Smudo, das ist der eine von den Fantastischen Vier. Und der eine Promi im Renn-Team Four Motors. Aber am Steuer des Porsche 911 beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring sitzt Michael Bernd Schmidt ganz alleine.

Text: Jens Dralle, Fotos: Stefan Baldauf, Lesezeit: 7 Minuten

Die Schuhe, ausgerechnet. Keine hippen Sneaker oder gar Gummischlappen, wie er sie im Video zu „Le Smou“ von 1999 zur Zwangsjacke trägt, als er rappend träumt, Howard Carpendale zu sein. Nein, es sind seine Rennschuhe, die das Rennen für Smudo beinahe beenden, bevor es überhaupt angefangen hat. Schmal geschnitten, aus feuerhemmendem Material. Bei kühlen Außentemperaturen frieren die Füße darin, bei hohen wird es wohlig warm.

Auch die Socken müssen aus feuerhemmendem Material bestehen, überhaupt die gesamte Renn-Klamotte. Und alles muss der FIA-Norm 8856-2018 entsprechen und in einwandfreiem Zustand sein. Genau das überprüfen Sport-Kommissare in Box 1 und 2 am Nürburgring. Wie jedes Jahr zum 24-Stunden-Rennen, auch 2025. Smudo, mit bürgerlichem Namen Michael Bernd Schmidt, nimmt die allerletzte Möglichkeit wahr, seine Ausrüstung checken und sich wiegen zu lassen – für Freizeit-Rennfahrer im Vergleich zu den Profis mit ihren Jockey-Staturen eine eher erniedrigende Prozedur.

Smudos Schuhe fallen durch, der Offizielle behält sie bis zum Rennende ein.

Immer locker bleiben, sag' ich, immer locker bleiben – »Locker bleiben«, Album: Lauschgift, 1995 

Der Rapper ist nicht der erste und wird nicht der letzte sein, dem das passiert. Er läuft sofort zu einem der Verkaufstrucks im Fahrerlager, kauft das erstbeste Paar, es bekommt den Segen der Prüfer.
„Hinterher ist immer als cool“, wird Smudo später sagen. Doch allmählich steigt selbst in ihm die Anspannung.

Seit 1989 tobt Smudo mit einer unverschämt natürlichen, völlig Allüren-freien Coolness erst über die kleinen, dann über die ganz großen Bühnen, gemeinsam mit Thomas D, Michi Beck und And.Ypsilon. Dann ist er einer von den Fantastischen Vier. Hier ist er alleine der Star.

Alleine beginnt auch seine Karriere im Motorsport: zuhause am Computer. 1999 erwirbt er dann eine Rennlizenz International C, 2000 sitzt er das erste Mal im Cockpit, im VW Beetle Cup, seiner Prominenz sei Dank. Doch auch dann bist du allein, musst liefern, das Auto heil lassen. Und Smudo liefert. Bis heute. Seit 2003 beim Team Four Motors des Ex-DTM-Piloten Thomas von Löwis of Menar, den er beim Beetle Cup kennen lernt.

Dann mach doch mal. Es ist nun mal leider schwer, doch jeder würd´ es machen wenn es einfach wär – »Dann mach doch mal«, Album: Für Dich immer noch Fanta Sie, 2010

Heute jedoch fährt Smudo einen Porsche 911 GT3 Cup, Generation 992. Dessen Vierliter-Saugmotor leistet 510 PS, läuft mit einem Kraftstoff, der zu 60 Prozent aus biogenen Grundstoffen besteht. Motor- und Getriebeöl sind reraffiniert, Türen, Heckflügel und Frontlippe aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt.

Smudo tigert unruhig in der Box des Teams umher, er wartet auf die ersten Runden auf der Strecke. Es gilt, in diversen Qualifikationsläufen eine bestimmte Rundenanzahl zu sammeln, um überhaupt am Rennen teilnehmen zu können.

