Transformationsforscherin Maja Göpel spricht für Turi.Moove über ihre persönliche Mobilität, darüber, was sie gern ändern würde in der Verkehrspolitik, und was sie tut gegen den Frust über ungute Veränderungen.
Fotos: Johannes Arlt; Lesezeit: 9 Minuten
Maja, welche Rolle spielt Mobilität in deinem Leben?
Eine viel zu große. Für viele Arbeitstermine pendel ich nach Berlin rein und dann düse ich ständig zu Vorträgen oder Veranstaltungen. Die Deutsche Bahn ist mein engster Begleiter - und das ist durch die vielen Verspätungen und Ausfälle wirklich anstrengend geworden. Nächstes Jahr mache ich mehr online oder schriftlich und nicht mehr so viel live.
Mit welchen Autos bist du aufgewachsen?
Meine Mama hatte einen Passat und als ich zum Studieren ging, hatte ich einen Opel Corsa. Dann viele Jahre nichts, bis ich vor 15 Jahren einen ausgebauten Sprinter zum Campen und Pferdeleben erworben habe. Gibt jetzt langsam den Geist auf, war aber ein toller Freund.
Welche Mobiltät war wichtig für den Teenager Maja?
Bus in die Stadt oder dann das Anrufsammeltaxi zur Straßenbahn, wir haben außerhalb gewohnt und etwas weit für Fahrradfahren. Auch gab es die knallrote Vespa, mit der wir noch weiter raus zu den Pferden gefahren sind, auch damals schon war das meine allerliebste Form der Fortbewegung!
Was nutzt du heute?
In Potsdam viel die Füße, das Rad oder die Tram, nach Berlin rein den Regio oder die S-Bahn, längere Strecken die Fernbahnen - und zu den Pferden den Sprinter. Fliegen bleibt die Ausnahme.
Was liebst du am Unterwegssein?
Schön ist es, wenn das Unterwegssein auch ein wenig Sein in sich hat. Aus dem Fenster gucken und Gedanken schweifen lassen und die Landschaft schön finden. In die Pedale treten oder beim Laufen den Körper spüren, wie er sich fortbewegt und von Wind und wechselnden Temperaturen umschmeichelt wird. Die Inspiration durch andere Umfelder.
Was magst du nicht?
Stressig wird es, wenn mal wieder Verbindungen implodieren, ich aber irgendwo auf einer Bühne angekündigt bin.
Wie belebt Bewegung dein Leben?
Da ich viel mit dem Kopf arbeite, brauche ich dringend einen Ausgleich. Das ist aber sicher nicht motorisiert möglich, da muss ich schon selbst körperlich aktiv werden - und werde dann ja auch mit Glücksgefühlen, Ausgeglichenheit und neuer Energie belohnt.
Wieviel Veränderung mutest du dir zu?
Zu viel, heißt es immer aus meinem Umfeld. Was wohl im Vergleich zu vielen anderen Lebensentwürfen stimmt. Aber aus der Veränderungsbereitschaft her schöpfe ich auch Mut und Zuversicht - wenn Plan A nicht aufgeht, dann gibt es ja noch B und C. Insgesamt ist es die Dosierung, die manchmal aus dem Ruder läuft.
Wo bist du immobil - an was hältst du fest?
Meine Kinder sind die absolute Konstante. Sie brauchen ein gutes Umfeld und ihre Eltern in ihrem Alltag, auch wenn wir inzwischen getrennt leben. Also bleibt der persönliche Lebensmittelpunkt räumlich klar markiert, bis sie eigene Wege gehen.
Wie leicht fallen dir Wohnortwechsel?
Oh, ich mag die im Ergebnis sehr gerne! Nur den Umzug selbst nicht, das ist riesig anstrengend, gerade mit einem Mehrpersonenhaushalt. Wir wohnen jetzt seit 14 Jahren in Berlin und Umfeld und auch wenn da zwei Kieze, Werder und Potsdam, dabei Stationen gewesen sind, bekomme ich langsam etwas Hummeln.
Wie cool ist Potsdam?
Es ist unglaublich pittoresk und ich liebe Wasser und kurze Wege. Gastronomie und Kultur gibt es auch viel Auswahl - und Berlin ist für alle Unersättlichen um die Ecke. Für mich gerade der beste Ort.
