromobilität nicht praktikabel ist. Gleichzeitig müssen wir die Effizienz des gesamten Verkehrssystems verbessern und den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben.

Wie kann der ÖPNV attraktiver werden?
Verlässlichkeit ist das A und O. Menschen erwarten, dass Verkehrsmittel pünktlich sind. Ein flexibles und zuverlässiges System, das nahtlos funktioniert, wäre super. Digitalisierung und Automatisierung sind dabei entscheidend, um Komfort und Effizienz zu steigern. Man braucht im Prinzip eine flächendeckende Lösung, die die Menschen idealerweise vor der Haustür abholt und zum nächsten Verkehrsknoten bringt. Diese Integration verschiedener Verkehrsmittel würde den ÖPNV attraktiver machen.

Wie könnte so eine Integration aussehen?
Eine nahtlose Integration braucht eine hohe Flexibilität und einfache Übergänge zwischen den Verkehrsmitteln. Das kann durch digitale Lösungen unterstützt werden, die den Nutzer durch den gesamten Prozess führen, mit Apps oder anderen digitalen Hilfsmitteln. Zum Beispiel: eine App, die den besten Weg von Tür zu Tür berechnet, dabei verschiedene Verkehrsmittel kombiniert, um die effizienteste Route zu finden, und ihren Nutzer bei der Reise insbesondere an den Knotenpunkten leitet.

Wie steht es um die Beliebtheit des ÖPNV unter jungen Menschen?
Der Pkw-Besitz sinkt nicht. Gerade in ländlichen Gebieten gibt es eine Tendenz zur Mehrfachmotorisierung. Autos bieten Unabhängigkeit, sind in der Nutzung unkompliziert, was sie attraktiv macht. Junge Menschen sind jedoch zunehmend umweltbewusst und nutzen verstärkt den ÖPNV, wenn dieser zuverlässig und attraktiv ist. Wichtig ist, dass der ÖPNV auch in der Kostenstruktur einfach und flexibel bleibt.

Kann unser ÖPNV im internationalen Vergleich mithalten?
Unsere Systeme müssen umgebaut werden, was Zeit und Geld kostet. Länder, die auf der „grünen Wiese“ starten, haben hier Vorteile. Die Herausforderung ist, bestehende Infrastrukturen zu modernisieren und zu digitalisieren. Es gibt viele interessante Ansätze weltweit. In Melbourne ist der ÖPNV innerhalb der Innenstadt kostenlos. Sydney hat ein einfaches Kreditkartensystem für den ÖPNV eingeführt. Solche Systeme machen den ÖPNV sehr attraktiv und einfach zu nutzen.

Was müsste geschehen, um den Anteil von E-Autos zu erhöhen?
Für einen schnelleren Hochlauf können die Haushalte, für die die Investition in Pkw-Tausch eine besonders große Hürde darstellt, gezielt gefördert werden. Die CO2 -Orientierung in der Kraftfahrzeugsteuer kann noch stärker dazu genutzt werden, E-Pkw gegenüber Verbrennern attraktiver zu machen. Entscheidend ist auch der konsequente Ausbau der Ladeinfrastruktur. Vor allem gilt es, die vielen positiven Vorteile der Elektromobilität ganz bewusst und deutlich zu kommunizieren.

Was halten Sie von synthetischen Kraftstoffen?
Diese sind vor allem für Luft- und Schifffahrt sowie den Schwerlastverkehr auf den Straßen notwendig. Der Herstellungsprozess ist energieintensiv, wir haben in Deutschland nicht unbegrenzt viel erneuerbare Energie zur Verfügung. Synthetische Kraftstoffe sind eine wichtige Ergänzung, aber im Pkw-Bereich haben wir mit der Elektromobilität eine effizientere Alternative.

Wie wichtig ist die Förderung von Wasserstoff?
Wasserstoff spielt eine wichtige Rolle, zum Beispiel für die Industrie. Die Infrastruktur dafür muss aber entsprechend ausgebaut werden. Im Pkw-Bereich ist die Elektromobilität schon weiter, doch Wasserstoff kann in bestimmten Bereichen eine sinnvolle Ergänzung dazu sein. Es ist wichtig, verschiedene Technologien parallel zu entwickeln und Potenziale optimal zu nutzen.

Wie beurteilen Sie den Einsatz von KI im Mobilitätssektor?
KI wird eine wichtige Rolle spielen, ist aber kein Allheilmittel. Sie kann uns dabei helfen, intelligente Verkehrssysteme zu entwickeln, die den Verkehrsfluss optimieren und Emissionen reduzieren, und die individualisierte Mobilitätsservices für mobile Menschen zur Verfügung stellen.

Was ist der größte Treiber der Verkehrswende?
Die Digitalisierung. Schnelle Innovationszyklen und effiziente Zulassungsverfahren sind entscheidend, um neue Technologien rasch auf den Markt zu bringen. Die Digitalisierung kann helfen, den gesamten Verkehrssektor zu revolutionieren, indem sie effizientere und vernetztere Lösungen ermöglicht. Dies umfasst alles von autonomem Fahren bis zu smarten Verkehrssystemen, die Echtzeitdaten nutzen, um den Verkehr zu steuern und zu optimieren.

»Autonomes Fahren kann den Verkehr menschzentrierter machen«

Welche Rolle spielt das autonome Fahren in der Zukunft der Mobilität?
Autonomes Fahren hat das Potenzial, den Verkehr insgesamt menschzentrierter und effizienter zu machen. Aber noch sind viele technische und regulatorische Hürden zu überwinden. Besonders im innerstädtischen Bereich ist das Thema komplex. Hier braucht es verlässliche Systeme, die mit allen Verkehrssituationen umgehen können. Auf der Autobahn ist die Umsetzung einfacher und wird wahrscheinlich schneller voranschreiten. Die Kombination aus öffentlichem Personennahverkehr, Kurier-, Express- und Paketlogistik und Automatisierungstechnologien bietet großes Potenzial für Kommunen und Betreiber.