Janis McDavid lebt ein Leben, das auf den ersten Blick unmöglich scheint. Er fährt Auto, durchschwimmt Seen, hält Vorträge in aller Welt. Andrea Weller traf Janis in Berlin, sie sprachen über Mobilität und Selbstbestimmung.

Interview: Von Andrea Weller, Fotos: Holger Talinski; Lesezeit: 14 Minuten

Was bedeutet es für dich, mobil zu sein?
Wenn ich es in einem Begriff zusammenfassen sollte, fällt mir nichts Geringeres ein als das Wort Freiheit. Mobil zu sein, bedeutet für mich vor allem die Überwindung meiner Behinderung. Offiziell heißt es, jemand wie ich, der ohne Arme und Beine geboren wurde, sei mobilitäts-eingeschränkt. Ich versuche, möglichst mobilitäts-uneingeschränkt zu sein.

Wann klappt das besonders gut?
Was recht gut funktioniert, ist die Mobilität im direkten Umkreis von zu Hause, bei der ich nur auf meinen Rollstuhl angewiesen bin. Am allerbesten funktioniert aber mein Auto. Es ist zwar in Zeiten der Klimakrise ein bisschen aus der Mode gekommen, vom Auto zu schwärmen, vor allem vom eigenen. Aber ich komme um mein Auto nicht herum, weil es die einzige Chance für mich ist, einigermaßen gleichberechtigt mobil zu sein, so wie alle anderen es auch sind. Mein Auto ist gelebte Gleichberechtigung.

Was funktioniert weniger gut, wenn du unterwegs bist?
Über meine Erlebnisse mit der Deutschen Bahn könnte ich Bücher schreiben. Was ich da schon alles erlebt habe, ist völlig irre. Grundsätzlich mag ich es ja, mit dem Zug zu reisen: Du hast Zeit, kannst arbeiten oder einfach nur die Landschaft angucken. Als ich noch kein Auto hatte, bin ich oft Bahn gefahren. Aber über die Deutsche Bahn und über die Zustände, die da im Moment herrschen, schimpfen ja gerade viele.

Was ist für Menschen mit Behinderung besonders schwer am Bahnfahren?
Für Menschen mit einer sogenannten Mobilitätseinschränkung oder wenn man mit dem Rollstuhl unterwegs ist, potenzieren sich die Herausforderungen. Es beginnt damit, dass ich Bahn-Fahrten mindestens 24 Stunden vorher anmelden muss. Denn ich kann nicht allein in den Zug ein- oder aussteigen. Kaum vorstellbar, was alles auf so einer Reise schiefgehen kann, wenn man abhängig von Mitarbeiter*innen der Bahn ist, die einem in den Zug rein- und wieder raushelfen sollen. Ich musste mehrmals schon eine oder mehrere Haltestellen weiterfahren als geplant, weil man mich einfach im Zug vergessen hatte.

»Offiziell heißt es, jemand wie ich, der ohne Arme und Beine geboren wurde, sei mobilitäts-eingeschränkt. Ich versuche, möglichst mobilitäts-uneingeschränkt zu sein«

Und was ist mit Fliegen?
Fliegen geht interessanterweise fast sogar besser als Bahnfahren, wenn auch nicht hundertprozentig perfekt. Ich habe den Vorteil, dass mir Beinfreiheit egal sein kann. Das heißt, egal wie eng die Sitze montiert sind, gerade in den Billig-Airlines – ich kann nur darüber lachen. Meinen Rollstuhl auf Flugreisen mitzunehmen, ist jedoch immer auch ein gewisses Risiko. Es ist komplizierter geworden, seit in Flugzeugen mal Smartphones explodiert sind. Seitdem sind die Airlines alarmiert, wenn es um Batterien geht. Vor einer Flugreise muss ich bestimmt zehnmal die Frage beantworten, ob das Lithium-Batterien in meinem Rollstuhl sind. Doch ich fahre mit einer ganz anderen Batterietechnologie.