Smudo weiß, dass das hier harte Arbeit sein wird. Hohe Temperaturen, eine knapp 25 Kilometer lange Strecke, vier Fünftel davon auf der Nordschleife, die keine Fehler verzeiht: Asphalt, ein bisschen Grünstreifen, Leitplanke, Wald. Auslaufzonen? Nur auf dem Formel-1-tauglichen Grand Prix-Teil. Deshalb reicht inzwischen nicht mehr eine Rennlizenz alleine, die Fahrer benötigen eine so genannte Nordschleifen-Permit.

Selbst ein amtierender Formel 1-Weltmeister müsste sie erst erwerben, wollte er hier mitfahren. Durch Leistung, nicht durch Geld. Smudo hat die Permit. Er zieht sich den Helm auf. Seine beiden Team-Kollegen und die eine Team-Kollegin sind bereits durch, zumindest vor den obligatorischen Runden in der Dunkelheit am Abend. Auch die muss jeder Fahrer vorweisen können, bevor es losgeht.

Genau im magischen Moment, bevor der Wagen sich aushängt, bevor Pupillen sich verengen wie auf Medikament  – »Danke«, Album: Für Dich immer noch Fanta Sie, 2010

Selbst Profis reden mit großem Respekt vom Motorsport auf dem Nürburgring, von der Strecke, der Veranstaltung. Und der Stimmung. Am Ende will der Veranstalter 286.000 Fans gezählt haben. Smudo wird sie da draußen wahrnehmen, es geht nicht anders. Zugleich hadert er aber mit dem Auto, bei seinem Renningenieur Sean klagt er übers Untersteuern.

Das Linksbremsen muss er nach einer Knie-OP üben. Und: „Ein bisschen mehr Cardio-Training hätte ich schon machen sollen“, gibt Smudo zu. Andererseits: Bühnentraining. Seit nunmehr 36 Jahren. Eine gewisse Grundkondition sollte vorhanden sein. Das Linksbremsen klappt. Und das Untersteuern verkrümelt sich, als die Mechaniker die Stellung des Heckflügels von sechs auf vier zurücknehmen, was den Abtrieb am Heck reduziert, an der Vorderachse jedoch erhöht. Sean lobt Smudo für seine Präzision und Konstanz im Auto. Und für seine Ruhe: „Er kommuniziert über Funk ganz ruhig. Viel andere Fahrer schreien sofort wegen irgendwelcher Kleinigkeiten.“

Diese unverschämte, natürliche Coolness. Smudo verliert sie nur selten, wirkt dann besonders in sich gekehrt, will offensichtlich in Ruhe gelassen werden. Verständlich.

Samstag, Startaufstellung. Dichtes Menschengedränge, die Fans dürfen Autos und Fahrer aus der Nähe sehen, die Lufttemperatur nähert sich der 30-Grad-Marke. Spätestens jetzt fragt sich sogar der eine oder andere Profi, ob es nicht schöner wäre, das Rennen vom Wohnzimmer-Sofa aus zu verfolgen. 134 Starter, nur 88 werden die Zielflagge sehen.

Unterdessen vergessen die Herren von Presse, ich hab‘ kein Interesse am Gespräch während ich esse  – »Locker bleiben«, Album: Lauschgift, 1995

Smudo macht Selfies mit seinen Fans. Er erfüllt jeden Foto-Wunsch, knipst meistens einfach selbst: „Ich weiß halt, wie das am besten geht“. Selbst die fünf Burschen mit Strohhüten, die offenbar nicht nur Mineralwasser getrunken haben, positioniert er ganz entspannt so, dass sie alle aufs Bild passen. „Meine Popularität hat mit der Zeit zugenommen, ja. Und das ist schön. Wirklich. Manchmal aber auch anstrengend“, sagt Smudo.

Smudo, 57 Jahre alt, hört nicht auf. Weder mit der Musik, noch mit dem Rennfahren. Aber manchmal gibt es einen ungeplanten Zwischenstopp.

Das Rennen startet um 16 Uhr, Smudo soll um 17:30 Uhr den Porsche übernehmen. „In der Nacht fahren, das ist nicht so meins“, gibt er zu. Er versucht, drumherum zu kommen. Teams können das planen, es gibt viele Fahrer, die sich in der Nacht nicht wohlfühlen auf der Strecke. „Die hellen Lichter im Rückspiegel, die Lichteffekte von den Fans an der Strecke, das kann ganz schön irritieren“, sagt Smudo.