Wohin bewegst du dich?
Weniger machen und dafür einzelne Sachen mit mehr Zeit. Auch mehr Zeit für mich. Das ist der Plan für 2026.
Was willst du noch erreichen?
Mehr Gelassenheit. Mein Lebensthema.
Welche Veränderungen braucht unsere Mobilität?
Es wäre sehr wünschenswert, wenn wir von der Faszination für die schnellste Verbindung und die coolste Einzelkarre auf ein Verständnis für die Effekte auf Lebensräume und -rhythmen umschwenken würden. Erst wenn wir alle Bedürfnisse gut beschrieben haben, kann auch die beste Lösung, das beste Design entwickelt werden. Dafür braucht es eine viel besser abgestimmte Zusammenarbeit der Akteure im Mobilitätssystem.
Was wünschst du dir von der öffentlichen Hand?
Einen Plan. Eine Vision. Lokal passende Angebote, wie es so viele Städte und Regionen außerhalb Deutschlands ja gut hinkriegen, von Kopenhagen über Gent nach Paris, Tokyo oder Luxemburg.
Wieviel öffentliche Flächen geben wir künftig dem Auto?
Bitte deutlich weniger! Dafür angemessene Miete und Maut bezahlen wäre ein guter Anfang, um die Kosten und Subventionierung der aktuellen Praxis deutlich zu machen. Gerade bei der jetzigen Haushaltslage wäre es wichtig, die Frage nach Wirkung von öffentlichen Rahmenbedingungen und politischen Instrumenten wirklich ernst zu nehmen und Prioritäten zu setzen.
Was wünschst du dir von der Autoindustrie?
Ich wünsche mir viel mehr Ehrlichkeit dabei, welchen Anteil Überheblichkeit, Managementfehler und Überbürokratisierung in ihren eigenen Unternehmen hatte und hat, anstatt immer die Politik oder die Konsumenten verantwortlich zu machen.
Was würdest du gern verändern?
Mehr darüber berichten, welche positiven Effekte durch veränderte Infrastrukturen, Angebote und Anreize entstehen. Gerade in Städten steigt die Lebensqualität durch eine Raumplanung, die vom Bedürfnis der Menschen aus startet. Es gibt viele gute Vorbilder. Erhebungen zu den Effekten widersprechen typischen Vorurteilen: Menschen würden dann weniger einkaufen oder in Restaurants gehen. In Potsdam habe ich das Glück, in einer der Straßen zu wohnen, die nun Spielstraßen wurden und die Gastronomie ihre Flächen auf die bisherigen Parkplätze am Straßenrand ausweiten durfte. Die Besucherzahlen steigen und es ist eine schöne Umgebung mit viel Grün und Begegnungen geworden. Parkflächen und -häuser gibt es ausreichend in Laufdistanz um den Innenstadtkern herum.
Warum wählen Menschen rechte Autokraten?
Wer darauf eine einfache Antwort hat, sollte sofort den Friedensnobelpreis bekommen. Mir leuchtet ein, dass Ohnmachtsgefühle aufgestaut wurden, und dann gibt es eine depressive wie eine aggressive Form der Verarbeitung. Eine wendet sich nach innen und die andere nach außen. Magersucht, Bodyshaping, Überkonsum, Overstyling - all diese Phänomene nehmen zu. Gewalttaten genauso. All diese Trends lassen sich als Suche nach Kontrolle und Wirksamkeit lesen. Die von Autokraten vorgelebte Rücksichtslosigkeit und Unterdrückung erlaubt dann durch eine Art Identitätsübertragung, sich selbst stark zu fühlen.
Wie gehst du persönlich mit Veränderungen um, die alles andere als gut sind für die Mehrheit der Menschen?
Ich lese mich genau in diese Themen ein und versuche, möglichst früh die Muster zu benennen. Denn es geht hier um eine brutale Attacke auf bisherige Wirklichkeitsübereinkünfte und Verhaltenskodizes, um unsere Umgangsformen und die Geschichten, mit denen wir sie legitimieren. Ob die AfD, Trump, Milei und Putin nun die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Klimawandel und Umweltschäden erst hinterfragen und dann aus der öffentlichen Darstellung und Förderung verbannen oder die TechBros - allen voran Elon Musk - mit ihren digitalen Plattformen, Infrastrukturen und KI Systemen einen eigenen Wahrheitsraum kuratieren; all das zeigt ja, wie wirkmächtig der sozio-kulturelle Überbau oder narrative Kleber in menschlichen Gemeinschaften und ihren Ideen von richtigem oder falschem Handeln ist.
