Roter Drache: Eigentlich wollte er Opernsänger oder Journalist werden; stattdessen erschuf er den Mythos Ferrari. Der „rote Drache“ aus Maranello formte mit Leidenschaft eine Legende, die bis heute Motorsport und Straßen prägt.
Collage: Uwe C. Beyer; Lesezeit: 3 Minuten
Eigentlich will Enzo Anselmo Ferrari Opernsänger werden. Oder wenigstens Journalist. Zumindest Zweiteres gelingt ihm zumindest teilweise: 1914, im zarten Alter von 16 Jahren, veröffentlicht er einen Bericht über ein Fußballspiel in der „Gazzetto dello Sport“. Zehn Jahre später wird er Mitgründer und für wenige Jahre Geschäftsführer des „Corriere dello Sport“ werden. Enzos Herz schlägt – wie das der meisten Italiener – durchaus für Fußball, besonders für die Mannschaft des Modena Football Clubs seiner Heimatstadt. Seine journalistische Karriere und seine Leidenschaft für einen guten Kick sind heute fast vergessen; was geblieben ist, ist eine Legende des Rennsports und der Straße.
Der Mann, der sich später gerne als „Ingegnere“, also Ingenieur ansprechen lässt, ist alles andere als ein brillanter Schüler. Zweimal fällt er auf der Hauptschule durch, verlässt sie und arbeitet lieber im Schmiede- und Schlosserbetrieb des Vaters, der vor allem für die italienische Eisenbahn schraubt. Enzo Ferrari bastelt an Motoren, baut erste eigene und bewirbt sich schließlich als Werksfahrer bei Fiat in Turin. Er wird abgelehnt. 1919 macht er seine Ersparnisse locker, um ein eigenes Fahrzeug zu konstruieren. Mit ihm fährt er Rennen – und gewinnt. Der noch jungen Automobil- und Rennsportbranche bleibt das nicht verborgen. Zunächst bekommt Ferrari eine Anstellung als Betriebstestfahrer bei der Mailänder Firma CMN, schon bald wechselt er nach Turin zu Alfa Romeo. Mit nur 22 Jahren wird er dort Chefwerksfahrer, auf Rennen in ganz Italien holt er über ein Dutzend Siege.
1929, Ferrari ist nun 31, gründet er seinen eigenen Rennstall, die heute weltberühmte „Scuderia Ferrari“. Gefahren wird auch dort: Alfa Romeo. Bis 1932 sitzt Ferrari persönlich hinterm Steuer, dann beendet er seine Karriere als Fahrer. Manche Historiker glauben, die Geburt seines ersten Sohnes Alfredo „Dino“ Ferrari im selben Jahr sei ausschlaggebend gewesen; andere, Ferrari habe den tödlichen Unfall seines Kollegen Alberto Ascari nicht verkraftet. 1939 endet die Zusammenarbeit mit Alfa Romeo. Ferrari wird auferlegt, vier Jahre lang keinen Rennsport mehr zu betreiben. Trotzdem gründet er im selben Jahr sein Unternehmen „Auto Avio Costruizioni“ in Modena, dessen Werkstatt 1943 von alliierten Bombern fast völlig zerstört wird. Also zieht Ferrari kurzerhand ins nahegelegene Maranello und tauft den Betrieb auf seinen Familiennamen um. Dort läuft 1974 der allererste „echte“ Ferrari vom Band: der Ferrari 125 S, ausgestattet mit einem V12-Motor – ein klassischer Rennwagen.
Enzo Ferrari führt die Firma mit eiserner Härte. Er gilt als schwierig, als oft schwer oder nur per Telefon zu erreichen, arbeitet nach dem Tod seines Sohnes Dino teilweise in einem abgedunkelten Büro. Gleichzeitig will er aber alles wissen, was im Unternehmen, im Rennstall, auf der Rennstrecke vor sich geht. Muss er Dokumente unterschreiben, tut er dies nur mit einem Füller mit violetter Tinte – als Erinnerung an seinen Vater, der ebenso verfuhr. Alleine Enzo Ferraris Spitznamen zeichnen ein Bild seines Charakters: „Il mago – Der Magier“, „Il Commendatore – Der Kommandant“, „Il drago – Der Drache“. Und natürlich „l’ingegnere“, der Ingenieur, der nie einen derartigen Abschluss gemacht hat.
Sein Ziel ist so simpel wie anspruchsvoll: Ferrari will die schnellsten, besten und schönsten Autos der Welt schaffen, herausragend in Leistung in Design. Schon bald genießen nicht nur seine Renn-, sondern auch die Personenfahrzeuge für den Privatgebrauch Weltruhm. Die klassische Farbe rot, besonders bekannt das „Rosso corsa“, ist ein Attribut an die Anfänge auf der Rennstrecke: Zu Ferraris aktiven Zeiten als Fahrer war die traditionelle Farbe der italienischen Rennwägen rot. Später wird sich sogar die „Hand Gottes“, der argentinische Fußballnationalspieler Diego Maradona, dem „roten Drachen“ aus Maranello beugen müssen: Der Sportler bestellt zwei Fahrzeuge, will sie allerdings schwarz lackiert haben. Enzo Ferrari entscheidet: Beim „Testarossa“ ausnahmsweise, aber der F40? Auf gar keinen Fall!
Ferrari stirbt am 14. August 1988, im Alter von 90 Jahren. Angeblich lässt er sich noch kurz vor seinem Tod neue Modelle zeigen, quält seine Angestellten mit Detailfragen. Filme, Bücher, ein Museum und nicht zuletzt die Formel 1 erinnern an ihn; seit 1990 trägt sogar ein Asteroid seinen Namen. Ferrari griff ohne Zweifel nach den Sternen, andererseits ist auch seine lebenslange Bescheidenheit legendär. Immer, wenn Journalisten ihn fragten, ob er auch privat einen Ferrari fahre, antwortete er: „Nein, das kann ich mir leider nicht leisten.“
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