"Menschen, die im Sternzeichen der Zwillinge geboren sind, sagt man bekanntlich nach, sie hätten zwei Seelen in ihrer Brust. Bei dem Mann, von dem dieses Buch handelt, trifft das nicht zu: Er hat mindestens drei.“

Collage: Uwe C. Beyer; Lesezeit: 2 Minuten

Patricia Scholten, Tochter von Paul Pietsch, beschreibt ihren Vater im Buch Doppelsieg Paul Pietsch (Motorbuch Verlag, 2011) zunächst einmal als Rennfahrer, der schon vor dem 2. Weltkrieg erfolgreich war. Als Verleger mit einer bemerkenswerten Karriere und schließlich als Ehemann und Vater seiner beiden Kinder Patricia und Peter-Paul.

„Aus Liebe zum Motorsport ist alles entstanden.“ Dieser Satz des Altverlegers ist im Hause der Motor Presse jedem der aktuell rund 550 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen vertraut. Paul Pietsch, am 20. Juni 1911 als Sohn eines Bierbrauers in Freiburg geboren, begann mit etwa 20 Jahren, sich für den Automobilsport zu interessieren. Nach dem Tod des Vaters kaufte er sich von seinem Erbe einen Bugatti 35B als klassischen Rennwagen jener Zeit. Seine Rennfahrerkarriere startete er 1932 als Privatfahrer, der an Bergrennen und Flugplatzrennen teilnahm. Schnell wurde Pietsch fester Bestandteil der Rennsportszene und belegte 1939 beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring einen eindrucksvollen 3. Platz, nachdem er sogar lange geführt hatte.

Nach Ende des 2. Weltkriegs wollte Pietsch seine Karriere fortsetzen – und dafür brauchte er Geld. Deshalb gründete er 1946 mit Ernst Troeltsch und Josef Hummel die Motor Sport GmbH in Freiburg, dem Vorläufer der Motor Presse Stuttgart. Um eine Zeitschrift herauszugeben, brauchte man damals die Genehmigung einer Militärbehörde. Freiburg lag im französischen Sektor, für die publizistischen Aktivitäten waren die Freiburger Militärdienststelle und das in Baden-Baden ansässige, übergeordnete Gouvernement zuständig. Pietsch machte sich mit Ernst Troeltsch auf den Weg nach Baden-Baden, aber der zuständige Presse-Offizier lachte, als ihm die beiden ihren Plan schilderten: „In Deutschland wird es nie mehr so viele Autos geben, dass man eine Autozeitschrift brauchen würde.“

Pietsch gab, wie so oft in seinem Leben, einfach nicht auf, blieb hartnäckig und sprach immer wieder vor – bis er es geschafft hatte: Die Franzosen verlangten ein gedrucktes Probeheft, eine so genannte Nullnummer zur Ansicht, mit einem blau-weißen Titel mit roter Schmuckfarbe verfeinert – den Farben der französischen Flagge. Trotz aller Skepsis erhielten sie schließlich die Zeitschriften-Lizenz Nummer 1308. Im Dezember 1946 erschien dann die erste Ausgabe von „Das Auto“, dem Vorläufer von „auto motor und sport“. 36 Seiten stark, mit einem Leitartikel unter der Überschrift „Kraftfahrt tut not!“ Das Heft hatte es in sich: Paul Pietsch selbst berichtete über den „Großen Preis der Nationen“ in Genf und ein Oberingenieur Priese spekulierte über Atomenergie als künftige Antriebsquelle für Autos. 30 000 Exemplare zum Heftpreis von 1,50 Reichsmark waren sofort ausverkauft – eine einmalige Erfolgsstory nimmt ihren Lauf.

Obwohl er damit die Rolle eines Verlegers übernahm, kehrte Paul Pietsch in den Rennsport zurück und wurde mit dem Veritas Meteor Deutscher Rennwagenmeister. Nach einem schweren Trainingsunfall auf der AVUS 1952 beendete er seine aktive Rennlaufbahn und konzentrierte sich auf den Aufbau seines Verlagsimperiums, zu dem auch die Paul Pietsch Buch-Verlage gehören. Unter der Ägide eines Mannes, der trotz aller Erfolge immer bescheiden und äußerst diszipliniert blieb, entwickelte sich das Haus zu einem der erfolgreichsten Special Interest-Medienhäuser Deutschlands.

Pietsch ging dabei voller Bedacht vor und etablierte nach und nach die Zeitschriftenformate MOTORRAD, Motor Klassik, Promobil und CARAVANING, die Flugtitel aerokurier und Flug Revue und die Pferdezeitschrift Cavallo. Immer in seinem Fokus: Das Wohl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die bis heute für seinen Geburtstag einen Tag mehr Urlaub im Kalenderjahr nehmen dürfen.

„Auch wenn er nicht mein Vater wäre – ich würde ihn nie anders beschreiben als mit dem einfachsten Satz der Welt: Er war und ist seit 100 Jahren liebenswert.“
Patricia Scholten im Juni 2011 nicht einmal ein Jahr vor dem Tod ihres Vaters am 31. Mai 2012

Der Geist von Paul Pietsch hat den Stammsitz der Motor Presse Stuttgart nie verlassen, bis heute wird er von der Belegschaft als der „Altverleger“ verehrt. Jährlich führt seit 2010 so auch die Paul Pietsch Classic seinen Spuren durch den Schwarzwald. Es gibt überhaupt nur wenig Menschen, die solche Spuren hinterlassen.

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