Für Christina Diem-Puello ist das Fahrrad Familientradition, Emanzipations-Treiber und Glücks-Bringer. Trotzdem ist die Gründerin der Deutschen Dienstrad: Autofan.
Fotos: Deutsche Dienstrad; Lesezeit: 7 Minuten
Du bist aufgewachsen in einem Familienunternehmen mit über hundert Jahren Fahrradgeschichte. Was ist deine früheste Erinnerung ans Fahrrad?
Meine Mutter und mein Großvater erzählten mir, dass ich schon auf einem kleinen Rad saß, bevor ich richtig laufen konnte. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Gerüche aus der Produktion: Lacke, Gummi, Metall. Noch heute erinnere ich mich an meine Kindheit in der Fahrradfabrik, wenn ich durch Reifenlager gehe. Später, als ich Radfahren gelernt habe – damals noch mit Stützrädern – bin ich an der Laderampe entlang geradelt. Mein Opa sagte immer: „Lasst sie fahren!“ Die LKW-Fahrer und Mitarbeiter haben aufgepasst, dass mir nichts passiert. Und natürlich haben wir als Familie unzählige Fahrradurlaube gemacht. Als Jugendliche war das nicht immer mein Traum, aber heute weiß ich die Erlebnisse, die man auf solchen Touren sammelt, sehr zu schätzen.
Gab es auch mal eine Art Rebellion deinerseits – nach dem Motto: Jetzt kaufe ich mir einen Sportwagen?
Meine kleine Rebellion als Kind bestand darin, dass ich meine Mutter bat, das Rad nicht mitzunehmen, wenn wir zu meinen Großeltern fuhren – denn mein Opa wollte immer, dass ich radle. Aber sie packte es trotzdem jedes Mal ein. Im Herzen bin ich bis heute ein Kind des Fahrrads. Ich liebe Outdoor, Bewegung. Aber ich sage auch klar: Ich bin Mobilität, nicht nur Fahrrad. Das Auto verteufle ich nicht, im Gegenteil. Ich bin ein großer Autofan. Es ist das Langstreckenmittel schlechthin, während das Fahrrad vor allem in den Städten oder für die letzten Kilometer die Alternative ist. Einen Sportwagen habe ich mir trotzdem nie gekauft.
Viele Deutsche reagieren empfindlich, wenn es ums Auto geht, wenn etwa in den Innenstädten Parkplätze gestrichen oder Fahrverbote diskutiert werden. Warum ist das so?
Mobilität ist immer auch Freiheit. Einschränkungen führen automatisch zu Ablehnung, egal ob beim Auto, beim Fahrrad oder zu Fuß. Entscheidend ist, dass wir respektvoll miteinander umgehen: Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger – alle haben ihre Berechtigung. Im Fahrradbereich setze ich mich deshalb stark für eine „Fahrrad-Etikette“ ein: Ja, wir können mit E-Bikes in die Alpen fahren, aber wir müssen auch an Natur, Landwirte und andere Verkehrsteilnehmer denken. Nur wenn wir Verantwortung übernehmen, können wir vernetzte Mobilität wirklich leben. Die Politik wiederum muss die passenden Rahmenbedingungen dafür schaffen.
Hat es das Fahrrad in der öffentlichen Wahrnehmung leichter als das Auto – oder schwerer, weil Deutschland so sehr Autoland ist?
Wir sehen uns oft als reine Autonation. Dabei gilt das viel eher für die USA, wo die ganze Infrastruktur komplett auf das Auto ausgelegt ist. Das öffentliche Image des Fahrrads in Deutschland ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits steht das Fahrrad für Gesundheit, Nachhaltigkeit und Fortschritt. Andererseits stellt sich die Fahrradbranche oft selbst ins Abseits, indem sie beklagt, nicht zu Mobilitätsgipfeln eingeladen zu sein. Statt zu jammern sollten wir Allianzen bilden und gemeinsam mit Auto-, Bahn- und Luftfahrtbranche neue Lösungen entwickeln. Genau das tun wir bei der Deutschen Dienstrad.
Hatten deine Mutter und dein Großvater in der Fahrradbranche andere große Aufgaben zu stemmen als du heute?
Mein Großvater hatte die schwerste Zeit: Er führte die Serienproduktion ein, als Fahrräder für viele noch ein „Arme-Leute-Fortbewegungsmittel“ waren. Meine Mutter erlebte dann die Phase, in der Sport und Gesundheit wichtiger wurden – da passte das Fahrrad gut hinein. Meine Generation hat das Rad durch das E-Bike als echte Mobilitätsalternative etabliert. Und während früher Politik kaum eine Rolle spielte, trete ich heute bewusst in die Öffentlichkeit, zeige Haltung und suche den Dialog mit der Politik. Das war für meine Familie zunächst ungewohnt, aber inzwischen sehen auch sie, wie viel man damit bewegen kann.