Du warst kürzlich in Japan im Urlaub – wie klappt es dort mit der Mobilität?
In Japan und speziell Tokio funktioniert mehr oder weniger alles besser. Ein Beispiel: In jeder U-Bahn-Station gibt es Toiletten, auch barrierefreie, und die sind immer sauber. Das sind diese typischen japanischen Hightech-Toiletten. Es war spannend, ein Land zu erleben, in dem an alles gedacht wird, was Unterwegssein angenehm und komfortabel macht.

Wie waren deine Mobilitätserfahrungen als Kind?
Für die meisten Kinder gilt quasi automatisch: Je älter sie werden, desto mehr Freiheiten haben sie in ihrer Mobilität. Irgendwann lernen Kinder laufen, machen die erste Busfahrt, vielleicht mit dem Schulbus. Später haben sie dann vielleicht einen eigenen Roller, ein Fahrrad, dann ein Motorrad, ein Auto und so weiter. Für mich war Mobilität hingegen immer etwas Besonderes. Ich habe meinen ersten Elektro-Rollstuhl mit 19 Monaten bekommen. Da schlagen viele die Hände über dem Kopf zusammen – übrigens auch die Krankenkassen, die für die Finanzierung von Rollstühlen zuständig sind. Ich habe mir sagen lassen, die offizielle Empfehlung von Krankenkassen für Elektro-Rollstühle für Kinder sei ein Alter von drei Jahren. Viel zu spät. Denn wann lernen Kinder ohne Behinderung das Laufen? Eben. Mein Rollstuhl ist für mich das, was für andere ihre Beine sind.

Wie oft wirst du angestarrt, wenn du draußen unterwegs bist?
Anstarren ist etwas, was mich schon immer betrifft. Sobald ich die Haustüre aufmache, stehe ich in gewisser Weise unter Beobachtung. Weitaus stärker als bei anderen. Früher hat mich das total gestresst, doch ich habe mir schon sehr früh eine Art Tunnelblick angeeignet. Heute nehme ich solche Blicke kaum noch wahr. Ich merke es immer nur dann, wenn ich mit Freunden in der Stadt unterwegs bin, die dann sagen: „Boah, der hat uns aber angeglotzt.“ Gleichzeitig habe ich mir in den letzten Jahren einen anderen Umgang damit angeeignet.

»Selbst an Tagen, an denen es mir nicht so gut geht, hat das nie etwas mit meinen Armen und Beinen zu tun. Sondern eher damit, dass mir irgendwas nicht gelungen ist«

Inwiefern?
Ich kann damit bis zu einem gewissen Grad spielen, indem ich zum Bespiel grelle oder auffällige Outfits wähle. Dahinter steht ein Gedanke, der ein bisschen rebellisch ist: „Ihr glotzt mich an, aber ich entscheide, weshalb.“ Wenn Blicke kommen, weil ich im Rollstuhl sitze, dann hat das immer auch etwas Behindertenfeindliches. Als Jugendlicher habe ich mir dann die Frage gestellt: Wer wird noch so angeglotzt? Superstars! Wenn Lady Gaga hier durch Berlin laufen würde, würde sie auch angeschaut werden. Daraufhin habe ich das Thema für mich umdefiniert: Ich fühle mich einfach als Star. Das hat es mir leichter gemacht, damit umzugehen. Heute finde ich es spannend, gesellschaftliche Erwartungen auf die Spitze zu treiben oder auszutesten.

Wie wichtig ist dein Äußeres für dich?
Speziell meine Frisur ist natürlich ein ganz heißes Thema. Die ist quasi existenziell für mich. Ich habe da ein bisschen einen Hau, daran kann ich nichts ändern. Gleichzeitig trage ich ständig Basecaps, davon habe ich jede Menge. Das ist der Witz an der Geschichte. Denn die ruinieren wiederum jede Frisur. Mein Leben lässt sich eigentlich nur dadurch beschreiben, dass es viele paradoxe Situationen und Zustände gibt. Ich glaube, anders kann man sich mir gar nicht nähern oder mich beschreiben.

