Der Weber: Kiichiro Toyoda tauscht Webstühle gegen Motoren und legt damit den Grundstein für den weltweiten Siegeszug von Toyota. Mit Mut zum Kopieren, cleverem Timing und der „Kaizen“-Philosophie prägt er die Industrie weit über Japan hinaus.

Collage: Uwe C. Beyer; Lesezeit: 2 Minuten

Kiichiro Toyoda könnte sich mit Webstühlen zufriedengeben. Denn als sein Vater 1918 Toyoda Boshoku gründet, produziert das Unternehmen genau das: Webstühle. Kiichiro Toyoda wächst also schon mit Technikbegeisterung auf. An der Universität von Tokio studiert er Maschinenbau. Und dann? Ein Leben für den Webstuhl? Dem klugen, ehrgeizigen Kiichiro reicht das nicht so ganz.

Im Sommer 1921, Kiichiro ist 26 Jahre alt, reist er in die Vereinigten Staaten und nach Europa, um sich Industriebetriebe des Westens anzusehen. Sein Trip führt ihn nach San Francisco, London, Oldham bei Manchester und Marseille. Von dort bringt er unter anderem die Idee für automatisierte Webstühle mit, die er durchsetzt – auch wenn sein Vater ursprünglich dagegen ist. Acht Jahre später macht sich Kiichiro wieder auf den Weg nach Europa und legt besonderes Augenmerk auf die aufblühende Automobilindustrie. Was der Westen kann, kann Japan doch schon lange – oder? Ab 1930 setzt Kiichiro Toyoda ein Team darauf an, einen Fahrzeugmotor zu konstruieren.

Drei Jahre später sind die Fortschritte soweit gediehen, dass Toyoda innerhalb des Webstuhl-Imperiums eine eigene Abteilung für Fahrzeugentwicklung einrichten lässt. Design ist nicht sein größtes Hobby: Toyoda will zwar ein effizientes, qualitativ hochwertiges Auto bauen; aussehen kann es aber gerne wie der damalige Chrysler Airstream. 1935 rollt der erste PKW aus dem Werk auf die Straße, der sogenannte A1. Und ist erst einmal ein Flop: Nach nur wenigen Kilometern streikt das Gefährt, ein Pferd muss den Wagen zurück in die Fabrik ziehen. Böse Zungen behaupten, Toyodas Ingenieure hätten einfach zu perfekt kopiert – auch die Teile eines Chryslers wurden damals eher lausig zusammengeschraubt.

Bis 1936 ist das Problem behoben und Kiichiro Toyoda kann nicht nur ein serienreifes Modell AA, sondern auch einen offenen Phaeton vom Typ AB vorstellen. Marketingtechnisch greift Toyoda nun in die japanische Trickkiste: Er ändert den Firmennamen von Toyoda zu Toyota. Die neue Schreibweise lässt sich in der japanischen Kaligraphie mit acht Pinselstrichen schreiben, was in der Zahlensymbolik als glücklich gilt. So wird die „Toyota Motor Company“ getauft.

Und tatsächlich bleibt das Glück Toyota sogar während des Zweiten Weltkriegs gewogen: Die Werke entgehen sogar einer eigentlich geplanten Bombardierung. Bereits Ende 1945 genehmigt die amerikanischen Militärbehörde die Wiederaufnahme der Fahrzeugproduktion, was 1947 unter anderem den Launch des Kleinwagens Toyota SA ermöglicht. Zeitgleich bekommt Toyota den Auftrag, Pannenfahrzeuge der US-Armee zu reparieren: Für den findigen Kiichiro samt Team eine Top-Gelegenheit, sich die amerikanischen Modelle ganz genau anzusehen. Und Details im Anschluss zu kopieren und zu übernehmen.

Toyoda führt außerdem eine Arbeitsweise ein, die bis heute Standard in der Automobilbranche sowie in vielen anderen Industriezweigen ist: Das „Just in time“-Produktionssystem, auch bekannt als „Toyota-Produktionssystem“. Basis dafür ist die Lieferung oder Herstellung benötigter Bauteile zum genau richtigen Zeitpunkt. So fallen vor allem Lagerflächen und -kosten weg, die Qualität und Pünktlichkeit bleibt. Zudem setzt Kiichiro Toyoda auf die „Kaizen“-Philosophie: Er ermutigt seine Arbeiter, jederzeit Verbesserungen der Arbeitsabläufe vorzuschlagen. Ergebnis: Ständige Steigerung der Produktivität.

In den 50ern exportiert Toyota schließlich seine ersten Fahrzeuge in die USA – also in das Land, von dem sich das Gründungsteam etliches abgeschaut hat. Den ganz großen Erfolg und internationalen Durchbruch erlebt Kiichiro Toyoda allerdings nicht mehr: Er stirbt 1952 mit nur 57 Jahre in seinem Haus in Tokio. In seinen letzten Jahren hat er sogar das Auto links liegen gelassen und stattdessen an der Konstruktion eines kleinen Helikopters gearbeitet. Toyodas Flug-Projekt ist nicht in die Geschichte eingegangen – dafür aber sein Automobilerbe: Insgesamt sind heute rund 150 Millionen Toyota-Fahrzeuge unterwegs. Toyota selbst ist der größte Automobilhersteller der Welt.

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