Mit fünf Jahren entdeckt Andreas Mindt seine Liebe zum Auto. Heute entwirft er als VW-Chefdesigner Fahrzeug-Features, die Hoffnung geben, Werte tragen und Leben schützen.

Interview: Luca Leicht, Birgit Priemer, Andrea Weller; Lesezeit: 6 Minuten

Wann hat Ihre Leidenschaft für Autos angefangen?
Mein inzwischen verstorbener Vater ist mit mir in Wolfsburg ins Kino gegangen, da war ich fünf Jahre alt. Er war ebenfalls Autodesigner, zunächst bei GM und ist dann zu Volkswagen gewechselt. Das war mein erster Kinobesuch überhaupt. Wir haben einen „Herbie“-Film gesehen. Das war der Moment, an dem ich Volkswagen, Autos generell, lieben gelernt habe. In dem Streifen ist Herbie eigentlich der Underdog, aber er gewinnt gegen alle Ferraris in der Welt. Das fand ich wahnsinnig toll als Kind. Das hat mich geprägt.

Was ist Ihnen aus den Gesprächen mit Ihrem Vater am meisten hängen geblieben?
Wir haben viel über Autos und auch über das Design gesprochen. Ich hatte also von jungen Jahren an jemanden, mit dem ich mich dazu austauschen konnte. Das war ein Riesenvorteil für mich persönlich. Ich wusste deshalb auch schon früh, dass das ein Beruf ist – und wollte das auch machen. Autos zeichnen war für mich das Allergrößte. Wenn alle Kinder rausgegangen sind zum Fußballspielen, dann wollte ich Autos malen. Ja, ich war wirklich total angezündet. Und habe das mit großer Freude gemacht.

Haben Sie etwas in Sachen Design von Ihrem Vater mitgenommen?
Er hat mir viel mitgegeben: Dinge einfach auszuprobieren, zu experimentieren. Er war auch ein großer Fan davon, effiziente Autos zu designen, Autos, die sehr sicher und sparsam sind. Da gibt es Themen wie etwa Fußgängerschutz oder auch Komponenten im Interieur, bei denen Autos tatsächlich sicherer werden können durch die Wahl der Gestaltung. Man denke zum Beispiel an Türgriffe. Die können entweder versenkt sein, oder es sind richtige physische Griffe, die ich schnell auf reißen kann, falls es einen Notfall gibt. Da haben wir Designer auch eine Verantwortung.

Haben Sie dies so auch in Ihren eigenen Designkompass übernommen?
Da sind zahlreiche Werte integriert, die ich als wichtig erachte, auch heute noch. Dazu gehört auch, dass man als Designer eine Verantwortung hat gegenüber den Menschen, die hier arbeiten. Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne viele, die in der Produktion arbeiten. Wenn wir also ein positives, optimistisches, tolles Design kreieren, das die Leute mögen, dann hat das einen Effekt auf die ganze Region. Das muss man sich bewusst machen: Dass man das nicht nur für sich selbst macht, sondern für alle, die im Unternehmen sind und die auch davon leben. Und das sind ja nicht nur viele Menschen hier in Wolfsburg, sondern überall in Deutschland, Europa und auch bis nach China oder Amerika.

»Wenn alle Kinder rausgegangen sind zum Fußballspielen, dann wollte ich Autos malen«

Ganz andere Frage: Muss man sich als Designer zurücknehmen können?
Ja. Das fällt mir sogar relativ leicht, weil ich der Meinung bin, dass man immer wieder neu analysieren muss: Was machen wir da überhaupt? Wofür ist die Marke da? Was erwartet der Kunde von uns? Was
ist das überhaupt für ein Kunde? Welche Bedürfnisse hat er? Wir haben Designwerte entwickelt bei Volkswagen: Stabilität, Sympathie und Secret Source, so umschreiben wir subtile, aber wichtige Designelemente, die das Gesamterscheinungsbild eines Volkswagen-Modells prägen. Stabilität ist so ein Thema, das meiner Meinung nach aktuell sehr wichtig ist in der Gesellschaft. Denn wir erleben momentan Kriege, Unsicherheiten, Inflation. Menschen werden arbeitslos. Ich glaube, in solchen herausfordernden Zeiten muss man ein „stabiles“ Design machen. Damit können wir auch ein bisschen Hoffnung geben – das ist unsere Rolle als Designer.

Bevor Sie ins Unternehmen gekommen sind, ist bei VW manches nicht wie erhofft ins Laufen gekommen. Was ist die Identitätsbasis, auf der Sie aufbauen?
In der Zeit nach dem Diesel-Skandal hatte man das Gefühl, bei Volkswagen alles umdrehen zu wollen. Davon ganz weit weg zu wollen, also vom Verbrenner zum Elektroauto. Ich glaube, im Nachhinein wird das eine ganz wichtige Zeit sein, in der es einen radikalen Umbruch gab, viel schneller, als das sonst passiert wäre. Man hat Elektroautos entwickelt für die sogenannten Early Adopter, die Menschen, die E-Mobilität zum allerersten Mal ausprobiert haben.