Das heißt konkret?
Der massive Vorstoß der Trump Administration, Wissenschaft, Medien und Gerichte erst zu delegitimieren und dann unter politische Kontrolle zu bekommen, macht mir sehr große Sorgen, weil wir das Playbook auch in Deutschland und Europa überall sehen. Heute spreche ich Selbstverständlichkeiten aus und viele Menschen bedanken sich dafür, dass ich “den Mut” habe, das zu tun. Wow, Wissenschaft ernst nehmen und auf zivile Umgangsformen wie regelbasierte Politik pochen ist jetzt etwas, was dich zur Zielscheibe macht. Frauen stehen da besonders im Feuer, wie wir mit Frauke Brosius Gersdorf, Dunja Hayali, aber auch Katharina Barley sehen, die im digitalen Raum mit Hass und Hetze überzogen werden, wenn sie aufzeigen, wo solche Selbstverständlichkeiten unter Druck geraten.
Wie kann jeder persönlich damit umgehen, dass es derzeit weltweit einen gesellschaftlichen Rollback gibt?
Wir dürfen uns von dem lauten Geschrei der Rücksichtslosen nicht kirre machen lassen. Wir wissen aus detaillierten Umfragen, dass sich eine klare Mehrheit der Menschen in Deutschland weiterhin effektive Kooperation und weniger Egoismus wünscht. Regelmäßig geben 70 % an, dass sie bereit wären, sich selbst (noch mehr) zu verändern, wenn sie wüssten, dass es alle tun. Genau das wollen die Schreier aber übertünchen und wenn wir uns erst einmal in der Minderheit wähnen, werden wir stiller. Je aggressiver die Abstrafungen für diejenigen, die sich noch zu Wort melden, umso schneller hängen wir in der Schweigespirale. Oder einem angstgetriebenen Mitmachen. Und wenn ich dann einmal dabei bin, finden leider auch Gewöhnungseffekte statt, ich möchte ja gerne, dass mein Verhalten schon ok so ist.
Was können wir im Beruf tun gegen den Weg der Unvernunft?
Der Arbeitskontext ist sehr wichtig, weil wir hier viel Zeit verbringen und erst einmal zusammen Dinge in die Welt bringen, die nicht unbedingt politisch sind. Da merken wir ja schnell, dass wir gar nicht so anders sind als andere Menschen und was es ausmacht, wenn Umgangsformen kippen. Hier möglichst schnell aufstehen und sich einer Erosion des Anstands entgegenstellen ist zentral. Insbesondere auch, sich daneben zu stellen, wenn jemand anderes den Anfang macht. Die drakonische exemplarische Abstrafung, Gruppenhaft und damit eine Divide-and-Rule Strategie ist es ja gerade, mit der Trump alle vor sich hertreibt.
Du bist Transformationsforscherin und Aktivistin für umfassende soziale und ökologische Veränderung. Wie demütigend ist es für dich, dass alle Veränderungen gerade so negativ sind?
Demütigend? Gar nicht. Warum auch? Weder die Faktenlage zur Notwendigkeit des Handelns noch die sozialen und ökonomischen Vorteile einer nachhaltigen Welt sind ja ernsthaft hinterfragt. Nur weil sehr mächtige Männer gerade schamlos verkünden, dass es ihnen nur noch um sich selbst und ihr aufgeblasenes Ego geht, ist das doch kein Makel auf der Seite derer, die sich für Anstand, Respekt, Kooperation und Fortschritt einsetzen. Irritierend ist doch eher, warum so viele sich ins Mittelalter zurückführen lassen wollen. Das beschäftigt mich sehr.
Und Trump kommt damit durch.
Es ist schmerzvoll, anzusehen, wie viele dann doch lieber versuchen, für sich einen Sonderweg rauszuhandeln, anstatt gemeinsam dagegenzuhalten. Auch der europäische Zoll-Deal ist damit stark torpediert worden: Auf einmal fahren Autokonzernchefs direkt nach Washington, anstatt dass sie das Parkett der EU-Kommission für eine abgestimmte und damit starke Position überlassen? Das war für mich ein Tiefpunkt des kurzfristigen Egoismus und Selbstüberschätzung in einem Zug. Nur viele Kleine machen einem Großen Beine, das Sprichwort ist schon richtig.
