Ola Källenius steuert als Mercedes-Benz-CEO das Flaggschiff der deutschen Autoindustrie – und die Marke mit der längsten Geschichte. Im Interview mit Turi.Moove-Chefredakteurin Birgit Priemer fordert Källenius für Deutschland "mehr Mut und Entschlossenheit" und verrät, warum der Geruch von Leder beim Autokauf entscheidend sein kann.

Interview: Birgit Priemer, Fotos: Holger Talinski, Hans-Dieter Seufert, Lesezeit: 10 Minuten

Ola Källenius, geboren 1969 in Västervik, Schweden, ist Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz Group AG. Er studiert Internationale Betriebswirtschaft in Stockholm und St. Gallen und tritt 1993 in die damalige Daimler-Benz AG ein. Seit 2019 führt Källenius den Konzern mit seinen 175.000 MitarbeiterInnen. Er legt seine Schwerpunkte auf Elektromobilität, digitale Innovationen und eine nachhaltige Luxusstrategie.

Es gibt kaum eine Automarke, die auf so eine Tradition zurückschauen kann wie Mercedes-Benz. Hier im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart wird das erlebbar. Wie tragfähig ist Nostalgie?
Als Erfinder des Automobils haben wir eine fast 140-jährige Tradition. Und die pflegen wir natürlich. Unsere Geschichte stiftet bei Kunden und Fans Identität und Vertrauen – beispielsweise in unsere über Jahrzehnte stetig verbesserten Sicherheitstechnologien, die uns zu einem Vorreiter in der Branche machen. Deswegen werden wir auch künftig auf ihr aufbauen, sie fortführen und aus ihr heraus die Zukunft gestalten. Der Blick geht vor allem nach vorne: Die wichtigste Tradition bei Mercedes ist Innovation.

Wie setzen Sie das konkret in der Produkt- und Marketingstrategie um?
Schauen Sie sich das Gesicht unseres neuen GLC an. Unser Designteam hat sich hier von unserer Geschichte inspirieren lassen und einen ikonischen Klassiker mit Reduktion, klaren Linien und modernster Technologie neu interpretiert. Der Chromgrill lässt sich illuminieren, hat 942 Polycarbonat-Punkte mit dahinter liegenden LEDs und trägt zu höherer Sicherheit bei. Und Sie erkennen sofort: Das ist ein Mercedes!

Streifen Sie als Vorstandsvorsitzender auch mal mutterseelenallein durch das Museum und suchen Inspiration für die Weiterentwicklung des Unternehmens?
Ja, das kommt schon vor. Das Museum ist ein besonderer Ort, der Geschichten erzählt. Von unvergesslichen Autos und Momenten, von der Fähigkeit, Neues zu schaffen und Limits zu verschieben. Und auch von Visionen und Zukunft. Davon lasse ich mich immer wieder gerne inspirieren – ebenso wie von der Tatsache, dass in der Geschichte von Mercedes-Benz noch Platz für mehr ist.

»Beim neuen GLC erkennen Sie sofort: Das ist ein Mercedes. Unser Designteam hat sich von unserer Geschichte inspirieren lassen und einen ikonischen Klassiker mit Reduktion, klaren Linien und modernster Technologie neu interpretiert«

Und in welchen Klassiker setzen Sie sich dabei besonders gerne?
Das ist genauso unmöglich zu beantworten, wie die Frage, ob man ein Lieblingskind hat. Aber im Ernst, wie auf fast alle Besucherinnen und Besucher strahlt der 300 SL Flügeltürer auch auf mich eine ganz besondere Anziehung aus.

Gibt es ein Modell eines Wettbewerbers, das Sie selbst gern im Programm hätten?
Es gibt viele beeindruckende Modelle von Wettbewerbern. Aber ich bin stolz auf die Vielfalt und Stärke unserer eigenen Produktpalette. Jeder Mercedes-Benz ist ein Statement für sich und zeigt unsere Fähigkeit, Design, Qualität, Spitzentechnologie und Sicherheit bestmöglich zu vereinen.