Wir treffen uns hier in deinem Berliner Zuhause. Wie lebst du?
Ich lebe in drei verschiedenen Wohnungen. Die erste ist meine Wohnung in Bochum. Hier in Berlin wohne ich mit drei Freunden zusammen in dieser sehr coolen Altbauwohnung. Und die dritte Wohnung ist mein Auto. Das ist zwar kein Wohnmobil, aber ich lebe bei meinen Vortragsreisen häufig aus dem Auto, aus dem Koffer heraus. Ich nehme nicht immer alles mit ins Hotel. Das ist für mich viel zu unpraktisch.

Ein normaler Tag in deiner WG in Berlin, wie läuft der ab?
Gibt es überhaupt normale Tage in meinem Leben? Damit fängt es ja schon an. Meine Tage sind geprägt von dem, was gerade ansteht. Es kann sein, dass ich einen Vortrag habe, dann bin ich vielleicht gar nicht zu Hause oder mache mich auf den Weg, muss vorher noch Sachen packen. Und dann geht es auf die Autobahn. Oder ich bin in einem Hotel, organisiere mich dort und bereite mich für die Bühne vor. Das ist dann etwas völlig anderes, als wenn es ein Tag ist, an dem mein Schwimmtraining im Vordergrund steht.

»Wer wird noch so angeglotzt wie ich? Superstars! Wenn Lady Gaga hier durch Berlin laufen würde, würde sie auch angeschaut werden. Ich fühle mich also einfach als Star«

Wie sieht an so einem Tag mit Schwimmtraining – wie es auf Instagram immer so schön heißt – deine Morgen-Routine aus?
Der Wecker klingelt um 6:20 Uhr. Dann startet mein Express-Morgen: anziehen, Equipment checken, ein schnelles Müsli reinpfeifen, Zähne putzen, ab ins Auto und los zum Schwimmbad, umziehen, aufwärmen, Schwimmtraining – das geht alles im Akkord und läuft bei mir mittlerweile effizient wie ein Uhrwerk. Meistens bin ich gegen 10 Uhr wieder zu Hause. Dann gibt es ein zweites Frühstück. Meine ersten Termine lege ich mir auf 11 Uhr. Zwischen 11 und ungefähr 15 Uhr arbeite ich: erledige Bürokram, führe Interviews und so weiter. Gleichzeitig fange ich auch schon wieder mit Warm-Up-Übungen an und esse etwas, um dann zum zweiten Schwimmtraining zu fahren.

Du gehst gleich zweimal am Tag zum Schwimmtraining?
Ja, wenn es meine Termine erlauben – und dafür sorge ich zunehmend – gehe ich zweimal am Tag trainieren. Das funktioniert aber nur, wenn es eine gute Vorbereitung gibt und meine Managerin Kirstin im Hintergrund alles regelt.

Du bist Botschafter der Stiftung „Deutschland Schwimmt“, hast Wettkämpfe gewonnen, Rekorde erzielt. Glückwunsch übrigens noch an dieser Stelle: Du bist ja unlängst zweieinhalb Kilometer quer durch den Starnberger See geschwommen.
Danke! Ich habe mich dazu entschieden, diesen Sport ernsthaft zu betreiben. Und ich entdecke für mich, dass es mir zunehmend Spaß macht. Gleichzeitig ist es eine große Herausforderung. Mein Business steht seitdem auch auf dem Kopf. Zu allen anderen Orga-Themen, die bei meinen Vortragsreisen anfallen, schauen wir jetzt zusätzlich: Wo ist das nächste Schwimmbad?