Doch heute ist der längste Tag, es wird schon alles passen. Smudo steigt wie geplant in den Porsche. Doch nach einer Runde ist alles vorbei, rote Flaggen signalisieren Rennabbruch. Zwei Stunden lang geht nichts. Stromausfall. Offenbar hat irgendwo ein FI-Schalter aufgegeben.

Auf dem Nürburgring vergeht praktisch kein Jahr, in dem nicht irgendwas dazwischenkommt. Meistens das Wetter. Also verschieben sich alle Einsatzpläne. Und knapp zwei Stunden später Hektik einkehrt, weil das Rennen gleich starten soll, fehlt einer – Smudo.

Es ist ja nich’ so als wär’s uns egal, aber aufhör’n, was war das nochmal?  – »Aufhören«, Album: Long Player, 2024

Weil er gerade auf dem langen Weg zwischen Ruheraum und Box Selfie-Wünsche von Fans erfüllt. Nun muss er doch in die Nacht reinfahren. Er fügt sich der Team-Strategie. „Gefahren wird, was auf den Tisch kommt“, sagt er. Und muss zugeben, dass in Dämmerung und Dunkelheit da draußen schon eine besondere Stimmung herrscht. Ein wenig Genuss durchbricht doch die Anspannung.

Es gab eine Phase, da war er sich nicht sicher, ob er die Rennfahrerei wirklich braucht in seinem Leben. „Aber ich fühle mich dabei lebendig und sorgenfrei, ähnlich wie bei meinem zweiten Hobby, der Fliegerei“, sagt Smudo, „das hat auch was Archaisches.“ Letztlich sei das auch mit der Band so: „Da werden wir noch zusätzlich bejubelt und bezahlt. Wenn du so willst, ist das eine Art mentaler Dreiklang“, erklärt Smudo. Bühne, Rennen, Fliegen.

Er muss am Sonntagvormittag wieder ran, als die Hitze schon früh drückt. Um neun Uhr übernimmt er den Elfer, fährt raus. Er wird lange am Steuer sitzen, denn Smudo fühlt sich wohl, will einen Doppelstint fahren. Das bedeutet: Er kommt nur zum Tanken und Reifen-, nicht aber zum Fahrerwechsel an die Box. Eine bemerkenswerte Leistung bei der Hitze, denn die Rennklamotte (FIA-Norm 8856-2018) ist im Gegensatz zu anderer Sportbekleidung eher atmungspassiv. Eine gute Vorbereitung darauf ist die Korbsauna, die auf der Terrasse von Smudos Haus in Hamburg steht und die er fast täglich nutzt.

Als dann doch der Fahrerwechsel ansteht – länger als drei Stunden darf laut Reglement kein Fahrer am Steuer sitzen – steigt Smudo zu gleichen Teilen erschöpft und euphorisiert aus dem Porsche, redet wie ein Wasserfall, erzählt vom Verkehr auf der Strecke, den Fans, hadert mit einer so genannten Code-60-Phase, in der er abbremsen musste. Er räumt ein, dass es ihn geschafft hat: „Die letzten zwei Runden waren harte Arbeit. Ich bin daher nur 80 Prozent gefahren, um Reserven zu haben, falls mir Fehler unterlaufen.“ Aber: „Hinterher ist immer alles cool.“ Es gäbe auch Bühnen-Auftritte, die sich zu Beginn nicht so prickelnd anfühlen, sagt Smudo.

Dass der Porsche mit der Startnummer 320 auf dem 27. Gesamtrang über die Ziellinie fährt, mit einem Teamkollegen am Lenkrad, bekommt er später aus der Ferne mit. Im Auto zum Flughafen, auf dem Rückweg zur Familie, die sein Hobby toleriert – mehr aber auch nicht. Es stehen weitere Renneinsätze in dieser Saison an. Auf der Nordschleife, die er so liebt. Vor allem den Streckenabschnitt Pflanzgarten mit dem Sprunghügel und der schnellen Doppel-Rechtskurve im Anschluss. Die Schuhe werden dann jedenfalls kein Problem mehr sein.