Und heute?
Inzwischen sind wir im Mainstream angekommen, jetzt machen wir Elektroautos für alle. Das muss dann jedoch auch jedem gefallen. Und da muss man genau hinschauen und das Richtige tun. Darauf fokussieren wir uns. Das Feedback, das wir bekommen, ist sehr positiv, das sieht man etwa beim ID.EVERY1.

Jetzt beschäftigen wir uns ja schon fast zehn Jahre lang intensiv mit Elektroautos. Wir haben uns von Anfang an gefragt: Müssen die anders aussehen als Verbrenner? Wie fällt Ihr Fazit aus?
Ein Beispiel: Ein Elektroauto hat keinen Verbrennermotor, sondern einen kleinen Elektromotor, also brauche ich auch keine Motorhaube. Ich mache die Hauben also ganz kurz. Und ich mache eine schräge, lange Frontscheibe. Das war das Denken vor sieben, acht Jahren. Wenn die Sonne scheint, dann erhitzt sich das Auto so jedoch sehr schnell. Das ist ein großer Nachteil, denn es steht nur eine begrenzte Energiemenge im Fahrzeug zur Verfügung. Das heißt, ich muss den Innenraum herunterkühlen mit der Energie, die ich eigentlich zum Fahren benötige. Das musste man jetzt lernen über die Jahre, und solche Lernprozesse passieren ständig. Auch beim Bedienkonzept gibt es Fehler, die man gemacht hat. Man denke etwa an die Bildschirmlandschaft, die man in Fahrzeugen sieht. Wir hatten eine regelrechte Bildschirmflut in den chinesischen Autos noch vor fünf Jahren. Das wird gerade völlig zurückgedreht.

Welche Vorteile haben Elektroautos im Hinblick aufs Design?
Die Größe der Batterie bedingt einen langen Rad stand. Dann brauche ich technisch bedingt eine gewisse Breite, die Autos werden breiter dadurch, das sieht gut aus. Dadurch werden die Überhänge kürzer. Die Räder werden größer für einen besseren Rollwiderstand. Und als Ergebnis bekomme ich zwar ein höheres Auto, aber insgesamt werden die Proportionen besser. Das ist schon eine tolle Sache. Und im Interieur haben wir dann die Vorteile, dass wir keine Mittelkonsolen, keine Getriebetunnel und so weiter mehr haben. Das bietet neue Spielräume für die Gestaltung.

Manche Kritiker sagen, E-Autos seien seelenlos, weil ihnen optisch das Markante fehlt.
Wir müssen mehr Charakter in die Autos bringen, und wir müssen vor allem den Charakter von unserer Identität ableiten, von der VW-Identität. Und nicht nach links und rehts schauen, was die anderen machen. Die beste Orientierung für mich ist ein Markenvergleich im Konzern. Der Porsche ist der Schnellste von allen. Der Lamborghini ist der Aggressivste von allen. Der Cupra ist der Coolste von allen. Und was sind wir? Nichts davon. Wir sind nicht die Schnellsten, wir sind auch nicht die Aggressivsten. Sondern wir haben die Chance, die Sympathischsten zu sein. Wenn wir das richtig umsetzen, haben wir tolle Autos, die gerne von den Kunden gefahren werden.

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Stichwort Markenbewusstsein: Der ID.2 arbeitet bewusst mit Golf-Elementen. Fürchten Sie als Designchef nicht die Kritik, einfallslos zu sein?
Die Werte, die wir haben, sind unser höchstes Gut, das wir beschützen müssen. Jedoch meine ich damit nicht die formalen Details. Die Design-Elemente dürfen immer wieder neu sein, andern falls würden wir auf der Stelle treten. Als Designer muss man immer neue Lösungen suchen – und finden. Wenn man das nicht tut, tritt man auf der Stelle und wird rechts und links von der Konkurrenz überholt.

Andreas Mindt ist einer der 10 Kreativ-Köpfe aus der Turi.Moove Paper.01, die die Zukunft der Mobilität entwerfen: 10 Designer, die Fahrgefühl in Form bringen

Andreas Mindt ist seit 2023 Chefdesigner von Volkswagen. Er beginnt 1996 als Designer im VW-Konzern, hilft ab 2014 Audi bei dessen Neuausrichtung, prägt ab 2021 bei Bentley eine neue Designsprache. Zu seinen größten Aufgaben bei VW gehört heute das Design der neuen Elektro-Modelle.