Wer dir auf Social Media folgt, hat den Eindruck, dass du Herausforderungen suchst. Richtig?
Ja, ich mag es, mich Herausforderungen zu stellen. Aber ich mag es auch, mit dem, was ich tue, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Im Sinne von: „Hey, schaut mal, was eben doch alles möglich ist“. Deswegen mache ich so verrückte Dinge, wie zum Beispiel eine Rennlizenz zu erwerben. Das war eines meiner großen Projekte, damals gemeinsam mit Paravan, einem Unternehmen für behindertengerechte Fahrzeugumbauten. Paravan – und vor allem dessen Gründer, Roland Arnold – hat dabei immer an mich geglaubt. Skeptisch und zunächst nicht gerade zuversichtlich war man jedoch bei der Stelle, die die Lizenzen vergibt und die Lehrgänge anbietet. Am Ende habe ich es jedoch geschafft, alle zu überzeugen – und ich habe die Rennlizenz gemacht. Mein Wille lässt sich nicht durch Skepsis aufhalten.

»Ich habe meine Situation mittlerweile zu einem Geschäftsmodell gemacht. Es reicht nicht aus, keine Arme und Beine zu haben, aber es ist für mich ein Geschenk, auf das ich intellektuell aufbauen kann«

Trotzdem die Frage: Wie ist das Leben für dich ohne Arme und Beine?
Eigentlich kann ich die Frage nicht beantworten. Ich weiß ja auch nicht, wie es mit Armen und Beinen ist. Aber ganz ehrlich: Ich finde es ziemlich geil, keine Arme und Beine zu haben! Das behaupte ich nicht nur einfach so, sondern das bestimmt mein Leben: Ich glaube es zutiefst, ich fühle es und ich lebe exakt danach.

Was heißt das konkret?
Mittlerweile bin ich an dem Punkt, dass ich sagen kann und muss: Es ist genial, dass ich bin, wie ich bin! Ich darf ein sehr außergewöhnliches Leben leben, das in vielen Punkten so komplett anders ist. Ein Leben, das mir eine große Kreativität abverlangt und sie mir gleichzeitig schenkt: eine Lösungsfindungskreativität. Ich wäre heute nicht da, wo ich bin, wenn ich ständig das Problem fokussiert und mich daran aufgehängt hätte, wenn ich mich bedauert oder nach Schuldigen gesucht hätte. Schuldige finden zu wollen ist Gift für jede Fehlerkultur, Bedauern lähmt. Ich bin heute da, wo ich bin, weil ich Lösungen finden musste – ganz pragmatisch. Mein Leben ist von pragmatischem Optimismus geprägt.

Die Redensart „es gibt Türen, die nur die Krankheit öffnet“ trifft also auf dich zu?
Ja – und gleichzeitig habe ich meine Situation mittlerweile auch zu einem Geschäftsmodell gemacht. Klar, es reicht nicht aus, nur keine Arme und Beine zu haben, aber es ist für mich ein Geschenk, auf das ich intellektuell aufbauen kann.

Ganz schön entwaffnend.
Die Leute fragen mich oft, ob ich auch da wäre, wo ich jetzt bin, wenn ich Arme und Beine hätte. Nein, natürlich nicht. Um Gottes Willen, da wäre ich ganz woanders. Vielleicht würde ich in Tokio leben, oder in Windhoek Hühner züchten, ich weiß es nicht. Aber natürlich gehört auch bei mir beides zusammen: Das Geschenk, keine Arme zu haben – und der Intellekt, es als Geschenk wahrzunehmen. Natürlich erzähle ich meine Geschichte und nutze sie – nicht, um Mitleid zu erzeugen. Sondern weil sie Unternehmen etwas bringt. Es geht darum, aus meinen Erfahrungen Impulse für Führung, Veränderungsprozesse und Motivation zu ziehen. Wenn ich zeige, wie ich mit Herausforderungen umgehe, dann steckt darin auch für Mitarbeiter*innen und Führungskräfte ein echter Mehrwert: die Erkenntnis, dass wir alle viel mehr erreichen können, wenn wir mutig sind und Dinge neu denken. Ich habe trotz größter Wasserängste Schwimmen gelernt und Medaillen bei den Deutschen Meisterschaften errungen: von der Angst zum Sieger – darüber spreche ich.

