Vom Kartbahn-Kind in Kerpen bis zum Ferrari-Helden: Michael Schumacher ist nicht nur der erfolgreichste deutsche Rennfahrer aller Zeiten, sondern auch eine Legende, die selbst am Ende der Welt erkannt wird.
Collage: Uwe C. Beyer; Lesezeit: 3 Minuten
Als bekanntester Rennfahrer aller Zeiten hat es Michael Schumacher teils schwer, als Privatperson und ohne Rummel durchs Leben zu gehen. Sogar am Ende der Welt. „Ich war mal in Patagonien, Corinna und ich bei den Pinguinen. Und was passiert? Eine ADAC-Reisegesellschaft biegt um die Ecke…“ erzählte er 2006 dem „SZ Magazin“. Aus der Traum vom beschaulichen Urlaub; ob „Schumi“ damals Autogramme gegeben hat? Möglich, aber nicht überliefert. Dabei hat Schumacher gerne eine Mauer um sich, „hinter der ich mich verschanze und die kaum jemanden an mich ranlässt“. Die Medien sehen das lange ähnlich, und obwohl sie seine Erfolge feiern, nennen sie ihn durchaus auch „Roboter“. Die menschliche Maschine, die Ferrari nach mehr als zwanzig Jahren ohne Titel wieder auf Formel-1-Weltmeisterspur brachte. Und das fünf Mal in Folge.
Schumacher wird 1969 in Kerpen in Nordrhein-Westfalen geboren; sein Vater Rolf, eigentlich Kaminmaurer, pachtet eine Kartbahn – und schickt beide Söhne, Michael und Ralf, ins Rennen. Schon mit vier Jahren sitzt Schumacher am Steuer, mit fünf gewinnt er zum ersten Mal ein Rennen, mit sechs wird er Clubmeister. Schon bald werden erste Sponsoren auf ihn aufmerksam. Zum Glück, denn langsam geht der Sport ins Geld. Mitte der 80er gewinnt er schließlich die deutsche Juniorenmeisterschaft. Danach geht es Schlag auf Schlag: Schumacher startet zunächst in der – heute nicht mehr existierenden – Formel König, dann der Formel Ford und der Formel 3. In diese Zeit fällt die „Lotterie Schumacher“: Der Manager Willi Weber bietet dem ambitionierten Jungspund seine finanzielle Förderung an. Im Gegenzug muss sich dieser zehn Jahre lang an ihn binden und ihm 20 Prozent seiner Einnahmen abtreten. Weber wird später sagen, in dieser Lotterie habe damals nur einer ein Los gekauft: Er selbst.
1990 gewinnt Schumacher die Formel 3, ein Jahr später kommt ihm zum Start in die Formel 1 ein Knastaufenthalt zugute. Der skandalbefreite Saubermann Schumacher im Gefängnis? Natürlich nicht, aber dem britisch-irischen Rennstall Jordan ist sein Stammfahrer abhandengekommen, weil dieser einen Taxifahrer mit Reizgas besprüht hat. Schumacher ersetzt ihn, fährt im Qualifying auf den siebten Platz, beim eigentlichen Rennen bremst ihn ein Kupplungsschaden aus. Es soll das einzige Rennen für Jordan bleiben: Schumacher wechselt direkt darauf zu Benetton, was gleich zwei Gerichtsverfahren nach sich zieht. Jordan beantragt eine einstweilige Verfügung, um Schumacher zu halten; Benettons zweiter Fahrer Roberto Moreno erwirkt vor einem Mailänder Gericht ein Schumi-Boykott für seinen Rennstall. Erst acht Stunden vor Beginn des freien Trainings klärt sich die Lage: Moreno bekommt eine Abfindung und startet bei Jordan, Schumachers Wechsel zu Benetton steht nichts mehr im Weg. 1994 und 1995 holt er zweimal die Weltmeisterschaft. Ferrari steht da schon in den Startlöchern, und die in der Formel 1 seit 1979 glücklosen Italiener setzen quasi alle Hoffnung auf den schnellen Deutschen. Von Ferrari-Chef Gianni Agnelli ist der Satz überliefert: „Wenn Ferrari mit Michael Schumacher nicht Weltmeister wird, dann werden wir es nie mehr“.
Es soll bis zum Jahr 2000 dauern, bis sich der Wunsch erfüllt. Ab dann sprechen Kenner gerne von einer „Ära Ferrari“ der Formel 1, die man getrost auch „Ära Schumacher“ nennen könnte. Bis heute ist Schumacher der einzige Fahrer, dem es gelingt, die Formel 1 fünfmal in Folge zu gewinnen. Sein Rekord von insgesamt sieben Weltmeistertiteln hat bis 2020 Bestand, als Lewis Hamilton mit ihm gleichzieht. Fünfmal in Folge die Nummer 1 zu sein – das schafft aber auch der Brite nicht.
Die „Schumi“-Euphorie ist zu dieser Zeit fast grenzenlos. Fanclubs sprießen aus dem Boden, wegen seiner Fahrkünste auf nassem Terrain bekommt er den Spitznamen „Regenmeister“. Dabei fährt er eigentlich gar nicht gern im Regen. Gefühlt will jeder zweite kleine, deutsche Junge jetzt Rennfahrer werden; zudem wird Schumacher mit Preisen und Ehrungen überhäuft: Weltsportler des Jahres, Sportler des Jahrhunderts, Ehrenbürger von Maranello – und natürlich widmet ihm auch seine Heimatstadt eine „Michael-Schumacher-Straße“. 2006 beendet er seine Karriere als Formel-1-Profi bei Ferrari und ist danach vor allem als Testfahrer und Berater für die Scuderia tätig, bevor er von 2010 bis 2012 bei Mercedes sein Comeback antritt. Böse Zungen sagen: Ein Mercedes ist eben kein Ferrari – weshalb Schumacher in den drei Jahren nur Rang 13 bis Rang acht in der Gesamtwertung belegt. 2012 ist endgültig Schluss. Schumacher, ein ausgesprochener Familienmensch, freut sich auf Zeit mit Frau Corinna und den Kindern, auf die Pferde, die seine Familie hält, vielleicht auch darauf, dass er irgendwann nicht mehr sofort im hintersten Patagonien erkannt wird.
Am 29. Dezember 2013 beherrscht er wieder die Schlagzeilen, und diesmal sind es traurige. Er verunglückt beim Skifahren in Frankreich schwer, zieht sich ein Schädel-Hirn-Trauma zu. Schumacher überlebt, doch seine Familie schirmt ihn seit 2014 von der Öffentlichkeit ab. Seine Verdienste und das Interesse an ihm bleiben davon unangetastet. 2014 ist sein Name der häufigste deutsche Google-Suchbegriff in der Kategorie „Personen“. 2025 wird der Ferrari, mit dem er 2001 Weltmeister wurde, bei Sotheby’s versteigert: Den Zuschlag bekommt ein Bieter, der 18,2 Millionen Dollar zahlt.
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