Die lange Legende: Walter Röhrl gilt als Rallye-Legende, doch selbst hält er wenig von Superlativen – für ihn zählen nur Bestzeiten. Der einzige deutsche Rallye-Weltmeister gewann Monte Carlo mit vier Marken, blieb stets bodenständig und fuhr lieber voraus, als gefeiert zu werden.

Collage: Uwe C. Beyer; Lesezeit: 3 Minuten

Die Bezeichnung „Bester Rallyefahrer aller Zeiten“ mag Walter Röhrl gar nicht. „So etwas kann niemand behaupten. Die Fakten beim Rallyefahren sind die Zeiten. Bestzeit! Bestzeit! Bestzeit! Das ist die einzig wahre Aussage.“ Lesen muss er den Ausdruck doch immer wieder, und es ist ja auch etwas dran: Röhrl ist bis heute der einzige deutsche Rallye-Weltmeister, insgesamt 14 Siege bei WM- Läufen hat er eingefahren. Als seine vier bedeutendsten schätzt er selbst die bei der Rallye Monte Carlo ein; sie gilt als die schwierigste der Welt. Röhrl bekommt – nicht nur, aber auch – Legendenstatus, weil er sie mit vier unterschiedlichen Fabrikaten gewinnt: Er fährt mit Fiat, Opel, Lancia und Audi zum Sieg. Er düpiert die Konkurrenz nicht nur, die teils die besseren Reifen, die besseren Autos fährt – er sargt sie ein. Hundertstel Sekunden Vorsprung? Für Röhrl undenkbar. Er will am liebsten zehn Minuten vor allen anderen im Ziel sein. Und er schafft es, Stichworte Rallye Portugal 1980, Arganil, Nebel.

Die Faszination für Autos (beliebtes Röhrl-Zitat: „Man kann ein Auto nicht wie ein menschliches Wesen behandeln. Ein Auto braucht Liebe!“) schnappt der 1947 geborene Röhrl von seinem älteren Bruder auf, der mit nur 28 Jahren stirbt: Mit seinem Porsche 356 kollidiert er mit einem LKW. Walter Röhrl, selbst lebenslanger Porsche-Enthusiast, trifft das bis ins Mark. Die gemeinsame Mutter vielleicht noch mehr, jedes Mal ächzt und weint sie, wenn ihr jüngerer Spross wieder zu einer Rallye aufbricht. Immerhin: Verdammt viel Fahrpraxis hat Röhrl schon in seiner ersten Anstellung beim Bischöflichen Ordinariat in Regensburg gesammelt. Nachdem er eine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten absolviert hat, macht ihn der Rechtsvertreter der sieben Bischöfe Bayerns mit nur 18 Jahren zu seinem Fahrer. Röhrl kutschiert den Juristen im 200er Mercedes kreuz und quer durch den Freistaat, 120.000 Kilometer im Jahr rattert er herunter. Und weil sein Fahrgast Kettenraucher und er selbst Nichtraucher ist, fährt Röhrl lieber einen flotten Reifen: „Wenn ich schneller fuhr, hat er sich hinten im Mercedes festgehalten und hatte keine Hand frei zum Rauchen.“

Dass er schließlich professioneller Rallyefahrer wird, verdankt er seinem Freund Herbert Marecek, der Anfang der 70er allen möglichen Autoherstellern brieflich in den Ohren liegt, dass Walter der beste Autofahrer von allen ist. Marecek muss es wissen; er hat schon 1968 gemeinsam mit Röhrl die Bavaria-Rallye bestritten, beide als Privatteilnehmer. Das erste offizielle Engagement bekommt Röhrl bei Ford, bevor er 1973 zu Opel wechselt. Zum ersten Mal kann er vom Rallye-Sport leben: 800 Mark im Monat zahlt ihm der Autobauer, damit er für ihn startet.

Was danach kommt, lässt sich in einem ellenlangen Wikipedia-Eintrag nachlesen, dessen Detailgenauigkeit an manchen Stellen sogar Röhrl selbst überraschen könnte. Um es kurz zu machen: „Der Lange“, wie er aufgrund seiner Körpergröße von 1,97 Metern auch genannt wird, fährt und fährt und fährt – ab 1977 mit Christian Geistdörfer als Co-Pilot an seiner Seite, den er später als „Mutter fürs Kleinkind“ bezeichnet. Soll heißen: Geistdörfer nimmt ihm alles ab, damit sich Röhrl voll und ganz aufs Fahren konzentrieren kann. Steht Röhrl wieder einmal auf dem Siegertreppchen, ist ihm das eigentlich unangenehm, er mag keinen Trubel. Wenn die anderen Fahrer feiern, geht Röhrl zu Bett und fährt im Geiste die Strecke des kommenden Tages ab. Das zahlt sich einige Stunden später aus: „Die anderen sind auch losgefahren, aber natürlich mit einem Schädel. Ich war immer konzentriert.“

Der gläubige Röhrl setzt bei schlimmstem Wettbewerbsdruck auf Beistand von oben und betet viel, nicht um den Sieg, sondern dafür, „dass nichts passiert“. Ansonsten gewinnt er nicht nur durch Können, sondern auch durch eiserne Disziplin: „Wenn man etwas will, muss man es konsequent machen.“ Gegen seine fahrenden Kollegen, die teils „saufen gingen bis zum Verlust der Muttersprache“ hat er nichts, er selbst leidet nicht unter Disco-Entzug. Seit 1978 stärkt ihm seine Frau Monika den Rücken, die er lobt: „Eine andere hätte es nicht mit mir ausgehalten.“ Erreicht er seine selbst gesetzten Ansprüche nicht, wird er ungenießbar, schimpft sich selbst „Idiot“ und zweifelt an den eigenen Fähigkeiten.

Woran er nie zweifelt, ist sein moralischer Kompass, den er insbesondere 1986 unter Beweis stellt. Als bei der Rallye Portugal ein Ford in die Zuschauer rast, drei Menschen tötet und 33 teils schwer verletzt, ist es Röhrl, der den Boykott der Fahrer verkündet. „Was wäre, wenn ich jemanden totgefahren hätte? Damit wäre ich nie zurechtgekommen.“ Veranstalter und Teamchefs würden am liebsten zur Tagesordnung übergehen, für Röhrl kommt das nicht in Frage.

Aber eine Legende kann natürlich nicht einfach von der Bildfläche verschwinden. Er fährt bis heute, als Testfahrer zunächst für Audi, dann für seinen Lieblingshersteller Porsche, wo er den Carrera GT mitentwickelt, immer wieder im Rahmenprogramm diverser Rallyes. Manchmal stehen Autogrammjäger vor seinem Haus im bayerischen Wald, manchmal will die Feuerwehr zu seinem Geburtstag kommen – und obwohl Walter Röhrl nie etwas Besonderes sein wollte, nur etwas Besonderes können, findet er das dann doch ganz in Ordnung. Sonst würde er eventuell „nur seinen Garten machen.“

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