0,8 Prozent Marktanteil, 700 Prozent Wachstum: BYD kommt in Deutschland „quasi aus dem Nichts“, sagt Deutschlandchef Lars Bialkowski. Er erklärt Harald Hamprecht die Marketingstrategie, aus der chinesischen Marke eine europäische zu machen, warum Probefahrten das beste Vertriebsinstrument sind und wie er das Vertrauen in die Marke stärken will.

Fotos: BYD, Imago, Picture Alliance, privat; Lesezeit: 7 Minuten

Wie geht’s, Lars Bialkowski?
Sehr gut, danke. Ich bin voller Tatendrang ins neue Jahr gestartet. Es gibt viel zu tun, aber noch mehr Motivation bei meinem Team und mir.

Du hast fast dein ganzes Berufsleben bei Renault und Stellantis verbracht. Wie schmeckt die Arbeit für eine chinesische Marke?
Sie schmeckt aufregend. Nach Aufbruch und Optimismus. Und das ist, wie du weißt, in unserer Branche gerade nicht selbstverständlich.

Wie schätzt du die aktuelle Situation der Automobilindustrie in Deutschland denn ein?
Sie befindet sich in einem gewaltigen Transformationsprozess. Der beschleunigt sich gerade noch einmal. Dass wir derzeit ein schwieriges Markt- und Wirtschaftsumfeld haben, muss ich dir nicht sagen. Was bedeutet das? Extrem schnelle und flexible Anpassungen an die Marktgegebenheiten und eine konsequente Kundenorientierung. Einzigartige Technologien zu erschwinglichen Preisen machen den Unterschied. Mit unserem BYD-Speed sind wir bestens vorbereitet.

»Wir haben rund eine Million Mitarbeiter weltweit, mehr als 120.000 Ingenieure für Forschung und Entwicklung, Produkte, die weit über das Auto hinausgehen – von Solaranlagen und Energiespeichern über Busse bis hin zu Gabelstaplern«

Was meinst du damit?
„BYD Speed“ ist mehr als ein dahingesagter Slogan. Unsere Geschwindigkeit unterscheidet uns sogar von anderen chinesischen Marken. Und unsere Größe ist bemerkenswert: Wir haben rund eine Million Mitarbeiter weltweit, mehr als 120.000 Ingenieure für Forschung und Entwicklung, Produkte, die weit über das Auto hinausgehen – von Solaranlagen und Energiespeichern über Busse bis hin zu Gabelstaplern. Und dann ist da natürlich das globale Wachstum. BYD ist mittlerweile auf fast allen Märkten am Start und globaler Marktführer bei Elektrofahrzeugen und Hybriden. Im vergangenen Jahr überholten wir sogar einen großen, prominenten Wettwerber bei den Verkäufen.

Tesla!
Korrekt. Wenn man unsere Plug-in-Hybride mitrechnet, ist uns das übrigens auch in Deutschland gelungen. Insgesamt haben wir rund 23.300 Neuzulassungen erreicht – ein Plus von mehr als 700 Prozent zum Vorjahr.

Wobei ihr noch einen überschaubaren Marktanteil von 0,8 Prozent habt.
Stimmt. Aber schau‘ bitte mal, in welch kurzer Zeit uns das gelungen ist. Wir kommen quasi aus dem Nichts. Das alles geht nur mit hoch motivierten Mitarbeitern. Einen solchen Spirit und Erfolgshunger in den Mannschaften, die ich bislang kennenlernen durfte, habe ich noch nie erlebt.

Wissen alle Kunden, dass BYD chinesischer Herkunft ist?
Immer mehr. Aber klar ist auch: Die Themen Markenbekanntheit, Vertrauen in die Marke sowie Klarheit und Offenheit in der Kommunikation werden auch in diesem Jahr ganz besonders wichtig.

»Wir wollen so viele potenzielle Kunden wie möglich an und in unsere Autos bekommen«

In der Vergangenheit haben China-Marken nicht den besten Ruf in Sachen Qualität gehabt. Schadet das Eurem Geschäft? Wie wollt ihr an dieser Stelle punkten?
Es ist unser Ziel, so viele potenzielle Kunden wie möglich an und in unsere Autos zu bekommen. Denn jeder, der schon mal in einem BYD saß oder eine Probefahrt gemacht hat, berichtet anschließend begeistert von der Qualität der Fahrzeuge.

Kritiker werfen BYD einen staatsfinanzierten Verdrängungswettbewerb vor. Wie geht ihr mit diesem Vorwurf um?
Ich konzentriere mich auf meinen Job. Und das ist, BYD auf dem schwierigen deutschen Markt sowie in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden nach vorn zu bringen. Sowohl bei den Marktanteilen als auch beim Ausbau der Vertriebs- und Servicenetze. Wir befinden uns in einer sehr spannenden Phase in Deutschland und BeNeLux. Es geht darum, die Marke in diesen Märkten schnell, erfolgreich und nachhaltig zu etablieren. Das erfordert meine volle Aufmerksamkeit.

Wo habt ihr noch weiße Flecken auf der Landkarte?
Wir konnten das Netz im Verlaufe des Jahres 2025 von anfangs 27 Points of Sale auf aktuell rund 150 ausbauen. Das meine ich mit „BYD Speed“. Und ja, es gibt Lücken auf der Landkarte, die es zu schließen gilt. Unser Ziel ist es, Ende 2026 rund 350 Stützpunkte zu haben. Jeder Kunde soll idealerweise nicht länger als 20 Minuten zu einem Händler oder einer Werkstatt fahren müssen.