Was vermittelst du nach außen?
Als jemand, der das große Privileg hat, eine öffentlich gehörte Stimme zu haben, will ich Verantwortung übernehmen. Deshalb würde ich nie sagen: „Ich finde meine Behinderung schrecklich“ oder „Ich wäre lieber nicht behindert“ – was soll eine solche Botschaft Kindern, Jugendlichen oder auch Mitarbeitenden in Unternehmen geben? Meine Botschaft ist simpel: Zieh deine Selbstwertschätzung aus dir selbst. Nicht aus Mitleid, nicht aus Vergleichen und schon gar nicht aus Jammern – das bringt uns am Ende keinen Schritt weiter. Entscheidend ist, die eigene Stärke zu sehen und daraus Motivation zu ziehen. Wenn wir uns auf unsere Stärken konzentrieren, statt auf das, was angeblich nicht geht, entsteht echte Energie für Veränderung.

Was ist in Bezug auf Barrieren dein größter Wunsch?
Ich wünsche mir, dass wir endlich anfangen, Dinge wirklich bis zum Ende zu denken – und zwar mit allen Menschen im Blick. Egal, ob es um Mobilität geht, um Digitalisierung, das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt oder politische Teilhabe: wir planen oft immer noch so, dass viele Lösungen nur für einen kleinen Kreis funktionieren.

»Ich darf ein außergewöhnliches Leben leben, das in vielen Punkten komplett anders ist. Ein Leben, das mir eine große Kreativität abverlangt und sie mir gleichzeitig schenkt«

Wie müsste es stattdessen sein?
Das Verrückte ist: Die größten Barrieren stehen gar nicht auf der Straße, sondern in unseren Köpfen. Wir haben bestimmte Bilder davon, wie jemand sein „muss“, damit er dazugehört – und alles, was davon abweicht, fällt hinten runter. Genau da müssen wir ran. Darum habe ich auch mein aktuelles Buch All Inclusive“ geschrieben: Ich möchte zeigen, dass Inklusion nicht nur ein „nice-to-have“ ist, sondern ein echter Erfolgsfaktor für unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt. Wir denken in vielen gesellschaftlichen Bereichen viel zu exklusiv.

Was meinst du damit?
Ein Bekannter von mir hat das einmal so auf den Punkt gebracht: Wir haben eine Welt gebaut, für Menschen, vor allem für Männer, auf dem Höhepunkt ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit. Was ich mir stattdessen wünschen würde, ist eine Welt, in der wir darüber nachdenken, welche Vielfalt es in unserer Gesellschaft gibt. Denn es hat ganz konkrete und gravierende Auswirkungen, dass wir bestimmte Menschen bei unseren Planungen nicht mit involvieren.

Welche persönlichen Ziele hast du?
Die Themen Unabhängigkeit und Freiheit durchzuziehen, durch mein ganzes Leben. Alles, was ich je getan habe, stand immer unter dieser einen Headline: „Wie kann ich noch unabhängiger werden?“ Dadurch bin ich zum Auto gekommen, zum Rollstuhl, zu meinem Smartphone, zur Smart-Home-Technologie, zu guten Freunden und anderen Menschen, die mir helfen und mich auf meinem Weg begleiten. Das sind die kleinen und großen Tricks, die ich mir angeeignet habe, um selbstständiger zu werden. Ansonsten habe ich große Ambitionen beim Schwimmen. Wo die mich genau hinbringen werden, weiß ich im Moment nicht. Mich bei internationalen Wettkämpfen zeigen zu können, das wäre schon was.