Was kann die Einzelne tun?
Standhaft bleiben und Banden bilden. Sich auf das direkte Umfeld konzentrieren und Social Media öfter mal ausschalten. Beweglich bleiben. Gewohnheiten sind genau das und haben sich historisch betrachtet immer verändert. In der Regel finden Trends immer wieder Gegentrends. Die müssen aber angeschoben werden.
Sind wir beweglich genug im Kopf?
Aktuell beobachten wir, wie der Wunsch nach Sicherheit einen Blick in den Rückspiegel unterstützt, das Gewohnte soll bleiben. PopulistInnen machen sich diese psychologisch zunächst verständliche Orientierung gezielt zu Nutzen, um jede Veränderung als Übergriff oder Weg in die Verarmung darzustellen. Da kann ich nur immer wieder raten, sich umfassender zu informieren und sich klarzumachen, dass selbst 24 % Umfragehoch immer noch bedeuten, dass 76 % andere Parteien präferieren, “das Volk” also viele Personen umfasst, die nicht so laut schreien und die kompromissorientiert sind.
Wie bleibst du fröhlich in unfrohen Zeiten?
In den Moment kommen. Familie, Natur, Tiere, Musik – und körperliche Aktivität.
Was macht dir Mut?
Persönliche Gespräche, die immer wieder zeigen, dass wir Menschen uns tief drinnen ganz ähnliche Dinge wünschen. Der Blick in die Innovationsräume - wir haben so viele technologische, soziale und politische Lösungen in petto! Und jetzt mutige Menschen, die sich dem Verfall entgegenstellen und damit Führung übernehmen, Vorbild sind.
In welche Richtung würdest du die Medien gern verändern?
Mir fehlen oft drei Sachen in der Berichterstattung. Erstens Kontext: Worum geht es eigentlich, was ist das übergeordnete Ziel? Bevor dann ein Vorschlag oder eine Maßnahme heiß diskutiert wird. Zweitens Umkehrschluss: Was passiert, wenn wir jetzt nichts verändern wollen oder diesen Vorschlag ablehnen? Wie die Beibehaltung des Status Quo sich auswirkt, wird fast nie mit in die Gleichung geworfen. Drittens Inspiration: Wer tut schon was ähnliches und wie ist das gelungen, was sind die Ergebnisse und was können wir davon lernen?
Was bewegst du?
Die Frage stelle ich mir tatsächlich sehr oft! Denn mein Job ist ja erst einmal, zu analysieren, zu kommunizieren und damit zu motivieren. Das ist sehr indirekt und real wird Veränderung erst beim Machen. Nur: Menschen sind eben sinnsuchende und geschichtenerzählende Wesen, ihre Entscheidungen werden durch den Blick auf die Welt und “die anderen” geprägt. Wir erklären Verhalten oder Legitimität entsprechend. Hier bin ich in der glücklichen Situation, dass ich immer und immer wieder zurückgemeldet bekomme, wie Menschen durch meine Bücher und Vorträge oder Artikel nicht nur ihren Blick auf die Welt verändert haben, sondern auch ihr Handeln.
Immerhin.
Heute kommt auch immer häufiger ein Dankeschön, dass ich bei allen Themen die drei Fragen berücksichtige: Worum geht es eigentlich? Was ist der Umkehrschluss? Wo passiert schon was? Je doller die Krise, umso wichtiger sind Verständnis, Handlungsoptionen und Sinn – aus diesen drei Zutaten erwächst Resilienz.
***
Prof. Maja Göpel ficht als Politökonomin, Podcasterin, Buchautorin, TV-Talkerin und Speakerin für einen gesellschaftlichen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit. Ihr neustes Buch „Werte. Ein Kompass für die Zukunft“ gewann den Publikumspreis als bestes Wirtschaftsbuch 2025.Dranbleiben: | Maja Göpels Podcast Neu denken bei Podcast.de | Maja Göpel: Werte - ein Kompass für die Zukunft. Bei Brandstätter | Maja Göpel auf Instagram | Maja Göpel auf Linked-in |