Womit willst du in die Familiengeschichte eingehen?
Mit dem Dienstrad-Leasing haben wir den Schritt vom klassischen Fahrradvertrieb hin zum digitalen Tech-Unternehmen gemacht. Damit erreichen wir eine ganz neue Dimension. Mein größter Wunsch ist es, jedem Menschen weltweit einfache, erschwingliche und nachhaltige Mobilität zu ermöglichen. Denn Mobilität bedeutet Bildung, Fortschritt und Teilhabe. Das Fahrrad ist dabei für mich besonders wichtig. Auch, weil es zur Emanzipation von Frauen entscheidend beigetragen hat: Es ermöglichte ihnen erstmals, Wegstrecken eigenständig zurückzulegen. Das macht seine gesellschaftliche Bedeutung bis heute einzigartig.
Apropos Emanzipation: Warum gibt es gerade in der Mobilitätsbranche so wenige Frauen in Führungspositionen?
Das ist eine spannende Frage, besonders für den Fahrradbereich. Denn eigentlich ist das Fahrrad eines der weiblichsten Produkte überhaupt, weil es beim Fahrrad von Anfang an spezielle Modelle für Frauen gab – anders als zum Beispiel beim Auto. Viele Ingenieurinnen entwickeln bis heute an solchen Produkten mit. Frauen haben das E-Bike viel früher am Markt angenommen als Männer – das zeigt, welchen Innovationsschub weibliche Perspektiven bringen. Gleichzeitig gibt es in der Fahrradbranche tolle Vorbilder auf Führungsebene: Sandra Wolf von Riese&Müller, meine Mutter Susanne Puello, oder Carol Urkauf-Chen von KTM Fahrrad. Auch Bewegungen wie „Women in Mobility“ schaffen Sichtbarkeit. Trotzdem verlieren auch wir Frauen häufig in der Mutterschaft, weil Kinderbetreuung und Anreize fehlen.
Was entgeht der Autoindustrie, weil da noch weniger Frauen in Führungspositionen sind?
Frauen sind die Hälfte der Bevölkerung und treffen immer häufiger ihre eigenen Kaufentscheidungen. Das Automobil hat hier noch viel Potenzial, gezielt auf Frauen einzugehen. Da könnte es aus der Geschichte des Fahrrads lernen.
Was kann sich die Fahrradbranche von der Autoindustrie abschauen?
In Sachen Kooperation einiges: Gemeinsame Plattformen für Antriebe oder Bremssysteme würden uns schneller voranbringen. Das Auto ist in Prozessen oft langsamer, dafür aber gründlicher. Fahrräder entwickeln sich dynamischer, manchmal zu schnell. Die Balance aus beidem wäre ideal.
Könnte die Fahrradbranche von der Autoindustrie auch etwas über Lobbyarbeit lernen?
Ja, unbedingt. Unsere Lobbyarbeit war lange zu aktivistisch. Wir müssen konstruktiver auftreten, mit Politik und anderen Branchen im Dialog bleiben und raus aus der eigenen Blase gehen. Zum Glück bewegt sich da inzwischen viel.
Beim Autokauf spielen Emotionen eine große Rolle. Ist das beim Fahrrad auch so?
Absolut. Fahrrad ist pure Emotion. Wir haben daraus eine Kampagne gemacht: „Du verDienstrad.“ Es geht um Freiheit, Glück, Lebensgefühl. Menschen kaufen Räder nicht nur aus Vernunft, sondern weil sie Glück und Gesundheit bringen – und manchmal sogar Beziehungsglück: Wir haben Zuschriften von Paaren bekommen, die durchs E-Bike wieder zueinander gefunden haben, weil sie endlich wieder gemeinsam radeln gehen. Oder von Menschen, die damit gesundheitliche Probleme überwunden haben.
Heute spielt Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle beim Thema Mobilität. Wie sehr hilft das dem Fahrrad?
Natürlich verbessert das Fahrrad die CO₂-Bilanz. Aber bei Diensträdern sehen wir: Rund 80 Prozent werden in der Freizeit oder für Sport genutzt. Nachhaltigkeit ist da oft nur ein Teil der Motivation. Gleichzeitig steigt aber auch die Zahl derer, die Lastenräder für Einkäufe oder den Transport der Kinder nutzen statt des Autos.