Womit hast du angefangen, Geld zu verdienen: Vorträge, Bücher, Kooperationen, oder deiner Präsenz in Social Media?
Mit Vorträgen. Das ist paradox, denn ich hatte immer Angst davor, vor Menschen zu sprechen. Darüber hinaus denke ich auch über Kooperationen mit Unternehmen nach, aber das ist schwieriger als gedacht. Ich habe einen Marketing- und Strategieberater, der mir vor kurzem gesagt hat, dass es andere mit meiner öffentlichen Reichweite und Bekanntheit, viel leichter hätten, an Kooperationen, Sponsorings und Markenbotschafter-Tätigkeiten zu kommen. Und das gilt nicht nur für Sportler, das gilt auch für Personen des öffentlichen oder medialen Lebens. Wo sich mir an anderer Stelle häufig Türen öffnen, sind sie an dieser Stelle für mich, Stand jetzt, oftmals verschlossen. Aber meine Managerin, meine Berater und ich arbeiten weiter an Möglichkeiten, sie zu öffnen.

»»Meine Frisur ist quasi existenziell für mich, ich habe da ein bisschen einen Hau. Gleichzeitig trage ich ständig Basecaps, das ist der Witz an der Geschichte: denn die ruinieren jede Frisur«

Ist das, was du machst, dein Traumberuf, oder wärst du gerne was ganz anderes?
Ich bin nicht nur zufrieden, ich bin überglücklich damit, die Möglichkeit zu haben, diesem Beruf nachzugehen, weil ich dadurch natürlich schon in einer sehr guten Position bin. Ich spreche zwar auch über Politik, doch ich weiß nicht, ob ich selbst in die Politik gehen würde. Ich funktioniere sehr gut in freiberuflichen, selbstständigen Strukturen. Mein Beruf schenkt mir Aufmerksamkeit – ein Geschenk, das zugleich Verantwortung bedeutet. Denn es gibt mir die Chance, meine Botschaften in die Welt zu tragen und so Veränderung anzustoßen.

Welche Art von Content funktioniert in den sozialen Medien gut bei Dir?
Persönlicher Content funktioniert am besten, wenn ich aus meiner Sichtweise erzähle, anstatt mich hinzustellen und zu sagen: Inklusion funktioniert in fünf Schritten, erstens, zweitens, drittens, viertens, fünftens. Solche Posts finde ich selber langweilig. Im Grunde genommen ist das die beste Frage, die man sich stellen kann: Was würde mich selbst interessieren? Interessiert mich irgendein über künstliche Intelligenz generierter Text bei LinkedIn? Da höre ich nach dem zweiten Satz auf zu lesen. Ich finde spannend, wenn Menschen über sich erzählen. Wie sie ihr Leben meistern, wie sie in ihrem Alltag unterwegs sind, was sie beschäftigt, auch politisch. Und sich nicht mit anderen vergleichen.

Kommen wir nochmal zum Thema Mobilität: Können wir guten Gewissens weiterhin jede Form der Mobilität ausleben, wie wir es aktuell tun?
Eindeutig nein.

Welche Mobilitätsformen werden verschwinden, welche werden bleiben?
Wir machen in der Mobilitätswende den Fehler, dass wir sie entweder klimagerecht denken und umsetzen – oder sozial, im Sinne von: Alle Menschen werden mitgedacht. Aber wir müssen die Mobilitätswende umweltverträglich und sozial denken, damit wir die größtmögliche Akzeptanz bei den Menschen erzielen. Deshalb sind für mich Schadstoffschleudern mit viel PS genauso ein Auslaufmodell wie mit grünem Ökostrom betriebene Züge, in die aber nicht alle Menschen hineinkommen. E-Autos, Lastenräder und E-Scooter können nur der Anfang sein, wenn gleichzeitig Ladesäulen nicht barrierefrei sind, ich zum Beispiel gar nicht Fahrrad fahren kann und mein Rollstuhl gesetzlich auf sechs km/h gedrosselt ist. Mobilität ist so viel mehr als die Wahl des Verkehrsmittels. Mobilität hat eine psychische, eine soziale, eine soziologische, eine ökonomische, eine politische und eine existenzielle Dimension.