Wie können wir uns das Leben von Ola Källenius vorstellen, wenn er nicht in Amt und Würden ist oder durchs Mercedes-Museum schlendert, sondern einfach mal privat sein darf?
Das kommt zurzeit nicht so oft vor. Aber wenn mal Freizeit ist, bin ich ein Familienmensch mit einer Vorliebe für U.S.-Sport, Formel 1 und gute Filme.

Wie hat Sie Ihre schwedische Herkunft geprägt, was an Ihnen ist typisch schwedisch? Und wie beeinflusst das Ihren Führungsstil?
Wahrscheinlich vordergründig die Tatsache, dass ich meine Kollegen schneller als hierzulande üblich duze. Aber ich denke, dass guter Führungsstil keine Nationalität hat. Ich verstecke meine schwedische Herkunft nicht. Aber sie hat weder auf meinem beruflichen Weg eine Rolle gespielt, noch tut sie das im täglichen Umgang.

Mit Schweden als Heimat haben Sie einen besonderen Blick auf Deutschland. Was denken Sie, wenn Sie durchs Land reisen?
Seit zwei Jahren habe ich auch einen deutschen Pass. Lassen Sie mich daher als Deutscher antworten: Dieses Land ist der wirtschaftliche Motor Europas. Wir bei Mercedes-Benz wollen helfen, ihn wieder auf Touren zu bringen. Denn wir sind überzeugt von den Menschen, die hier leben und arbeiten – von ihrem Können, ihrem Einsatz und ihrem Zusammenhalt.

Und was würden Sie als erstes an Deutschland verändern?
Wir haben allen Grund, optimistisch nach vorne zu schauen. Das sollten wir bei all den Herausforderungen, die vor uns liegen, beherzigen. Neue, bahnbrechende Technologien können uns helfen, sie zu bewältigen. Denken Sie nur an die Potenziale von KI. Insgesamt würden uns mehr Mut und Entschlossenheit an der ein oder anderen Stelle gut tun – ob in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft. Gehen wir die Herausforderungen gemeinsam aktiv an!

»Insgesamt würden uns mehr Mut und Entschlossenheit an der ein oder anderen Stelle gut tun – ob in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft«

Zum Beispiel?
Nehmen Sie das automatisierte Fahren. Seit einigen Jahren können unsere Kundinnen und Kunden mit Drive Pilot automatisiertes Fahren auf Level 3 nutzen – in Deutschland sogar bis zu 95 km/h schnell. Level 3 bedeutet: Man darf während der Fahrt ganz legal andere Dinge machen, wenn das System aktiv ist. Filme schauen oder Zeitung lesen zum Beispiel. Und mit dem neuen CLA kann man schon ganz ohne Level 3 Teams-Videoanrufe durchführen. Als erster Automobilhersteller ermöglichen wir hierfür während der Fahrt die Nutzung der Innenraumkamera. Sobald die Innenraumkamera an ist, schaltet sich der Videostream automatisch aus. Dadurch minimieren wir die Ablenkung für den Fahrer und maximieren die Sicherheit während der Fahrt. Hier wird es in den nächsten Jahren noch sehr viel mehr Entwicklungen geben.

Die Automobilindustrie durchlebt stürmische Zeiten: der Transformationsprozess von Verbrenner zu Elektro stockt, die Gewinne schrumpfen, die Konkurrenz wächst. Was bewegt den Kapitän an Bord eines Tankers wie Mercedes-Benz?
Stimmt, die Lage der Automobilindustrie ist stürmisch und spannend wie nie. Aber die wichtigste Aufgabe für mich bleibt gleich: das Schiff auf Kurs halten. Daran arbeite ich jeden Tag mit sehr viel Freude. Und ich bin dankbar, dass ich dabei die gesamte Mercedes-Crew an meiner Seite weiß.

Was gibt Ihnen Kraft dabei, woraus ziehen Sie Energie?
Ganz klar: begeisterte Kunden. Manchmal bekomme ich Feedback, das unter die Haut geht. Wie neulich von einer Familie aus Kalifornien, deren Tochter einen schweren Unfall in einer C-Klasse hatte. Sie bekam nur ein paar Schrammen ab. Ihr Vater schrieb mir, dass man von einem Wunder sprechen könnte – er aber sagen würde, dass unsere Sicherheitstechnik ihr das Leben gerettet hätte. Jetzt hat sich die Familie einen neuen GLC gekauft. Für diese Momente geben unser Team und ich jeden Tag unser Bestes.