Das Dienstrad konkurriert ja ein bisschen mit dem Dienstwagen. Ist es im Nachteil?
Nicht wirklich. Dienstwagen gibt es meist nur für Führungskräfte, das Dienstrad dagegen für alle. Viele Entscheidungsträger entscheiden sich aber inzwischen bewusst fürs Rad. Heute ist es genauso angesehen, mit dem E-Bike beim Meeting vorzufahren wie mit dem Auto. In Politik und Wirtschaft sieht man das immer häufiger. Corona und Homeoffice haben den Trend noch verstärkt.
Könnten wir in Zukunft auch Spitzenpolitiker häufiger auf dem Fahrrad sehen?
Ja, das passiert teilweise schon. Beim Bundeskanzler ist es wegen des Personenschutzes schwierig, aber generell nimmt die Zahl zu. Viele Firmen bieten inzwischen Mobilitätsbudgets statt nur Dienstwagen an. Der Gedanke von Besitz tritt in den Hintergrund, stattdessen geht es um flexible Nutzung: Auto, Rad, Bahn – je nach Bedarf.
Welche Verkehrsmittel werden in Zukunft verschwinden?
Verschwinden wird wohl keines. Aber die Zukunft wird vernetzter, digitaler und viel stärker mit Stadtplanung und Wohnen verbunden sein. Entscheidend ist, wie Mobilität vor Ort konkret verfügbar gemacht wird.
Siehst du dich selbst als Mobilitäts-Influencerin?
Mit dem Begriff tue ich mich schwer. Ja, wahrscheinlich beeinflusse ich Menschen durch meine Vision, die ich öffentlich ausspreche. Aber ich sehe mich mehr als Netzwerkerin und Brückenbauerin. Mein Talent ist es, Menschen zusammenzubringen und Allianzen zu schmieden. Für mich ist entscheidend: Mobilität muss gemeinsam gestaltet werden. Deshalb freue ich mich über jedes Gespräch, das über Branchengrenzen hinausgeht. Nur so kommen wir wirklich voran.
In Krisenzeiten schauen viele Unternehmen eher auf sich. Gibt es trotzdem Chancen für mehr Vernetzung?
Gerade in Krisen entstehen oft die besten Allianzen. Aber klar: Wir brauchen auch wirtschaftliches Wachstum, sonst kann sich niemand mehr ein Dienstrad oder andere innovative Mobilitätslösungen leisten. Ohne eine Trendwende in Deutschland wird es schwierig.
Ist eine solche Trendwende nicht nur Aufgabe von Politik und Wirtschaft, sondern auch eine der Gesellschaft?
Die, die heute Vollzeit arbeiten, leisten schon genug. Das Problem liegt eher darin, dass wir seit Jahrzehnten keine Produktivitätssteigerung pro Arbeitsstunde erreicht haben. Zudem schöpfen wir Potenziale nicht aus: Frauen, die wir wegen fehlender Kinderbetreuung verlieren, ungenutzte Möglichkeiten beim Thema Migration und ältere Menschen, die gern weiterarbeiten würden. Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen: von Steueranreizen für Mehrarbeit bis hin zu schnelleren Integrationsprozessen für Fachkräfte. Nur so können wir unsere Wirtschaftskraft halten.
Krise als Chance – hast du das aus deiner Familiengeschichte gelernt?
Ja, wir haben viele Höhen und Tiefen erlebt. Entscheidend war immer: Zusammenhalten, Mut behalten und an die Menschen glauben. Das habe ich auch bei meiner eigenen Gründung gespürt: Ein leidenschaftliches Team kann unglaublich viel bewegen.
Welche Startup-Idee müsste man dir für die Zukunft der Mobilität präsentieren, damit du sofort einsteigst?
Ganz klar: eine voll vernetzte Mobilitätsplattform, gestützt durch KI, datengestützt und konsumentenorientiert. Der Community-Gedanke spielt dabei eine wichtige Rolle. Nur gemeinsam, branchenübergreifend, können wir solche Ideen verwirklichen.
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Christina Diem-Puello stammt aus einer unterfränkischen Unternehmerfamilie mit über 100 Jahren Fahrrad-Tradition. 2020 gründet sie mit ihrem Ehemann das Unternehmen DD Deutsche Dienstrad GmbH, das Leasing- und digitale Mobilitätslösungen im Fahrradbereich bietet. Seit Mai 2024 ist sie Präsidentin des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU).Dranbleiben: | Christina Diem-Puello im Businesspunk Podcast "How to Hack" über Bodenständigkeit als Wert| Christina Diem-Puello auf Linked-in