Wie viele Mitarbeiter habt ihr in Deutschland - und wie soll diese Zahl wachsen?
Auch hier ist das Wachstum beeindruckend. Mein Team besteht inzwischen aus mehr als 100 hoch motivierten Mitarbeitern, Tendenz steigend. Demnächst ziehen wir in unser neues Hauptquartier in Offenbach. In Deutschland haben wir seit gut einem Jahr eine National Sales Company, in Europa beginnen wird in wenigen Wochen mit dem Hochlauf unserer Produktion in Ungarn. Wir möchten mittelfristig als europäischer Hersteller wahrgenommen werden. Und starten noch im April mit unserer Premium-Marke Denza.

Gib uns ein paar Details, bitte. Wofür steht Denza?
Denza steht für Technologie und Eleganz. Wir werden im Frühjahr mit zwei Modellen beginnen, dem sportlichen Shooting-Brake Z9 GT und dem Van D9. Weitere Modelle werden zügig folgen. Der erste Denza-City-Store in Europa eröffnete bereist im vergangenen September in München. Derzeit bereiten wir den Aufbau des Denza-Händlernetzes vor.

Worin bewegst du dich?
Derzeit fahre ich unseren rein elektrischen SEALION 7. Die Reichweite von bis zu 500 Kilometern ist ideal für die langen Fahrten, die mein Job mit sich bringt.

»Die Deutschen verteidigen ihre Position besonders intensiv«

Wie siehst die Rolle der deutschen Anbieter im globalen Wettbewerb?
Ich konzentriere mich ganz auf Deutschland, den vielleicht wettbewerbsintensivsten Markt der Welt neben China. Die Deutschen verteidigen hier ihre Position besonders intensiv. Diesem Wettbewerb stellen wir uns täglich und halten dem Druck sehr gut stand.

Wer waren deine wichtigsten Mentoren?
Thomas Hausch bei Nissan Central Europe und Uwe Hochgeschurtz bei Renault und dann später Stellantis. Beides sind sehr direkte, zielorientierte, kreative Top-Manager, mit denen die Arbeit größten Spaß gemacht hat.

Welche Autowerbung fasziniert dich – abgesehen natürlich von Eurer eigenen?
Da möchte ich keine herausgreifen. Was bei Werbung zählt sind Reichweite und Durchlagkraft. Da muss man offen sein und neue Wege gehen.

Und welche Werbung hat dich schon als Kind fasziniert?
Eine noch heute in den Ohren: Die Werbung von Toyota mit den Affen und dem Claim „Nichts ist unmöglich“.

Kommen wir zum Privatmann Lars Bialkowski. Was bewegt dich privat?
Meine private Zeit verbringe ich am liebsten mit meiner Familie. Viele Outdoor-Aktivitäten auch mit dem Hund, einem Kurzhaardackel, wir wandern und halten uns körperlich fit. Außerdem besuche ich gerne regelmäßig meine Eltern, die schon ein stolzes Alter erreicht haben.

Welche Herausforderungen hast du auf deinem Weg gemeistert?
Die größte Herausforderung in meinem bisherigen Wirken war das Eintauchen in unterschiedlichste Kulturen und Branchen: Vor meinem Eintritt in die Automobilbranche arbeitete ich fünf Jahre beim Landtechnik-Anbieter John Deere & Company. Damit kenne ich die Kulturen von US-Amerikanern, Japanern, Franzosen und jetzt Chinesen. Und es ist mir zum Glück immer gelungen, die lokalen Interessen zu vermitteln.

»Medizin wäre auch was für mich gewesen. Ich gebe meinen beiden Kindern mit, dass sie sich früh Gedanken über diese Weichen machen müssen«

Was würdest du heute anders machen, wenn du nochmal jung wärst?
Das habe ich mich oft gefragt. Ich habe BWL in Tübingen studiert. Das hat Spaß gemacht, ich glaube aber, Medizin wäre auch was für mich gewesen. Der Zug ist natürlich abgefahren. Aber ich gebe meinen beiden Kindern mit, dass sie sich früh Gedanken über diese Weichen machen müssen.

Wie bewältigst du Druck und Stress?
Manchmal muss man Dinge auch mal ruhen lassen, wenn es der Kalender erlaubt. Um sich danach voll darauf konzentrieren zu können. Sport und lesen helfen dabei.

Hast du Zeit für Belletristik? Welchen Buch-Tipp kannst du hier geben?
Ich lese keine Belletristik, aber Geschichtsbücher, um Themen unserer Vergangenheit zu reflektieren. Das hält den Geist fit. Insbesondere Mittelalter, Religionskriege und die jüngere Vergangenheit in Europa. Ich tausche mich auch mit den Kindern darüber aus.

Was möchtest du noch erreichen in deinem Leben?
Mein Ziel ist es, mit BYD weiter zu wachsen, die Organisation auf ein höheres Niveau zu bringen. Die Meilensteine bis 2028 sind definiert – auch für unsere Premiummarke Denza, die erfolgreich eingeführt werden will. Ein wichtiges strategisches Ziel ist es, BYD als europäischen Anbieter zu positionieren. Nicht nur die Produktion in Europa wird dafür maßgeblich sein, sondern auch, wie wir in Europa den lokalen Bedürfnissen gerecht werden. Das ist ein berufliches Ziel. Privat werde ich mit meiner Frau und den Kindern viel Reisen und an Küsten und Bergen Wandern. Da haben wir schon eine klare Roadmap.

Lars Bialkowski, 54, wechselte im Juni 2025 als Country Manager Deutschland und Regional Director für Belgien, Niederlande und Luxemburg zu BYD – nach fast drei Jahrzehnten bei europäischen Herstellern. Er kennt die Kultur von Japanern (Nissan), Franzosen (Renault) und Italienern (Stellantis). Bei BYD erlebt er „einen Spirit wie noch nie“. Sein Ziel: aus der chinesischen Marke eine europäische machen. Aktuelles E-Auto: ein SEALION 7.