Welche Weichen müssen Sie als Vorstandsvorsitzender selbst aktuell stellen?
In den vergangenen Jahren haben wir massiv in Innovationen investiert und verfügen dadurch über ein großes Spektrum an wegweisender Technik. Vieles davon findet sich im neuen CLA: Er ist das effizienteste Serienfahrzeug, das wir je gebaut haben. Man könnte sagen: das Ein-Liter-Auto des elektrischen Zeitalters. Er verfügt über bis zu 792 Kilometer Reichweite, in zehn Minuten sind bis zu 325 Kilometer nachladbar. Und er hat MB.OS an Bord, unser neues, selbst entwickeltes Betriebssystem. Die Werte für die elektrische Variante des GLC bewegen sich in einer vergleichbaren Größenordnung. Wir haben ihn im September 2025 auf der IAA Mobility in München vorgestellt und das Feedback war fantastisch. Der GLC ist unser Bestseller – seine Erfolgsgeschichte wollen wir mit der Elektrovariante fortsetzen.

Ihr Kurs für Mercedes lautet also: Volle Investitionskraft voraus – trotz finanziell schwieriger Zeiten?
Beide Autos, der CLA und der GLC, sind Teil der größten Produktoffensive unserer Geschichte. In den nächsten drei Jahren werden wir Dutzende neue Modelle auf den Markt bringen. Gleichzeitig ist unsere Bilanz äußerst robust. Im vergangenen Jahr lag unsere Netto-Liquidität beispielsweise bei rund 30 Milliarden Euro. Beides ist wichtig, denn Innovationskraft und Finanzkraft bedingen sich gegenseitig.

Von welchen Unternehmen abseits der Autoindustrie lassen Sie sich inspirieren?
Ich mag Unternehmen, die sich durch Technologie, Design und Kundenorientierung auszeichnen. Das ist auch für Mercedes-Benz der Weg, um weiterhin erfolgreich zu sein. Sehr gut gefällt mir beispielweise die Zusammenarbeit zwischen Mercedes-AMG und Adidas. Beide vereinbaren Power und Innovation, um Höchstleistung zu bringen. Das passt.

»Das Ziel ist klar: null Emissionen. Die Elektromobilität ist dabei aktuell die vielversprechendste, weil effizienteste Technologie«

Stichwort Mercedes-AMG: Auch die Formel 1 muss sich mit dem Thema der Klimaneutralität auseinandersetzen. Wie wird das gelingen?
Die Formel 1 ist das perfekte Testfeld für die Entwicklung von Technologien für eine klimaneutrale Zukunft. Schon immer wurden hier Innovationen entwickelt, die dann den Weg von der Rennstrecke auf die Straße finden. Gerade Toto Wolff und unser Mercedes-AMG Petronas Team gehen mit einer ambitionierten Nachhaltigkeitsstrategie voran. So haben sie sich vorgenommen, eines der nachhaltigsten professionellen Sportteams der Welt zu werden.

Mercedes hat den vollelektrischen AMG Concept GT XX mit 1360 PS vorgestellt. Können wir in Zukunft jede Form der Mobilität mit gutem Gewissen ausleben?
Der AMG Concept GT XX zeigt, dass Performance und Nachhaltigkeit sich nicht ausschließen. Es geht darum, die AMG-typische Begeisterung in die elektrische Welt zu übertragen.

Wie lösen wir den Zielkonflikt zwischen Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit?
Durch Forschung und Entwicklung können wir nachhaltige Technologien leistungsfähiger und kostengünstiger machen. Skaleneffekte und technologische Fortschritte werden dazu beitragen, dass beides Hand in Hand geht.

Ist die Elektromobilität in Zukunft der alleinige Schlüssel zum Erfolg in Sachen Klimaschutz?
Das Ziel ist klar: null Emissionen. Die Elektromobilität ist dabei aktuell die vielversprechendste, weil effizienteste Technologie. Für umfassenden Klimaschutz ist es allerdings wichtig, dieses Thema ganzheitlich anzugehen und auch Aspekte wie Recycling, klimaneutrale Produktion und den CO2-Ausstoß in der Lieferkette zu berücksichtigen. All das haben wir bei Mercedes im Blick.

