Frau am Steuer: Bertha Benz gelingt mithilfe von Strumpfband und Hutnadel der erste Marketing-Coup der Mobilitäts-Geschichte.

Collage: Uwe C. Beyer; Lesezeit: 3 Minuten

Was braucht eine Frau, wenn sie zum ersten Mal Auto fährt?

Wer als Antwort einen eher fragwürdigen Herrenwitz erwartet, wird enttäuscht werden. Eine Frau, die zum ersten Mal Auto fährt, braucht vier Dinge: eine Hutnadel, ein Strumpfband, ein gutes Gehör und jede Menge Mumm. Ein gültiger Führerschein ist eher weniger wichtig, beziehungsweise: Zumindest für Bertha Benz war eine Fahrerlaubnis eher zweitrangig. Als Mit-Erfinderin des weltweit ersten Automobils konnte sie im Jahr 1888 die Etablierung der Fahrschulen weder abwarten noch voraussehen.

Es ist der Morgen des 5. August 1888, an dem sich Bertha Benz mit dem Benz Patent-Motorwagen Modell Nummer 3 auf den Weg macht. Auf dem Kopf trägt sie Hut, an den Beinen Strumpfbänder, im Gepäck hat sie außer besagtem Mumm ihre zwei Teenager-Söhne Richard und Eugen. Das Trio startet in Mannheim, bis nach Pforzheim will es in dem Wagen auf drei Rädern fahren. Dort, in Benz‘ Heimatstadt, lebt noch ihre Mutter, ihre Schwester Tekla hat gerade ein Mädchen zur Welt gebracht: Warum sollte man die Familie nicht mit motorisiertem Besuch überraschen? Das ist allerdings nur eines von Benz‘ Anliegen. Ihr Ehemann, Carl Benz, ein technikverliebter Tüftler mit dem großen Traum von pferde-unabhängiger Mobilität, ist das, was Historiker später als „ernst und zurückhaltend“ bezeichnen werden. All diese lobenswerten Eigenschaften machen ihn allerdings leider zu einer absoluten Marketing-Null. Bertha ist da ganz anders gestrickt: Sie weiß, dass das konstruierte Gefährt nur ein Erfolg werden wird, wenn die Öffentlichkeit es in Aktion sieht.

Bertha Benz ist zu rücksichtsvoll, um ihrem Gatten von ihrem Plan zu erzählen. Vielleicht hat sie Angst, er könnte sie zurückhalten, vielleicht will sie ihn überraschen: Jedenfalls startet sie den Motor und dampft samt Söhnen ab in Richtung Pforzheim, eine Strecke von insgesamt 106 Kilometern liegt vor ihnen. Was für uns heute nach einer selbstverständlichen und schnell zu bewältigenden Distanz klingt, ist damals veritable Schwerstarbeit. Die Wege sind für Pferdefuhrwerke gebaut, Asphalt ist eine große Unbekannte, durch viele Orte und Dörfer mit Hühnern, Hund und Katz muss Benz direkt hindurchfahren. Ampeln oder Verkehrszeichen sind Erfindungen einer fernen Zukunft. Daher verlässt sich Benz beim Fahren oft auf ihr Gehör. Wird es doch einmal zu anstrengend, dürfen auch die Sprösslinge ans Steuer, gerade einmal 13 und 15 Jahre alt.

Der Ruhm, als „erste Tankstelle der Welt“ in die Geschichte einzugehen, fällt dank Benz der Stadt-Apotheke im baden-württembergischen Wiesloch zu. Hier kauft sie Ligroin, einen Kraftstoff, den wir heute Leichtbenzin nennen und der damals in Apotheken als Reinigungsmittel angeboten wird. In Bruchsal steht ein Besuch beim Schmied an, nachdem die Kette Probleme macht. Pannen auf offener Strecke – auch Automobilwerkstätten sind freilich noch nicht erfunden – gestalten sich da schon problematischer. Wie gut, dass Benz mit den Waffen einer Frau ausgestattet ist. Später wird sie zu Protokoll geben: „Das eine Mal war die Benzinleitung verstopft – da hat meine Hutnadel geholfen. Das andere Mal war die Zündung entzwei. Das habe ich mit meinem Strumpfband repariert.“

Benz erreicht Pforzheim in der Abenddämmerung und benachrichtigt Ehemann Carl per Telegramm. Nach Mannheim wird sie erst drei Tage später zurückkehren, doch die Zeit in ihrer alten Heimat will genutzt sein: Die verblüffte Öffentlichkeit kann das Gefährt bestaunen, unter der Regie seiner Mutter richtet der 15-jährige Eugen sogar einen „Fahrdienst“ ein, den viele Interessierte gerne nutzen. Auf dem Rückweg nach Mannheim sorgt Bertha Benz dann noch wie nebenbei für die Erfindung der Bremsbeläge. Denn als die hölzernen Bremsen des Patent-Motorwagens nicht mehr so recht wollen, fährt sie kurzerhand zum Schuster und lässt Lederbeschläge darauf anbringen. Dass der Wagen so schlecht mit Steigungen zurechtkommt, ist Benz ebenfalls ein Dorn im Auge. Auf der ersten Ausfahrt musste noch die Muskelkraft ihrer Söhne Abhilfe schaffen. Später wird sie ihrem Ehemann den Einsatz eines weiteren Zahnrads vorschlagen, das das Problem beheben soll.

Benz‘ Testfahrt sorgt dafür, dass die Firma ihres Mannes, in der auch ein Großteil ihres Vermögens steckt, zum einflussreichsten Automobilkonzern der Welt aufsteigt. 1926 fusioniert Benz & Cie. mit dem Unternehmen von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach; es wird zunächst als Daimler-Benz, später als Mercedes-Benz nicht nur zum Inbegriff technischer Qualität, sondern auch zum Synonym von Luxus. Bertha Benz selbst überlebt ihren Ehemann um 15 Jahre und stirbt am 5. Mai 1944 im Alter von 95 Jahren in der Familienvilla in Ladenburg. Und obwohl die Geschichtsschreibung mit Frauen oft nicht zimperlich umgeht, egal, was sie geleistet haben: In Vergessenheit gerät Bertha Benz nie.

Schulen, Straßen und Plätze tragen bis heute ihren Namen, Dokumentationen und Filme wurden über sie gedreht, bei einer Bertha-Benz-Fahrt zuckeln Vorkriegsfahrzeuge über die von ihr zurückgelegte Strecke. Die Bertha Benz Memorial Route hat sogar offizielle touristische Hinweisschilder bekommen, nach denen Reisende auf den Spuren der Pionierin fahren können. Nur auf Hutnadel, Strumpfband und die Apotheke als Kraftstofflieferant müssen sie sich nicht mehr verlassen: Mittlerweile gibt es genügend Kfz-Werkstätten und Tankstellen.

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