Welche Herausforderungen hat die Automobilbranche dabei zu bewältigen?
In vielen Köpfen ist noch gar nicht angekommen, wie gravierend die Lage ist. Es gibt die Umweltdebatte, verknüpft mit der sozialen Frage und der Frage der Digitalisierung: Was ist es, was die Menschen in der Gegenwart und Zukunft benötigen? Wie bleiben wir alle mobil – auch im Kopf? Wie schaffen wir es, Mobilität sozial gerecht, umweltverträglich, flexibel, intelligent und für alle nutzbar zu organisieren? All diese Fragen prasseln im Moment auf eine Branche ein, die es über Jahrzehnte hinweg leicht hatte und enorm viel Geld verdient hat. Inzwischen ist Autofahren auch eine Form der Exklusivität: Man muss sich das leisten können.

»Ich mag es, mit dem, was ich tue, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Im Sinne von: Hey, schaut mal, was eben doch alles möglich ist«

Was bedeutet Autofahren für dich?
Für mich ist das Autofahren ein großes Privileg – und gleichzeitig ein Dilemma. Ich weiß, dass es für viele Menschen schlicht zu teuer ist und zusätzlich eine Umweltbelastung darstellt. Aber: Mir bleiben fast alle anderen Mobilitätsformen verschlossen. Es gibt in Deutschland kaum barrierefreie Taxen, Züge sind in weiten Teilen nicht nutzbar, und Bus oder Straßenbahn bringen noch einmal ganz andere Hürden mit sich. Deshalb ist mein Auto für mich nicht Luxus, sondern die einzige Chance auf echte Teilhabe und Selbstbestimmung. Genau hier liegt die eigentliche Frage: Wie schaffen wir eine Mobilität, die intelligenter ist? Eine Mobilität, die für alle zugänglich ist, die die Umwelt schont und gleichzeitig energetisch machbar bleibt. Wenn wir Mobilität so denken, dann ist sie nicht nur Fortbewegung – sondern ein Stück Freiheit und Gleichberechtigung.

Schlussfrage: Gibt es Mobilitäts-Vorbilder für dich?
Nein. Ich glaube, dass niemand das Perfekte bereits umgesetzt hat. Die Konzepte, wie umweltfreundliche Autos aussehen können, liegen vor. Genauso Konzepte, wie umweltverträgliche und barrierefreie Züge gebaut werden können. Doch wir führen immer die falschen Debatten. Wir diskutieren darüber, ob das nicht alles viel zu teuer sei. Das ist kurzfristig vielleicht der Fall. Kurzfristig müssen wir investieren. Aber langfristig ist ja die Frage, ist es dann wirklich teurer? Oder ist nicht eine umweltverträgliche, gerechte, für alle zugängliche Mobilität langfristig die günstigere Variante?

Janis McDavid ist Speaker, Autor und Influencer mit mehr als 110.000 Followern auf TikTok und Instagram. McDavid wird 1991 ohne Arme und Beine in Hamburg geboren, wächst im Ruhrpott auf. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler hält regelmäßig Vorträge auf internationalen Bühnen, hat bereits 47 Länder bereist und vor insgesamt über 70.000 Menschen weltweit gesprochen. In seinem aktuellen Buch „All Inclusive – Wie wir Job und Alltag barrierefrei machen“ zeigt er, wie echte Teilhabe im Berufs- und Alltagsleben gelingen kann. Janis McDavid ist Markenbotschafter, unter anderem für Mercedes-Benz und Paravan, einem Anbieter für barrierefreie Mobilitätslösungen.