Der Fließband-Mann: Tüftler Henry Ford macht Hochgeschwindigkeits-PR auf der Straße – und Mobilität massentauglich.

Collage: Uwe C. Beyer; Lesezeit: 3 Minuten

Zugegeben: Die Idee, Autos am Fließband konstruieren zu lassen, schaut sich Henry Ford ab. Denn bevor er Tausenden Arbeitern Stellungen am Band verschafft, ist schon Ransom Eli Olds von „Oldsmobile“ auf dieselbe Idee gekommen. Olds hat sie allerdings nicht perfektioniert, weshalb der bekannteste Fließband-Mann der Welt bis heute den Namen Ford trägt. Unsterblich mit ihm verknüpft: Das Model T.

Aber von Anfang an: Henry Ford wird 1863 in Michigan geboren. Er ist ältester Sohn eines aus Irland eingewanderten Farmers. Seine Schulbildung fällt dürftig aus, doch der junge Henry zeigt schon früh großes Interesse an technischen Entwicklungen. Er zerlegt Uhren, mit 15 baut er seinen ersten Verbrennungsmotor, später macht er eine Lehre als Maschinist, arbeitet danach an Ottomotoren und betreibt zeitweise sogar ein Sägewerk. Als er 1893 Chefingenieur bei der Edison Illuminating Company wird – Stichwort Glühbirnen – bleibt ihm endlich mehr Zeit, um an seinen Motoren und eigenen Fahrzeugen zu basteln. Er fertigt mehrere davon, das erste ist das „Quadricycle“, ein Gefährt, das zugegeben noch wie eine Mischung aus Fahrrad und Rollstuhl aussieht.

Für Ford stellt es dennoch einen Durchbruch dar: 1899 macht er sich selbstständig und gründet mit weiteren Investoren die Detroit Automobile Company. PR funktioniert damals über die Straße: Ford lässt seine Fahrzeuge Rennen gegen die anderer Hersteller fahren. 1901 rettet ihn ein selbst errungener Sieg vor der Insolvenz, weil neue Investoren auf sein kurz vor der Pleite stehendes Unternehmen aufmerksam werden. Für kurze Zeit existiert danach die Henry Ford Company.

1903 baut Ford noch einmal um, holt sich frisches Geld und gründet die Ford Motor Company. In einem seiner neuen Modelle fährt er den neuen Geschwindigkeitsrekord zu Land ein: Mit fast 147 Kilometern pro Stunde brettert er vor Publikum über den zugefrorenen Lake St. Clair. Rennfahrer Barney Oldfield ist so begeistert, dass er das neue Auto „999“ nennt – eine Hommage an die damals schnellste Dampflokomotive – und es in den gesamten Vereinigten Staaten bei Rennen vorführt. Der damals junge, aber populäre Rennsport ist für Ford die beste Publicity.

Fünf Jahre später schlägt die Stunde des legendären Model T. Konstrukteur und Designer ist nicht Henry Ford selbst, sondern der ungarisch-stämmige Ingenieur József Galamb. Ford steuert den Gedanken der Massentauglichkeit bei: Das Model T soll für fast jedermann erschwinglich, einfach zu bedienen und reparaturfreundlich sein. Um zusätzlich eine gleichbleibende Qualität zu gewährleisten, führt für ihn kein Weg am automatisch angetriebenen Fließband vorbei, das bereits eingesetzt wird – aber nicht in dieser Größenordnung. Allein die Zahlen geben Ford recht: Nachdem er 1914 endgültig auf Fließbandproduktion umstellt, sinkt der Preis für ein Model T von 850 auf 370 Dollar. Rennen zu fahren hat Ford da schon nicht mehr nötig: Das Model T ist aus dem amerikanischen Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Bis 1927 wird Ford 15 Millionen Exemplare herstellen, das Model T wird das meistverkaufte Automobil der Welt werden. Erst der VW Käfer bricht diesen Rekord 45 Jahre später.

Henry Ford hängt an seinem Verkaufsschlager; spätestens Ende der 20er Jahre hat sich das Design aber überlebt. Henrys Sohn Edsel überzeugt ihn schließlich doch von der Konstruktion eines neuen Modells, das als Model A auf den Markt kommt. So stur Ford senior manchmal sein kann, so weitsichtig und modern sind andere seiner Herangehensweisen: Seine Arbeiter bezahlt er weit über Mindestlohn, sogar der 8-Stunden-Tag geht auf Fords Kappe. Allerdings macht er das nicht nur aus reiner Menschenfreundlichkeit. Anständige Löhne und mehr Freizeit sollen seine Werkstruppe zu seinen besten Kunden machen: Denn wer Geld und Zeit hat, kann schließlich auch ein Auto fahren – und das soll er bei Ford kaufen.

Sogar als Pionier der Nachhaltigkeit, die damals noch nicht einmal erfunden ist, könnte Ford gelten: 1941 stellt er der Öffentlichkeit sein „Soybean Car“ vor, ein Fahrzeug, dessen Bauteile überwiegend aus pflanzlichen Werkstoffen besteht. Ford hat da allerdings nicht sein grünes Herz entdeckt, sondern reagiert auf die damals bestehende Metallknappheit. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird die Autoproduktion bei Ford allerdings eingestellt. Auch das Sojabohnen-Gefährt wird von der Geschichte verschluckt. Heute sind weder genaue Bauunterlagen noch das Modell an sich erhalten.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs übergibt Henry Ford den Firmenvorsitz an seinen Enkel Henry Ford II. 1947 stirbt er im Alter von 83 Jahren an einer Hirnblutung. Abgesehen von der bereits 1936 gegründeten Ford-Stiftung, die „das Gemeinwohl der Menschen fördern“ soll, lebt Ford auch in zahlreichen Bonmots weiter. Eines ist bis heute besonders bei Automobil-Marketern beliebt: „Wenn Sie einen Dollar in Ihr Unternehmen stecken wollen, müssen Sie einen zweiten bereithalten, um das bekanntzugeben.“

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