Sie schätzen den chinesischen Weg zur Dekarbonisierung mit mehr Flexibilität und Kunden-Anreizen. Wie könnte eine europäische Variante davon aussehen?
Bislang reagiert die EU vorwiegend mit Verboten und Strafen auf einen multidimensionalen Systemwechsel. Das führt dazu, dass die aktuelle Klimaschutzpolitik in Europa keine Wirtschaftskraft schafft. Vielmehr kostet sie Wirtschaftskraft. Es gäbe einen anderen Ansatz, der auf Technologieoffenheit, Flexibilität und Pragmatismus basiert und auch die globale Situation berücksichtigt. Plug-in-Hybride, Range Extender und synthetische Kraftstoffe – besonders im Hinblick auf die Bestandsflotte – müssen als relevanter Teil auf dem Weg zur Dekarbonisierung betrachtet werden. Wir sollten alle Hebel nutzen, um weiter voranzukommen.

Was wird in Sachen Mobilität verschwinden und was wird bleiben?
Bleiben wird die Faszination für das Automobil. Und es ist unsere Aufgabe, dieses Gefühl in eine dekarbonisierte und digitale Zukunft von Mercedes-Benz zu übersetzen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich bei Mercedes angefangen habe. Viele Themen, die damals an Science-Fiction grenzten, sind heute Realität.

Wie könnte das nächste Concept Car der Kernmarke Mercedes aussehen und welche Eigenschaften muss es transportieren?
Mit unserem nächsten Showcar verschmelzen wir zeitloses Design und ikonische Markencodes, die Mercedes-Benz geprägt haben. Das heißt, wir werden traditionelle Elemente neu interpretieren und ins digitale Zeitalter überführen. Die Designsprache wird das verkörpern, was den Kern unserer Marke seit Jahrzehnten ausmacht: Eleganz, Präsenz und Status. Wer dieses Auto sieht, wird sofort erkennen: Das ist ein Mercedes-Benz.

»Emotionen sind beim Autokauf entscheidend. Selbst Kunden, die behaupten, einen bloßen Gebrauchsgegenstand zu suchen, wollen am Ende einen Gefährten, der ihnen auch emotional sympathisch ist«

Wie wichtig sind Emotionen beim Autokauf?
Emotionen sind beim Autokauf entscheidend! Selbst Kunden, die behaupten, einen bloßen Gebrauchsgegenstand zu suchen, wollen am Ende einen Gefährten, der ihnen auch emotional sympathisch ist und zu ihnen passt. Ein technisches Datenblatt liefert zwar viele gute Argumente für den Kauf eines Autos. Aber nachhaltig differenzieren können wir uns bei Mercedes, weil wir schon immer das Besondere bieten: Wie sich ein Lenkrad anfühlt. Wie eine zufallende Tür klingt. Oder wie hochwertiges Leder riecht. Das alles muss sich mit vielen anderen Details zu einem echten Gesamterlebnis vereinen. Und für dieses Gesamterlebnis steht unser Stern.

Werden in Zukunft andere Dinge wichtiger fürs emotionale Gesamterlebnis?
Natürlich spielen Technologie, Entertainment und das Digitale eine immer stärkere Rolle. Auch das fügt sich ins Gesamterlebnis ein – und auch hier sind wir führend. Schon beim Einsteigen in unsere Fahrzeuge und die Begrüßung durch den „Virtual Assistant“ entsteht ein Gefühl von Komfort, Sicherheit und Geborgenheit. Ein bisschen wie Nachhausekommen.

Welche Spuren wollen Sie in der Geschichte von Mercedes-Benz hinterlassen, welcher Satz sollte darin über Sie stehen?
Für einen begrenzten Zeitraum darf ich zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen die Verantwortung für diese großartige Marke und das Unternehmen tragen. Wenn wir irgendwann den Staffelstab an die nächste Generation weitergeben, soll Mercedes-Benz in einem noch besseren Zustand sein.